«Ich habe mir alles reingepfiffen, was Gott verboten hat»: Das Bezirksgericht Frauenfeld verweist einen Österreicher wegen Drogendelikten des Landes

Ein 49-jähriger Österreicher muss sich wegen insgesamt 62 Delikten vor dem Bezirksgericht Frauenfeld verantworten. Unter anderem hat er mit Drogen gehandelt. Nun muss er für sieben Jahre das Land verlassen. «Der Landesverweis kann auch eine Chance sein», sagt der Vorsitzende Richter.

Rahel Haag
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Das Bezirksgericht Frauenfeld.

Das Bezirksgericht Frauenfeld.

Reto Martin

Der Angeklagte trägt Jeans, einen weissen Kapuzenpullover und klobige Turnschuhe der Marke Fila. Deren Logo ziert auch die weissen Sportsocken. Sein Handgelenk schmückt ein Lederband mit Stacheln. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein Teenager. Doch der gross gewachsene, schlanke Mann ist 49 Jahre alt.

Er muss sich vergangene Woche vor dem Bezirksgericht Frauenfeld wegen gesamthaft 62 Delikten verantworten. Darunter 41 Verbrechen gegen das Betäubungsmittelgesetz, zweimalige Brandstiftung, einmalige versuchte Brandstiftung sowie sechs Vergehen gegen das Waffengesetz.

Erst kiffte, dann fixte er

Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, wie es ihm heute geht, sagt der Angeklagte: «Ich mache das Beste draus.» Unterdessen habe er seine 18-jährige Beziehung «in den Sand gesetzt». Er kam schon früh mit Drogen in Kontakt. Mit 13 Jahren habe er angefangen zu kiffen, gut drei Jahre später konsumierte er Kokain und Heroin.

«Ich habe gefixt und war beim Platzspitz/Letten an vorderster Front dabei.»

Im Jahr 2000 durchlief er eine längere stationäre Massnahme. Seither lässt er die Finger vom Heroin. «Heute konsumiere ich täglich Cannabis und Amphetamine», sagt der Angeklagte, «und am Wochenende ab und zu Kokain.»

Zwischen Herbst 2015 und Dezember 2016 hat er mehreren Personen diverse Drogen verkauft. Darunter Marihuana, LSD, Ecstasy, Kokain und Heroin. Das gibt er zu, damit habe er sich seine eigene Sucht finanziert, wobei es oftmals auch ein Tauschhandel gewesen sei. Angesprochen auf seinen Drogenkonsum sagt er:

«Damals habe ich mir alles reingepfiffen, was Gott verboten hat.»

Bei einer Durchsuchung fand die Polizei in seiner Wohnung verbotene Waffen, wie Butterflymesser, Schlagringe, einen Taser und zwei Schusswaffen. Diese habe er als Zahlungsmittel bekommen, sagt der Angeklagte. «Ich wollte niemanden absäbeln.» Eine der Schusswaffen habe er dagegen unter der Hand gekauft, weil er damals massiv bedroht worden sei. «Ich bin aber nie draussen mit der Waffe herumgelaufen», sagt er, «sie lag immer zu Hause auf meinem Nachttisch.»

Nebst dem Drogenhandel hat der Angeklagte auch Holzbeigen im Wald angezündet. «Das war eine Racheaktion», sagt er und fügt hinzu: «Das war dumm.» Er hatte im Wald 20 Hanfpflanzen gesetzt und grosse Freude an ihnen gehabt. Kurz vor der Ernte habe einer das kleine Feld zerstört. Für ihn sei schnell klar gewesen, dass dafür der Besitzer der Holzbeige verantwortlich sein musste. «Ich wollte ihm schaden», sagt er und betont: «Den Wald wollte ich nicht anzünden.»

Knapp ein Jahr später gab es zwei weitere Vorfälle dieser Art  – mit eindeutigen Beweisen, sprich: gesicherten DNA-Spuren. Auch diese Taten gibt der Angeklagte zu, wobei er sagt: «Ich kann mich nur an das erste Mal erinnern.» Das hänge wohl mit seinem damaligen Drogenkonsum zusammen. Später fügt er hinzu:

«Ich hätte auf meine Ex-Freundin hören sollen, sie war immer meine Bremse.»

Der Angeklagte ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen, doch weil er die österreichische Staatsbürgerschaft hat, droht ihm ein Landesverweis von zehn Jahren. Seine Geschwister hatten sich einbürgern lassen, er nicht. «Das hätte mich damals einen Monatslohn gekostet», sagt er, «das Geld war mir zu schade.»

Zuletzt sei er vor rund 15 Jahren in Österreich gewesen. «Ich weiss nicht, was ich dort soll.» Zudem müsste er sich im Nachbarland ein neues Leben aufbauen. «Aber ich bin ein Lebenskünstler», sagt er, «ich könnte mir wahrscheinlich schon etwas aufbauen.» Das wird er nun müssen.

Erst der Entzug, dann die Haftstrafe

Das Bezirksgericht Frauenfeld hat sein Urteil am Montag bekanntgegeben. Es verurteilt den Angeklagten zu 29 Monaten Haft, unbedingt. Diese wird zu Gunsten eines stationären Drogenentzugs aufgeschoben.

«Sie sollen Ihre Strafe drogenfrei antreten»

sagt der Vorsitzende Richter. Während der Verhandlung hatte der Angeklagte gesagt, dass er sich einen Drogenentzug vorstellen könnte. Weiter ordnet das Gericht während des Vollzugs der Haftstrafe eine ambulante Therapie an.

Schliesslich wird der Angeklagte sieben Jahre des Landes verwiesen. Es handle sich beim Angeklagten durchaus um einen Härtefall. Doch er habe wenige soziale Kontakte ausserhalb der Drogenszene, weshalb eine grosse Rückfallgefahr bestehe.

«Ein Landesverweis kann für Sie auch eine Chance sein»

sagt der Vorsitzende Richter. Der Angeklagte nickt resigniert.