Interview

Frauenfelder Autor: «Ich habe zwei Identitäten»

Der irakische Flüchtling Usama Al Shahmani ist als Nachwuchsautor ausgezeichnet worden und steht auf der Shortlist der Deutschweizer Buchhändler für das Lieblingsbuch 2019.

Interview: Dieter Langhart
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«In der deutschen Sprache fliege ich»: Usama Al Shahmani (Bild: Ayse Yavas)

«In der deutschen Sprache fliege ich»: Usama Al Shahmani (Bild: Ayse Yavas)

Die Buchhändler der Deutschschweiz haben fünf Bücher gekürt, aus denen sie ihr Lieblingsbuch 2019 auswählen. Auf diese Shortlist schaffte es Usama Al Shahmani mit seinem Roman «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch». Der 1971 geborene Iraker Flüchtling lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Frauenfeld. Er hat zudem vor kurzem den Terra-nova-Preis der Schweizerischen Schillerstiftung erhalten.

Sie waren gewiss überrascht.

Usama Al Shahmani: Völlig. Preis und Nomination motivieren mich ungemein. Vielleicht kann ich dereinst vom Schreiben leben.

Ist Schreiben ein Beruf?

Schreiben ist ein Fieber. Wenn ich nicht schreibe, fehlt mir alles.

Was ist Kreativität?

Eine Lebensform, eine Lebensstrategie. Ich halte die Zeit in einem Moment fest. Ohne Schreiben kann ich nicht leben – so nehme ich die Welt wahr. Aber ich habe Arbeit und Verantwortung für meine Familie.

«Mein neues Buch handelt wieder von den grossen Themen Heimat, Identität, Kulturen.»

Seit wann schreiben Sie?

Seit meinem Studium der arabischen Sprache und Literatur. Mein erster Text, ein Gedicht, erschien in einer irakischen Regionalzeitung. Mein Professor lachte darüber, meine Grossmutter freute sich sehr.

Sie schreiben derzeit an Ihrem dritten Buch.

Es handelt wieder von den grossen Themen Heimat, Identität, Kulturen, ist aber fiktiv. Und die Hauptfigur ist eine Frau.

Fällt das Ihnen schwer?

Die weibliche Perspektive ist neu für mich, aber es gibt geschlechtsunabhängige Gefühle. Mich interessiert, wie sich Identität zwischen zwei so unterschiedlichen Kulturen verändert.

In der Schweiz haben Sie sich die deutsche Sprache angeeignet. Wie fühlt sie sich an?

Ich geniesse eine neue Freiheit. In der deutschen Sprache fliege ich, auch wenn ich falle. Ich muss aufpassen, dass mir die Wörter nicht davonrennen; ich muss die Knospe des Schreibens behüten.

«Wer das Alte nicht hinter sich lässt, kann nichts Neues entdecken.»

An der Pädagogischen Hochschule unterrichten Sie arabische Sprache und Kultur.

Schon zum zweiten Mal als Freifach. Ich leite auch Schreibwerkstätten, und am Samstagabend lese ich im Kunstraum Kreuzlingen und unterhalte mich über das Wandern – das habe ich erst in der Schweiz entdeckt. Und im September bin ich ans Internationale Literaturfestival in Berlin eingeladen.

Was haben Sie im Irak zurückgelassen?

Das Spielerische vielleicht. Wer das Alte nicht hinter sich lässt, kann nichts Neues entdecken. Zu flüchten bedeutet, das Unerträgliche hinter sich zu lassen und andere Räume zu betreten.

Sind Sie ein anderer Mensch geworden?

Ich habe zwei Identitäten, die ein­ander bereichern. In meinem nächsten Buch erzähle ich, was einem ermöglicht, anzukommen – und was einen daran hindert. Migranten haben einen unlösbaren Knoten in sich.

Gibt es eine Verantwortung gegenüber der alten Heimat?

Nein. Aber sie erzeugt eine innerliche Unruhe, man vergleicht ständig. Ich schätze sehr, was ich hier habe, während grosse Unsicherheit den Alltag im Irak bestimmt.

Wie denken Sie über die Zukunft?

Ich geniesse den Moment, ich mag mich nicht am ungewissen Morgen orientieren. Aber was ist, wenn unsere Kinder gross sind? Bleibt man dann einsam zurück?

Sa, 23.3., 18.30 Uhr, Kunstraum Kreuzlingen: Soirée mit musikalischem Dîner: Die Entdeckung des Wanderns: Usama Al Shahmani/PP Hofmann/Karin Streule

Zur Person und zum Buch

Usama Al Shahmani, geboren 1971 in Bagdad und aufgewachsen in Qalat Sukar (Al Nasiriyah), hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert, er publizierte drei Bücher über arabische Literatur, bevor er 2002 als Flüchtling in die Schweiz kam. Er arbeitet heute als Dolmetscher und Kulturvermittelter und übersetzt ins Arabische, u. a. «Fräulein Stark» von Thomas Hürlimann, «Der Islam» von Peter Heine und «Über die Religion» von Friedrich Schleiermacher. Usama Al Shahmani lebt mit seiner Familie in Frauenfeld. «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» (Limmat Verlag 2018) ist sein erster eigener Roman; davor erschien «Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister: eine Begegnung zwischen Bagdad, Frauenfeld und Berlin» gemeinsam mit der Autorin Bernadette Conrad (Limmat Verlag 2016).