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Im Extremfall steht Weinfelden bis zum Bahndamm unter Wasser

Ein Regen im Alpstein, wie er alle 300 Jahre zu erwarten ist, würde Weinfelden teilweise überfluten. Der Kanton will deshalb den Damm verstärken und dem Fluss mehr Platz geben. Für die Bestimmung des umstrittenen Gewässerraums gibt es wenig Spielraum.
Interview: Thomas Wunderlin
Der Exerzierplatz wird heute als Acker genutzt. Bei Hochwasser wird er überflutet bis zum Damm, der ihn gegen das Weinfelder Zentrum abgrenzt. (Bild: Andrea Stalder)

Der Exerzierplatz wird heute als Acker genutzt. Bei Hochwasser wird er überflutet bis zum Damm, der ihn gegen das Weinfelder Zentrum abgrenzt. (Bild: Andrea Stalder)

Das Thurgauer Verwaltungsgericht hat kürzlich in einem Punkt den Bauern recht gegeben, die sich gegen das Hochwasserschutzprojekt Weinfelden-Bürglen wehren. Zuerst muss der Gewässerraum bestimmt werden, bevor das Verwaltungsgericht die weiteren Einsprachen behandelt, die sich gegen die vom Thurgauer Grossen Rat 2014 beschlossene Umgestaltung des 3,7 Kilometer langen Thurabschnitts richten. Dabei soll die Thur mehr Platz bekommen, sich ins Ufer fressen, eventuell bis zur sogenannten Interventionslinie. Umstritten ist vor allem der sogenannte Exerzierplatz, eine Ackerfläche von 21 Hektaren im Eigentum der Weinfelder Bürgergemeinde. Der Bauernverband fordert, dass darauf weiterhin Intensivlandwirtschaft betrieben werden kann. Das ist jedoch nicht mehr möglich, wenn der Exerzierplatz zum Gewässerraum gezählt wird. Marco Baumann, Experte für Wasserbau und Hydrometrie, ist im kantonalen Departement für Umwelt zuständig für den Hochwasserschutz.

Marco Baumann, was passiert in Weinfelden, wenn es regnet wie beispielsweise 2005 in Engelberg?

Die Thur tritt über die Ufer bis zum Hochwasserdamm.

Wäre das ein Problem?

Nicht, solange der Damm hält. Auch am 1. Juni 2013 kam das Wasser zum Damm.

Marco Baumann, Experte für Wasserbau, hier an der Murg. (Bild: Andrea Stalder)

Marco Baumann, Experte für Wasserbau, hier an der Murg. (Bild: Andrea Stalder)

Damals wurde das Weinfelder Schwimmbad überflutet, aber es war nicht so viel Wasser wie in Engelberg.

Ja. Wir haben die Niederschlagsereignisse von Engelberg 2005 modellmässig auf den Säntis verlagert und dort regnen lassen. In Weinfelden hätte sich eine Hochwasserwelle von 1500 bis 1600 Kubikmeter ergeben. Das Hochwasser 2013 hatte 1100 Kubikmeter.

Das ist fast die Hälfte mehr. Was wären die Folgen?

Grössere Flächen würden überflutet. Ob der Hochwasserdamm versagen würde, weiss ich nicht. Oberhalb des Exerzierplatzes ist der Damm in einem 400 Meter langen Abschnitt zu tief und zu wenig stabil. Hier könnte er brechen. Daraus ergäben sich Überflutungen im Siedlungsgebiet.

Das Zentrum Weinfeldens würde unter Wasser stehen?

Das Zentrum sicher nicht. Aber das Gebiet bis zum Bahndamm.

Ihre Studie ergab Schäden von 380 Millionen Franken. Wie realistisch ist das?

Das ist ein angenommener Wert. Er könnte noch höher werden. Denn seit wir das 2010 berechnet haben, hat sich das Siedlungsgebiet weiter ausgedehnt. Nicht eingerechnet ist die Fahrhabe. Dazu zählen Autos oder Einrichtungen und Infrastrukturen in den Gebäuden. Menschen sind nicht gefährdet, ausser wenn jemand im Keller vom Hochwasser überrascht würde.

Wie hoch wäre das Wasser oberirdisch?

30 bis 50 Zentimeter – je nach der Entfernung von der Dammbruchstelle.

Wie wahrscheinlich ist das?

Es ist ein Extremereignis, mit dem alle 300 Jahre zu rechnen ist.

Wann sind die 300 Jahre vorüber?

Das weiss ich nicht. Es ist ein statistischer Wert. Wir hatten 1977 und 1978 grosse Hochwasser im Thurtal mit 1000 und 1100 Kubikmeter, damals brach der Hochwasserdamm bei Felben und bei Erzenholz. 1965 hatten wir ein Hochwasser, das in Weinfelden Infrastrukturen und Wehranlagen zerstörte. An andern Orten in der Schweiz hat die Natur in diesen Jahren so zugeschlagen, wie man es sich zuvor nicht vorstellen konnte. In Bezug auf Risiken und Schäden ist die Natur nach oben offen.

Das Wetter hält sich oft nicht an die vom Ingenieur berechneten Wassermengen. Die Natur ist brutaler.

Das klingt alarmistisch.

Nicht alarmistisch, sondern vorsichtig im Sinne von: Wir sollten Schutzmassnahmen so ausrichten, dass sie robust und belastbar sind. Wir sollten hinter dem Damm so sicher sein, dass es uns wohl ist, und wir sollten diesen Schutz noch zahlen können.

Würde das vom Gericht gestoppte Projekt die Schwachstelle beheben?

Ja.

Reicht das nicht für einen verbesserten Hochwasserschutz?

Nein. Auch das Gesamtsystem hat Defizite. Es ist begradigt, monoton, eintönig. Im Gerinne hat es zu wenig Kapazität, um das Wasser bei einem sehr grossen Hochwasser abführen zu können.

Geht es auch um eine Revitalisierung gemäss Gewässerschutzgesetz?

Wasserbau- und Gewässerschutzgesetz verlangen beide, dass wir unsere Gewässer hochwassersicher machen und ökologisch aufwerten.

Was ist aus Sicht des Hochwasserschutzes notwendig?

Den Damm verstärken, das Gerinne verbreitern, damit die Sohle stabilisiert und die Querschnittsfläche zum Abfliessen grösser wird. Die Fliessgeschwindigkeit wird verkleinert, das Geschiebe abgelagert, nicht aus der Sohle herausgerissen.

Ist es ein Problem, wenn sich der Fluss tiefer eingräbt?

Die Seitenmauern könnten irgendwann nicht mehr halten. Ausserdem wird das Grundwasser gefährdet. Entlang der Thur verlaufen Werkleitungen, die gesichert werden müssten. Wenn das Abflussgerinne breiter ist, hat das Wasser weniger Kraft, weil es langsamer fliesst.

Der Hochwasserschutz wird aber nicht sofort verbessert, wenn das Projekt endet. Sie überlassen es der Thur, sich mehr Platz zu schaffen?

Maschinell nehmen wir nur entlang des jetzigen Ufers Material weg. Dann schauen wir, was passiert. Mit der Zeit haben wir ein so breites Gerinne, dass sich der Wasserspiegel senkt. Trotz der unveränderten Höhe des Hochwasserdamms erhalten wir dadurch ein stabileres System, das mehr Wasser aufnehmen kann, bevor es die Dammkrone erreicht. Der Damm wird somit weniger belastet.

Was bedeutet es für den Hochwasserschutz, wenn der Exerzierplatz nicht zum Gewässerraum zählt?

Für den Hochwasserschutz nichts. Ohne bauliche Veränderungen wird das Wasser wie früher auch dort durchfliessen. Es geht darum, dass wir vom Verwaltungsgericht den Auftrag erhalten haben, den Gewässerraum festzulegen. Wenn wir bei einer Gesamtabwägung zum Schluss kommen, dass der Gewässerraum wie angenommen bis zum Damm reicht, dann ist gemäss Gesetz keine intensive Landwirtschaft möglich.

Das Hochwasserschutzprojekt betrifft einen 3,7 Kilometer langen Thurabschnitt oberhalb der Rothenhauser Brücke; im Hintergrund links ist die umstrittene Exerzierwiese zu sehen. (Bild: Reto Martin)

Das Hochwasserschutzprojekt betrifft einen 3,7 Kilometer langen Thurabschnitt oberhalb der Rothenhauser Brücke; im Hintergrund links ist die umstrittene Exerzierwiese zu sehen. (Bild: Reto Martin)

Weshalb haben Sie die Gewässerraumlinie provisorisch hinter den Damm gelegt?

Der Gewässerraum ist auch für das schadlose Ableiten des Hochwassers da.

Weshalb wird Intensivlandwirtschaft aus diesem Gebiet verbannt?

Schadstoffe können direkt ins Wasser ausgetragen werden. Deshalb will man eine Pufferzone schaffen. Der Gewässerraum ersetzt die heutigen Gewässerabstände.

Also geht es um Gewässerschutz.

Ja. Aber man dimensioniert die Grösse so, dass das Hochwasser schadlos abgeleitet werden kann. In Weinfelden ist die Ausgangslage logisch für mich. Der Hochwasserdamm wurde im 19. Jahrhundert gebaut, um die Siedlung zu schützen. Die Grenzziehung des Gewässerraums ist deshalb einfach, nämlich beim Damm.

Die einzig mögliche Linie?

Man muss gemäss Gesetz den minimalen Gewässerraum ausscheiden. Dann muss man schauen, ob er reicht für das schadlose Ableiten des Hochwassers. Hier haben wir eine Struktur von Schutzbauten, die seit mehr als hundert Jahren gewährleistet, dass die Hochwasser schadlos abgeleitet werden. Wir müssen sie nur noch baulich verbessern und verstärken. Also schränken wir von unserer Seite diesen Raum nicht ein. Wenn wir den Damm zur Thur verschieben würden, müssten wir ihn ja viel höher bauen.

Das Hochwasserschutzprojekt kann jetzt weitere Jahre nicht gebaut werden. Was bedeutet das für die Hochwassersicherheit?

Sie ist nicht gewährleistet, bis es gebaut und umgesetzt ist. Jeder, der hinter dem Hochwasserdamm wohnt oder ein Gewerbe betreibt, muss solange mit dem heutigen Restrisiko umgehen können.

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