Interview

Grüne Thurgauer Regierungsratskandidatin Karin Bétrisey im Interview: «Ich will Pfeffer in den Wahlkampf bringen»

Karin Bétrisey sagt im ersten Interview, wieso sie für den Regierungsrat kandidiert und weshalb die Grünen mitregieren wollen.

Sebastian Keller
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Karin Bétrisey aus Kesswil tritt für die Grünen zur Thurgauer Regierungsratswahl vom 15. März an.

Karin Bétrisey aus Kesswil tritt für die Grünen zur Thurgauer Regierungsratswahl vom 15. März an.

Bild: Andrea Stalder

Was hat Sie dazu bewogen, für den Regierungsrat zu kandidieren?

Karin Bétrisey: Ich finde es unglaublich wichtig in einer Demokratie, dass die Wähler eine Auswahl haben. Wir Grünen konnten bei den nationalen Wahlen einen enormen Wählerzuwachs verzeichnen, da wäre es schade, wenn wir uns aus der Verantwortung stehlen würden.

Es dauerte lange, bis sich die Grünen zu einer Kandidatur durchrangen. Musste man Sie drängen?

Es war ein parteiinterner Prozess. Aber klar: Niemand in unseren Reihen hatte zum jetzigen Zeitpunkt ein solches Amt angepeilt. Aber nach Gesprächen im privaten wie beruflichen Umfeld habe ich mich dazu entschlossen.

Leiten Sie aus dem Wählerzuwachs der grünen Parteien einem Anspruch auf den Regierungsrat ab?

Definitiv. Seit letztem Herbst wissen wir, dass man mit Überraschungen rechnen darf. Ich will Pfeffer in den Wahlkampf bringen.

Sie sind – wenn man das so sagen darf – politisch noch relativ grün hinter den Ohren. Erst seit 2018 sitzen Sie im Grossen Rat…

….ganz patriotisch seit dem 1. August 2018. Es gab andere, die waren bei ihrer Wahl noch grüner hinter den Ohren (lacht). Kaspar Schläpfer (FDP-Regierungsrat 2003-2016, Anm. d. Red.) war gar nie im Kantonsparlament. Mir haben eineinhalb Jahre gereicht, mich in den Ratsbetrieb einzuarbeiten

Sie traten mit Voten und Vorstössen in Erscheinung. Haben Sie einen Narren an der Politik gefressen?

Erst war es für mich eine Versuchsanordnung. Ich habe Familie, bin beruflich durchgestartet mit einem Wechsel und der Beteiligung an einer Firma. Als ich in den Grossen Rat nachgerutscht bin, war ich selber überrascht, welchen Spass es mir macht. Rhetorik fasziniert mich seit dem Lateinunterricht. Wenn ich mit einer Rede nur schon zwei überzeugen kann, freut mich das.

Im Grossen Rat sind Sie eine von 130, in der Regierung eine von fünf. Was reizt Sie an diesem Amt?

Es reizt mich, dass man viele Entscheidungen treffen darf. In einer kleineren Partei ist es etwas frustrierend, wenn man das eine ums andere Mal den Kürzeren zieht. In der Regierung hätten wir Gewicht, könnten mitreden. Heute haben SVP und FDP eine Mehrheit.

Wie wollen Sie die seit 1986 gültige Zauberformel durchbrechen?

Mit einem frischen Wahlkampf. Ich muss mich nicht verstellen, habe eine Haltung und spreche Dinge an.

Fokussieren Sie auf ein Thema, den Klimaschutz etwa?

Das ist für mich als Raumplanerin besonders wichtig. Ich habe grosse Erfahrung in Themen, die für den Kanton Thurgau wichtig sind. Raumplanung, Verkehr, Mobilität. Wir müssen viel anpacken, gerade bei Gewässerräumen. Ich wohne in Kesswil, wo ein totes Gewässer durchs Dorf fliesst. Politik geht mir manchmal zu langsam.

Greifen Sie mit Ihrer Kandidatur den zweiten SVP-Sitz an?

Es geht nicht darum, eine Partei anzugreifen, sondern darum, die grünen Ziele im Regierungsrat zu vertreten. Ein Sitz wird frei. Die Wähler entscheiden, ob sie jemanden von Rechtsaussen oder mich, die etwas links der Mitte steht, wählen. Ich zähle mich zum liberalen Flügel der Grünen.

Sie waren einst Mitglied der Grünliberalen Partei Thurgau.

Ja, ich war im Kantonalvorstand und präsidierte eine Bezirkspartei.

Haben Sie mit der GLP gebrochen?

Wir arbeiten im Grossen Rat gut mit den Grünliberalen zusammen; es würde mich freuen, wenn sie mich unterstützen.

Wieso der Parteiwechsel?

Das ist eine alte Geschichte, die für mich längst abgehakt ist.

Worum ging es?

Es gab unschöne Geschichten mit dem damaligen Kantonalpräsidenten. Heute ist er bei der SVP, ich bei der GP, bei der GLP ist alles gut. Mehr ist nicht zu sagen.

In der Regierung sind Frauen in der Mehrheit. Ein Nachteil für Sie?

Das Geschlecht sollte keine Rolle spielen. Abgesehen davon spüre ich von der dieser Mehrheit nicht viel. Nehmen Sie die Charta für Lohngleichheit, welche die Regierung trotz Frauenmehrheit abgelehnt hatte.

Hand auf Ihr grünes Herz: Wie sehen Sie Ihre Wahlchancen?

Eine Prognose gebe ich nicht ab. Ich hoffe, dass die grüne Welle weitergeht.

Zur Person

Seit mehr als zehn Jahren im Thurgau wohnhaft

Karin Bétrisey wohnt in Kesswil am Bodensee. Sie ist verheiratet und Mutter einer 15-jährigen Tochter. Bétrisey studierte Kulturingenieurin ETH. Sie ist Teilhaberin der Strittmatter Partner AG in St. Gallen und bearbeitet die Themen Raumplanung und Verkehr. Die 48-Jährige ist seit 2018 Mitglied des Grossen Rat des Kantons Thurgau, sie ist Beobachterin in der Gesetzgebungs- und Redaktionskommission. Aufgewachsen ist Bétrisey im Aargau, im Thurgau lebt sie seit mehr als zehn Jahren. (seb.)