Interview

«Ich hoffe, dass ein Umdenken passiert und man den Alten etwas zumutet»: Präsident der Thurgauer Terzstiftung reicht nationale Petition gegen Altersdiskriminierung ein

Mit einer nationalen Petition will die im Thurgau beheimatete Terzstiftung die Ausgrenzung der älteren Mitmenschen stoppen. Mit 2252 Unterschriften wurde sie im Mai bei Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga eingereicht. René Künzli, Präsident der in Berlingen operierenden Stiftung, erklärt die Hintergründe.

Florian Beer
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René Künzli, Präsident der Terzstiftung in Berlingen.

René Künzli, Präsident der Terzstiftung in Berlingen.

Bild: Reto Martin (4.April 2019)

Was wollen Sie mit Ihrer Petition erreichen?

René Künzli: Die Terzstiftung hat sich zum Ziel gesetzt, ältere Generationen zu schützen, damit sie auch nach der Pensionierung noch einen Grund zum Aufstehen am Morgen haben. In der Schweiz haben wir aber leider sehr starre Altersgrenzen und die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist für ältere Menschen schwierig. Eine 70-jährige Person wird heute aufgrund ihres nummerischen Alters als alt abgestempelt, obwohl sie noch einen Dienst für die Allgemeinheit vollbringen könnte und oft auch will. Die Menschen werden älter, weshalb es immer mehr Senioren gibt, die für die Jungen eine finanzielle Belastung darstellen können. Mit dieser Petition wollen wir generationsverträgliche Lösungen finden, damit die Alten von heute kein Problem für die Jungen werden.

Stiftung und Petition

Die gemeinnützige Terzstiftung setzt sich für die Interessen der älteren Generationen ein. Die Petition ist aus einer Umfrage bei den Schweizer Parteien hervorgegangen. Darin hatte die Stiftung gefragt, was die Parteien konkret in der Alterspolitik auf den Weg gebracht hatten. Das Resultat lautet, dass die Schweizer Alterspolitik immer noch von einem überholten defizitären Altersbild ausgehe. Die Petition enthält sieben Forderungen. Unter anderem: «Pflegenotstand aktiv vorbeugen», «Altersdiskriminierung gesetzlich verbieten und sanktionieren», «Generationengerechte Infrastruktur».

Mehr dazu hier.

In Ihrer Petition schreiben Sie, dass Senioren in der Schweiz ausgegrenzt, diskriminiert und entmündigt werden. Können Sie dazu ein Beispiel geben?

Eine 80-jährige Frau wollte ihr Haus verkaufen. Kurz vor dem Verkauf verlangte der Grundbuchverwalter ein ärztliches Zeugnis von ihr, das ihre Zurechnungsfähigkeit bestätigen sollte. Die Frau hatte dieses aber nicht, der Verkauf kam nicht zu Stande und sie war natürlich am Boden zerstört. Dieses Beispiel zeigt, dass Senioren hierzulande zwar nur subtil, aber dennoch entmündigt werden. Das Gleiche gilt bei der aufgezwungenen medizinischen Fahrtauglichkeitsbeurteilung, obwohl mehrere Studien belegen, dass sie nichts bringt.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Lösung für das Problem der Diskriminierung aus?

Wir dürfen keine starren Altersgrenzen haben, sondern müssen diese individualisieren. Der Alterungsprozess ist sehr unterschiedlich und es gibt Menschen im Pensionsalter, die noch arbeiten können und das auch wollen. Unsere Stiftung beschäftigt über 300 Senioren, die sich gesellschaftsdienlich einsetzen. Natürlich arbeiten diese nicht mit einem 100-Prozent-Pensum, aber sie sind mehr als bereit, sich für ein Projekt einzusetzen. Wir plädieren in unserer Petition daher unter anderem für flexible statt starre Altersgrenzen und für eine Chancengleichheit für ältere Mitarbeitende.

Im Thurgau gibt es ein überarbeitetes Alterskonzept. Reicht dieses nicht aus, um Senioren zu schützen?

Das Konzept des Kantons ist aus meiner Sicht stark auf die Pflege und weniger auf die Situation auf dem Arbeitsmarkt ausgerichtet. Es ist sehr löblich, dass der Kanton ein solches hat, aber es braucht mehr, um Menschen im Alter länger aktiv zu halten.

Wie schätzen Sie die Thurgauer Alterspolitik im schweizweiten Vergleich ein?

Ich halte den Kanton Thurgau für sehr fortschrittlich, was den Umgang mit Senioren betrifft. Allein die Tatsache, dass es ein Alterskonzept gibt, spricht für ihn. Ich spüre ausserdem eine grosse Solidarität und Nachbarschaftshilfe zwischen den Generationen. In der Coronakrise haben wir gesehen, wie Junge für ihre älteren Mitmenschen einkaufen gegangen sind und sie unterstützt haben. Es gibt bisher keine Anzeichen für Spannungen zwischen den einzelnen Generationen. Mit unserer Petition wollen wir verhindern, dass es irgendwann zu solchen kommt.

Haben Sie bereits Rückmeldungen aus der Bevölkerung, der Politik oder gar vom Bundesrat zu Ihrer Petition erhalten?

Leider haben wir bis jetzt lediglich die Eingangsbestätigung zu unserer Petition erhalten. Die «Thurgauer Zeitung» ist zudem das erste Medium, das diesbezüglich auf uns zukommt. Vom Bundesrat und vom eidgenössischen Parlament erhoffe ich mir, dass ein Umdenken hinsichtlich der Altersgrenzen passiert und man den Alten etwas zumutet.

In Ihrer Petition findet sich kein Wort zur AHV. Denken Sie auch an die Senioren von morgen?

Wir haben die erste und zweite Säule bewusst weggelassen, weil sie weiterhin ein ungelöstes Problem darstellen. Indem wir Senioren länger im Arbeitsmarkt halten, wirkt sich dies positiv auf ihre Gesundheit aus und verursacht dadurch geringere Kosten im Gesundheitswesen. Dies wäre ein erster Schritt, das immer grösser werdende Loch in der AHV zu schliessen. Andererseits wäre ich sofort einverstanden, wenn die AHV künftig nur als Ergänzungsleistung für Geringverdiener da sein würde. Ich kenne einige Menschen in meinem Alter, die auf die AHV verzichten könnten. Diese neue Art der Umverteilung müssten wir zum Beispiel mit Hilfe einer Initiative durchdiskutieren. Die Solidarität wäre diesbezüglich auf jeden Fall da.

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