«Ich will nicht bis 70 weiterfahren, um Schulden abzubezahlen»: Corona zwingt erfolgreiches Frauenfelder Gastrotaxi in die Knie

Ende Juni legt Anita Müller ihren Taxibetrieb für immer still. Nach dem langjährigen Erfolg klafft jetzt ein grosses Loch in der Kasse.

Samuel Koch
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Anita Müller sitzt nur noch bis Ende Monat hinter dem Steuer ihres Gastrotaxis.

Anita Müller sitzt nur noch bis Ende Monat hinter dem Steuer ihres Gastrotaxis.

Bild: Samuel Koch

Sie stehen beinahe still. Und das seit Wochen und Monaten. Die Coronakrise trifft die Taxibranche hart, auch am Standort Frauenfeld. Anita Müller hört Ende Monat mit ihrem beliebten Gastrotaxi auf. «Es tut mir im Herzen weh», sagt die 61-Jährige, die mit ihren sechs Mitarbeitenden über 14 Jahre lang Tag und Nacht durch die Gegend gekurvt ist.

Überbrückungskredit kurz vor Rentenalter kein Thema

Kein Open Air Frauenfeld, keine «Crazy Night» Müllheim, keine Hochzeitsfestivitäten, keine Fahrten zum Flughafen Zürich. Der Lockdown um Corona Mitte März war für den Gastrotaxi-Betrieb einschneidend. Zu einschneidend, wie sich jetzt zeigt. Anita, wie sie ausschliesslich genannt werden will, sagt:

«Ich stand jeweils nur am Bahnhof herum und konnte niemanden herumchauffieren.»

Ende Juni ist Schluss, die drei der vier Fahrzeuge sind verkauft, für alle Aushilfsfahrer hat sie Kurzarbeit beantragt und eine Anschlusslösung gesucht.

Aufgrund der fehlenden Aufträge durch abgesagte Grossanlässe fehlt dem Gastrotaxi rund die Hälfte des Jahresumsatzes. Anita spricht von einem sechsstelligen Betrag, ohne genaue Zahlen in der Zeitung lesen zu wollen. «Ich könnte zwar noch bis Ende Jahr überleben», sagt sie. Auch ein Corona-Überbrückungskredit sei diskutiert worden. Sie wolle sich aber nicht kurz vor der Pensionierung noch so hoch verschulden. «Ich will nicht bis 70 weiterarbeiten, nur um meine Schulden abbezahlen zu können», sagt Anita.

Erinnerung an viele Bekanntschaften und schöne Momente

Leicht gefallen ist ihr der jetzige Schritt nicht. Und es sei ihr bewusst, dass wegen der Geschäftsaufgabe jetzt viele in und um Frauenfeld traurig seien. «Ich werde die vielen schönen Fahrten ebenfalls sehr vermissen», sagt Anita wehmütig und dankbar für die vielen schönen Erinnerungen. Sie schaue aber trotz Herzschmerz nach vorne und freue sich, ihre tausenden Fahrgäste vielleicht bei einer anderen Gelegenheit wieder einmal zu sehen.

Ihr eigenes Gastrotaxi behält Anita vorläufig weiter. «Für Notfälle», wie sie sagt. Zudem steht ihr langjähriger Fahrer Peter Felix mit einem Fahrzeug als Taxi Felix weiterhin am Frauenfelder Bahnhofplatz bereit. Jede Nacht.