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«Ich besame ja nicht selber»: Unterwegs mit der Wängemer Ebersperma-Kurierin Ruth Marti

Ruth Marti aus Eggetsbühl bei Wängi liefert Ebersperma an Schweinezüchter aus. Nach 14 Jahren bald zum letzten Mal. Während einer Tour erzählt sie unter anderem, welche Reaktionen der Beruf in ihrem Umfeld schon auslöste.
Roman Scherrer
Anlieferung in Matzingen: Ruth Marti holt ein Säckchen mit Ebersperma aus der Kühlbox im Kleintransporter. (Bilder: Andrea Stalder)

Anlieferung in Matzingen: Ruth Marti holt ein Säckchen mit Ebersperma aus der Kühlbox im Kleintransporter. (Bilder: Andrea Stalder)

Sie ist gut gelaunt und wirkt dennoch etwas angespannt. Mit einer Kollegin und einem Kollegen wartet Ruth Marti vor der KB-Station – die Abkürzung steht für Künstliche Besamung – in Eggetsbühl bei Wängi. Die drei Mitarbeiter der Suisag, einem Dienstleister in der Schweinebranche, stehen unter dem Vordach, an diesem Dienstagvormittag giesst es wie aus Kübeln. Der guten Stimmung tut dies keinen Abbruch.

Ruth Marti und ihr Arbeitskollege Ernst Heuer auf einer Bank vor der KB-Station in Eggetsbühl.

Ruth Marti und ihr Arbeitskollege Ernst Heuer auf einer Bank vor der KB-Station in Eggetsbühl.

«Jetzt kommt sie», sagt Ruth Marti und plötzlich wird es hektisch. Eine weitere Kollegin fährt mit einem Kleintransporter vor. Marti und ihre beiden Mitarbeiter holen einige der Kisten und Plastiksäckchen aus dem Kofferraum und verteilen sie in zwei weitere Fahrzeuge.

«Das bleibt drin.» – «Bühler, das ist für dich.»

Bei der Fracht, die aufgeteilt wird, handelt es sich um Ebersperma und Zubehör für die künstliche Besamung von Schweinen. Ruth Marti und ihre beiden Kollegen sind Kuriere. Auf ihren Touren durch die Nordostschweiz liefern sie das Sperma direkt zu den Höfen von Schweinezüchtern oder zu Depots, bei denen die Züchter die Ware abholen können.

Lacher aus dem Umfeld geerntet

«Es mussten schon viele lachen.» Ruth Marti kann sich selber ein Lächeln nicht verkneifen, als sie erzählt, welche Reaktionen sie aus ihrem Umfeld erhalten hatte, als sie ihren Beruf erklärte.

«Ich sagte dann jeweils: Ich bringe es ja nur, ich besame nicht selber.»

Bevor Marti losfahren kann, muss sie zuerst die beschlagenen Scheiben abwischen. «Ausgerechnet heute habe ich ein anderes Auto», sagt sie. Das Fahrzeug, welches sie normalerweise fahre, erhalte derzeit eine neue Windschutzscheibe. Ein Steinschlag hat die alte beschädigt.

Ruth Marti schaut auf ihre Touren-Liste, die erste Station ist Affeltrangen. Los geht’s. «Ich fahre gerne Auto», sagt Marti. «Aber jetzt ist es für mich auch gut, wenn ich bald weniger fahren muss.» Seit 14 Jahren arbeitet sie als Kurierin für die Suisag, Ende September wird sie ihre letzte Tour fahren und in Pension gehen.

Die Stelle hat die heute 65-Jährige angetreten, nachdem ihr Mann verstorben war. Sie hatte damals vernommen, dass jemand für den Job gesucht werde. «Ich wohne ja ganz in der Nähe. Eine Bewerbung musste ich dazumal nicht schreiben.»

In Affeltrangen angekommen sieht Marti nochmals auf die Liste, läuft schnell ums Auto und nimmt ein Säckchen aus der Kühlhaltebox im Kofferraum. Darin schimmert die Flüssigkeit blau durch die beiden Kunststoffbehälter:

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Ruth Marti betrachtet die Etikette auf dem Säckchen. «Ich muss schauen, dass ich nicht das falsche erwische», sagt sie, schreitet schnell durch den Regen und bringt die Ware ins Depot. Wie das Ebersperma gewonnen wird, konnte Marti nie beobachten. Zu streng seien die Hygienevorschriften.

An drei Tagen pro Woche fährt die Eggetsbühlerin ihre Touren: montags, dienstags und freitags. «Ich sage oft: Ich bringe es und mein Sohn holt es.» Mit «es» sind die Schweine gemeint, Martis Sohn sei nämlich im Tiertransport tätig. Insgesamt hat Ruth Marti vier Kinder und sechs Enkel. Letztere hütet sie jeweils mittwochs und donnerstags, bald noch häufiger.

Temperatur muss stimmen

Die nächste Station liegt bei Weinfelden. Marti bringt das Säckchen mit der Samenflüssigkeit in eine Scheune, in der eine Styroporbox bereitsteht. Dort legt sie das Säckchen hinein, zückt ein kleines Thermometer und misst die Temperatur in der Box. Das Display zeigt 20,2 Grad Celsius. «15 bis 25 Grad sind optimal», erklärt Marti und trägt die Zahl in ihre Liste ein. «Ab der Auslieferung sind die Züchter verantwortlich, dass die Temperatur stimmt.»

Eher selten trifft sie die Bauern und Züchter an. «Aber ich bin sowieso nicht diejenige, die sofort ein Gespräch beginnt.» Normalerweise ist Marti alleine unterwegs. Sie hört dann Radio, mehr Ablenkung liegt nicht drin. «Ich muss schauen, dass ich nicht irgendwo falsch abbiege.»

Wenn sie am Klingenzellerhof vorbeifährt oder an einem Wegweiser, der zum Schloss Freudenfels zeigt, sagt Marti:

«Hier muss ich auch mal hin, wenn ich nicht mehr arbeite.»

Die Tour führt Richtung Schaffhausen. «Schau, diese Rüben. Und hier, der Mais. Das ist sicher alles vom Hagel beschädigt worden.» Sie sei halt irgendwie immer noch Bäuerin und achte auf solche Dinge, auch wenn sie nicht mehr auf einem Hof arbeite, sagt Ruth Marti. Sie ist aber auf einem Bauernhof aufgewachsen, später führte sie mit ihrem Mann den eigenen Hof in Eggetsbühl.

«Hier in Gächlingen müssen wir zum hohen Turm.» Solche Merkmale hatte sich Marti notiert, als sie als Kurierin angefangen hatte, um sich zurechtzufinden.

«Auf einer Schulkarte des Kantons Thurgau habe ich damals noch die Routen eingezeichnet.»

Heute kennt sie auch jede nicht beschilderte Kreuzung. «Wenn es grün wird, schaffen wir es hier sicher nicht sofort vorbei», sagt Marti, als sie bei Schaffhausen an eine Kolonne vor dem Lichtsignal auffährt. Und sie hat recht, zu schnell schaltet die Anlage zurück auf rot.

Ein Hof bei Fehraltorf ist die letzte Station. Danach geht’s zurück nach Eggetsbühl. Bei der KB-Station rapportiert Ruth Marti die Anzahl gefahrener Kilometer. 173 waren es auf dieser Tour Nummer 10. Es war eine kurze Tour – am Vortag fuhr sie auf 244 Kilometern etwa doppelt so viele Ziele an.

Ruth Marti schliesst das Auto ab, spannt den Regenschirm auf und läuft nach Hause. Dort wird sie «einfach mal die Beine hochlagern, ein Klatschheftli lesen oder in die ‹Kiste› schauen.» Bei schönem Wetter sitzt sie gerne unter dem grossen Nussbaum hinter ihrem Haus. Alles Dinge, für die Ruth Marti bald mehr Zeit haben wird.

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