Interview

«Ich bekenne mich schuldig, mit reinem Gewissen»: Peter Raich, ehemaliger Pfarrer in Berlingen, will dort das Haus einer verstorbenen Bekannten erben

Seit bekannt ist, dass Berlingens Ex-Pfarrer Peter Raich ein Haus einer verstorbenen Betagten erben will, prangert ihn die Öffentlichkeit als Erbschleicher an. Im Thurgau ist die Annahme von Geschenken für Seelsorger nicht verboten. In Bern dagegen schon, weshalb Raich jetzt seine Stelle verloren hat.

Samuel Koch
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Die Liegenschaft an der Seestrasse 14 in Berlingen.

Die Liegenschaft an der Seestrasse 14 in Berlingen.

Bild: Printscreen(Google Maps

«Werte wie Vertrauen und Integrität sind unsere Grundlage und unser Kapital.» So begründet die Präsidentin des evangelischen Kirchengemeinderats in Walkringen BE die Freistellung des ehemaligen Berlinger Pfarrers Peter Raich gegenüber der «BZ». Dem 64-jährigen Raich wird das Vermächtnis einer im März verstorbenen Frau aus Berlingen zum Verhängnis, zu der er auch nach seinem Rücktritt in der Gemeinde am Untersee eine freundschaftliche Beziehung aufrechterhalten hat.

«Entgegen der wiederholten Forderung der Berner Landeskirche» habe sich Raich dazu entschieden, mit dem Haus an der Seestrasse 14 in Berlingen das Erbe einer seelsorgerlich betreuten Person anzunehmen, die verwitwet und kinderlos war. Im Kanton Thurgau ist die Annahme von Geschenken im Gegensatz zum Kanton Bern nicht illegal.

Peter Raich, war Pfarrer der evangelische Kirchgemeinde Berlingen von 2012-2014

Peter Raich, war Pfarrer der evangelische Kirchgemeinde Berlingen von 2012-2014

Bild: PD

Herr Raich, schlafen Sie derzeit schlecht?

Peter Raich: Nein, ich habe ein reines Gewissen.

In den Medien werden Sie als Erbschleicher gehandelt?

Das bedauere ich zutiefst. Ich habe mich auch nach Ende meiner Zeit als Pfarrer in Berlingen um eine betagte Frau gekümmert.

Sie hat mich darum gebeten und wie ihren Sohn behandelt, den sie nie hatte.

Bis kurz vor ihrem Tod war sie übrigens geistig im Vollbesitz ihrer Kräfte. Das können ihr Anwalt und ihre Hausärztin bezeugen.

Aber Sie geben zu, einen Fehler gemacht zu haben?

Ja, ich bekenne mich dadurch schuldig, dass ich den Artikel des Personalgesetztes überprüfen lassen habe, ob dieser für meinen konkreten Fall zutrifft. Nach meinem Wegzug aus Berlingen habe ich meine neue Rolle als Privatperson mit der Frau geklärt. Die Auskunft, die ich erhalten habe, hat mich ermutigt, der Frau zu sagen, dass ich das Erbe annehmen darf.

Sie sind 2014 aus «privaten Gründen» zurückgetreten?

Dazu möchte ich nicht viel sagen, ausser dass ich damals wegen einer zerbrochenen Beziehung auf Distanz gehen wollte. Das hat aber nichts mit der jetzigen Geschichte zu tun.

Im Kanton Bern sind Geschenke über 200 Franken für Seelsorger verboten.

Das wusste ich und habe mich deshalb 2016 beraten lassen. Wenn ich damals ein klares Nein gehört hätte, hätte ich das der Frau gesagt, damit sie rechtzeitig für ihr Erbe eine andere Lösung hätte suchen können.

Als mich die Landeskirche im Januar informierte, dass ich das Erbe nicht antreten darf, fiel ich aus allen Wolken, konnte jedoch an ihrem Sterbebett meinen Fehler nicht mehr rückgängig machen.

Deshalb sagten Sie zu?

Ich sah mich gegenüber der Frau moralisch verpflichtet, weil ich zu ihrem persönlichen Vertrauten geworden war und sie sich vier Jahre lang auf meine Zusage verlassen hat. Das steht übrigens so in ihren Tagebüchern.

Für diesen Schritt haben Sie Ihren Job verloren.

Das macht mich unendlich traurig. Ich habe mich Jahrzehnte lang mit ganzer Kraft für die Kirche eingesetzt. Das ist ein unwürdiges und tragisches Ende einer engagierten Karriere.

Wie geht es jetzt weiter?

Nach der entstandenen Aufregung muss ich mich nun zurückziehen, neu orientieren und das Ganze verarbeiten. Ich bin offen und überzeugt, dass sich neue Wege zeigen werden.

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