«Ich bin nicht mehr derselbe Daniel Hubmann»

Der Orientierungsläufer aus Eschlikon war 2019 auch mit 36 Jahren noch einer der Besten der Welt. Aber für ihn wird es immer schwieriger. Das zunehmende Alter sowie die Fokussierung auf seine Familie mit den zwei Töchtern tragen ihres dazu bei.

Jörg Greb
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Daniel Hubmann hat noch nicht vor, seine Karriere zu beenden. (Bild: Remy Steinegger/Swiss Orienteering, Moerk Spydeberg, 14. August 2019)

Daniel Hubmann hat noch nicht vor, seine Karriere zu beenden. (Bild: Remy Steinegger/Swiss Orienteering, Moerk Spydeberg, 14. August 2019)

Analysiert Daniel Hubmann die abgeschlossene OL-Saison, stellen sich für den 36-jährigen Hinterthurgauer Fragen. «National war es ein herausragendes Jahr», sagt der Eschliker. Mit dem sogenannten Grand Slam, dem Titelgewinn an sämtlichen vier Meisterschaften im Nacht-OL, über die Mitteldistanz, die Langdistanz und im Sprint, ist die Aussage erklärt. Das zuvor letzte und einzige Mal war dies Hubmann 2009 geglückt. Bedeutend sind diese Serie und die Parforceleistungen gegen die starke nationale Konkurrenz für Hubmann aber nicht. «Das ist zweitrangig», sagt er.

Hubmanns Bühne ist die internationale. Auch auf dieser glückte ihm Herausragendes – etwa die Bronzemedaille an der WM in Norwegen über die Langdistanz. Im schwierigen, typisch skandinavischen Gelände bewegte er sich auf dem Level der besten Einheimischen. Zudem bestätigte der dritte Rang im Gesamtweltcup seine Konstanz.

Die Podestquote von 50 Prozent ist passé

Doch da gibt es diesen Vergleich: jenen mit sich selber und seinen früheren Jahren. Heuer in Norwegen gewann Daniel Hubmann seine 28. WM-Medaille bei 50 WM-Rennen. Aber die schier unglaubliche Quote an WM-Medaillen im Vergleich zu Einsätzen vermochte er nicht zu halten. Es blieb bei drei Einsätzen die einzige Medaille. Noch krasser verhält es sich mit den Podest-Platzierungen im Weltcup in dieser Saison. In neun Rennen gelangen ihm nur zwei. «Während Jahren kam ich auf eine Quote von fünfzig Prozent», sagt Hubmann.

Seine Hauptmotivation sei es nicht, an vergangene Zeiten anzuknüpfen. Grosserfolge aber strebt der Routinier mit Wohnsitz in Bremgarten bei Bern nach wie vor an. «Ich will konkurrenzfähig sein, um WM-Medaillen laufen», sagt er dezidiert. Besonders herausfordernd sei dies im Vergleich zur Zeit vor fünf, zehn Jahren, weil es unter anderen Vorzeichen erfolge. «Ich bin nicht mehr derselbe Daniel Hubmann.»

Die eigenen Leistungen nicht schlechtreden

Mit zunehmendem Alter, werde es immer schwieriger, sagt der Thurgauer. Die Aussage bezieht er weniger auf den Wettkampf, sondern mehr aufs Training. Hubmann sagt: «In den Nullerjahren war die Motivation kein Thema. Ich trainierte, rannte, machte einfach.» Es kamen die Erfolge, die WM-Medaillen und 2008 die erste goldene. Zwischen 2008 und 2011 errang Daniel Hubmann vier Weltcup-Gesamtsiege in Folge – zwei weitere folgten 2014 und 2015. «Und irgendwann», so der nunmehr achtfache Weltmeister, «gibt es keine nennenswerte Steigerung mehr, nur noch Wiederholung.» Die unabwendbare Folge: Die Frage nach dem Traum. «So gesehen ist es schwieriger geworden, den Biss hinzukriegen», sagt Hubmann und fügt an:

«Ich muss aufpassen, dass ich mir nicht einrede, es gehe abwärts mit meinen Leistungen.»

Kommen die Lebensumstände hinzu. Die Familie mit den beiden kleinen Töchtern hat die Prioritäten verschoben und die absolute Fokussierung auf den Sport vergessen gemacht. «Vor zehn Jahren standen Training und Erholung über allem, jetzt heisst die Reihenfolge: Familie, Training, Erholung.» Das sei nicht schlecht, aber anders und zu akzeptieren. Und so tauchen bei Daniel Hubmann ab und an auch Gedanken auf, die es einst nicht gab. Etwa am Weltcup-Finale in China die, mit der Frage: «Warum tue ich mir das an?» Das seien aber keine grundlegenden Zweifel an sich und seinem Status als Profi-Orientierungsläufer. Und schon gar nicht Andeutungen, die Karriere könnte sich rasch dem Ende zuneigen.

Schon liegen die nächsten WM-Medaillen bereit

2020 hat Daniel Hubmann deutlich vor Augen. Die erste reine Sprint-WM steht im Juli in Dänemark auf dem Programm. «Für mich das grosse Ziel», sagt der Eschliker. Um Medaillen will der Sprint-Weltmeister von 2017 und 2018, laufen, wenn möglich um Titel. «Ich werde hart am Tempo arbeiten, auf kurze Sachen setzen», sagt Hubmann – ganz im Wissen, dass eine Konstellation wie vor neun Jahren unvorstellbar geworden ist. 2011 gewann er sein erstes Sprint-WM-Gold mit einem Vorsprung von 26 Sekunden. «Heute ist alles viel enger geworden.»