«Ich denke arabisch und schreibe deutsch»: Der Frauenfelder Autor Usama Al Shahmani präsentiert seinen zweiten Roman

Statt in der Kantonsbibliothek hat der Frauenfelder Autor Usama Al Shahmani hat seinen zweiten Roman mit dem Titel «Im Fallen lernt die Feder fliegen» im Saal des reformierten Kirchgemeindehauses vorgestellt.

Dieter Langhart
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Verleger Erwin Künzli hört Usama Al Shahmanis gestenreichem Vortrag zu.

Verleger Erwin Künzli hört Usama Al Shahmanis gestenreichem Vortrag zu.

Bild: Dieter Langhart

Rappelvoll war der Saal der Kantonsbibliothek vor rund zwei Jahren, als Usama Al Shahmani seinen ersten Roman «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» vorstellte. Man kannte längst den irakischen Flüchtling, der hier angekommen ist und eine Familie gegründet hat.

Am Mittwoch zwangen die Coronamassnahmen Bibliotheksleiter Bernhard Bertelmann, in den Saal des reformierten Kirchgemeindehauses auszuweichen, doch auch da mussten manche auf die rasch ausverkaufte zweite Buchvernissage verzichten, auf die Lesung und auf das Gespräch zwischen Autor und Verlagsleiter.

Damals war Usama Al Shahmani «noch ein Geheimtipp», sagt Bertelmann einleitend. «Nach der euphorischen Rezension der ‹Frankfurter Allgemeinen Zeitung› schnellten die Verkaufszahlen hoch, inzwischen ist die sechste Auflage gedruckt.»

Einen Grossteil seines Romans hat Al Shahmani in der Kantonsbibliothek in Frauenfeld geschrieben, an seinem Lieblingsplatz neben dem Huggenberg-Raum. Bertelmann sagt:

«Vielleicht gibt es bald einen Al-Shahmani-Raum.»

Besonders an Al Shahmani sei seine Liebe zur Sprache und zu den Menschen. Sie habe den Schriftsteller auch dazu bewogen, sich als Coach im Projekt «Schreibinsel» einzusetzen.

Zerrissenheit wandert ins Innere der Figur

Neben Usama Al Shahmani auf dem Podium sitzt Erwin Künzli, Co-Verlagsleiter und Lektor des Limmat Verlags. Nach dem Erfolg des ersten, autobiografisch grundierten Romans des Irakers habe er bei «Im Fallen lernt die Feder fliegen» gleich eine grössere Startauflage vorgesehen. Stolz sagt er:

«Nächste Woche wird die zweite Auflage gedruckt.»

Während Al Shahmanis erstes Buch sehr nahe am Autor und seiner eigenen Geschichte als Flüchtling gelegen sei, habe er sich nun weg von sich bewegt, sei die Zerrissenheit ins Innere der Figur gewandert.

Die junge Aida ist in einem Flüchtlingscamp im Iran geboren, kommt mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester in die Schweiz, liebt den Schweizer Daniel, einen Ethnologen, der sie mit seinen Fragen nervt, kehrt mit den Eltern – die sich in der Schweiz nicht integrieren wollen und können – zurück in den Irak. Aussen Ruhe, innen Unruhe und Zerrissenheit. «Warum eine Frau als Protagonistin?», fragt Künzli den Autor.

Er wollte eine gewisse Distanz zu seiner Romanfigur, sagt Al Shahmani. Manche Erfahrungen seien geschlechtsneutral, und es gebe ohnehin zu viele Männer in der Literatur. Es ging ihm um die ganze Familie, nicht nur um Aida, die die Geschichte antreibt. Seine Frage war:

«Was hat die Flucht mit der Familie gemacht?»

Traumata, Heimatverlust und Veränderung im Exil

Er habe als Schriftsteller eine Sprache für diese Gefühle finden wollen. Aida verstehe sich als Schweizerin, frage sich: Wie soll ich mich verhalten als Nicht-mehr-Flüchtling? Und der Autor liest die erste Passage aus seinem Buch, eine Szene über Aidas Eltern auf dem Sozialamt. Er mag nicht zu viel über den Inhalt verraten, nur Grundfragen aufzeigen: Verlust der Heimat, Integrationswillen, Alltagsbewältigung, Assimilation.

Das Gespräch streift wichtige Themen: Traumata, Heimatverlust, Anpassung, die Veränderung im Exil: Wo ist jetzt mein Ich? Was bleibt von meiner Heimat übrig? Was von meinen Erinnerungen? Aidas Vater leidet unter einer amputierten Seele, in der Mutter finden die meisten Wörter keine Wurzeln. Daniels Frage an Aida – «Woher kommst du? Wie gehst du damit um?» – sei das Thema seines Romans, sagt Al Shahmani.

Und wie geht der Autor mit seinen beiden Sprachen um? Usama Al Shahmani bezeichnet sich als «Schweizer Schriftsteller mit arabischem Hintergrund», weil er deutsch schreibt.

«Ich denke arabisch und schreibe deutsch.»

Erwin Künzli schliesst den Abend mit diesem Satz: «Das Entscheidende in der Literatur ist die Sprache – die erzählten Geschichten wiederholen sich.»