«Hoch die Krüüüügeee»: Viele Thurgauer feiern am Oktoberfest in Konstanz

Ohne Dirndl und Lederhosen geht hier gar nichts: Am Konstanzer Oktoberfest fühlt sich die Ostschweiz fast wie in München. Man kommt wegen der Stimmung und des Biers. Den Ehepartner lässt man gern zu Hause.

Ida Sandl
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Die Frauen haben die Haare zu Zöpfen gebunden und tragen Dirndl mit Ausschnitt. (Bild: Reto Martin)

Die Frauen haben die Haare zu Zöpfen gebunden und tragen Dirndl mit Ausschnitt. (Bild: Reto Martin)

Seppelhüte sind zum Glück selten geworden. Hochgeschlossene Dirndl gibt es auch nicht viele. Dabei wären sie in diesem Jahr angesagt. Das modische Verhüllungsgebot hat sich noch nicht durchgesetzt. Ein bisschen Dekolleté gehört schliesslich zum Oktoberfest.

Auch Andy ist deswegen da. Er ist 51 Jahre alt, kommt aus Güttingen am Obersee und hat zwei Kollegen mitgebracht. Der Ausschnitt sei nur der dritte Grund, weswegen er hier ist, sagt Andy. Zuerst kommt die Musik, dann das Bier.

Seine Frau hat mittlerweile auch ein Dirndl mit Ausschnitt, er eine Lederhose. Weil sie sich vergangenes Jahr in Konstanz etwas fremd vorgekommen seien: Schweizer und dann auch noch in Zivil. Das ist ja fast, als wolle man das Anderssein zelebrieren. Es heisst zwar offiziell Deutsch-Schweizer Oktoberfest. Aber es spielt sich halt doch alles auf Konstanzer Boden ab, das schleckt keine Geiss weg.

Die Frauen tragen Zöpfe, die Männer Karo-Hemden

Gefühlte 95 Prozent der Besucher in der Paulaner Festhalle tragen an diesem Freitagabend Dirndl oder Lederhose, die Männer dazu entweder blau oder rot karierte Hemden. Die Frauen haben die Haare zu Zöpfen gebunden, echten und falschen. Andy hat ein schwarzes Hemd mit einer kleinen Stickerei an, das passt irgendwie auch.

Daheim in Güttingen hätten er und seine Kollegen sich nicht ganz wohl gefühlt in ihrem Outfit, so als wären sie verkleidet. Sehr schnell seien sie ins Auto gestiegen. In Konstanz hat es dann aber gepasst.

Die Mädels haben die Ehemänner daheim gelassen

Die Band auf der Bühne nennt sich Alpen Mafia. Deswegen tragen die Musiker Sonnenbrillen und schwarze Hüte. Ansonsten spielen sie, was die meisten in Bierzelten heute spielen. Zu Udo Jürgens «ehrenwertem Haus» stehen eine knappe Stunde nach der Öffnung der Festhalle die ersten karierten Hemden auf den Bänken. Das liegt sicher auch am Bier, das in gläsernen Masskrügen serviert wird. Ausser bei Andy und seinen Kollegen, die haben kleine 0,5 Liter Gläser vor sich. Weil sie schon ein paar Stunden da sind und eine richtige Mass halt schon einschenkt. Obwohl sie nicht selber Auto fahren müssen. Die Frau von Andy holt sie ab. Anruf genügt.

Konstanz (D) - Stimmung und viel Bier am Oktoberfest in Konstanz.
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Konstanz (D) - Stimmung und viel Bier am Oktoberfest in Konstanz.
Konstanz (D) - Stimmung und viel Bier am Oktoberfest in Konstanz.
Konstanz (D) - Stimmung und viel Bier am Oktoberfest in Konstanz.
Konstanz (D) - Stimmung und viel Bier am Oktoberfest in Konstanz.
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Konstanz (D) - Stimmung und viel Bier am Oktoberfest in Konstanz.
Konstanz (D) - Stimmung und viel Bier am Oktoberfest in Konstanz.

Konstanz (D) - Stimmung und viel Bier am Oktoberfest in Konstanz.

Auch am Tisch nebenan spricht man Schweizerdeutsch: Eine Gruppe Schulfreundinnen vom Untersee hat die Ehemänner zu Hause gelassen. Ihre Nachbarn sind stämmige Ex-Sportler, ebenfalls aus dem Thurgau. Reiner Zufall, sie haben sich nicht gekannt. Das wird sich im Laufe des Abends noch ändern. Dann werden sie feststellen, dass die Ex des einen Sportlers jetzt mit dem Bruder der einen Schulfreundin zusammen ist. «Die Welt ist ein Dorf», werden sie dann sagen.

Heidi verteilt hochprozentige Shots

Die Alpen Mafia sorgt in schöner Regelmässigkeit dafür, dass keiner hier das Trinken vergisst. Vielleicht ist es das Mafiöse an ihnen. Das klingt dann so: «Hoch die Krüüüügeee, die Krüüüügeee, die Krüüüügeee.» Und dann gibt’s ein Prosit und auch erstaunlich zarte Frauen stemmen erstaunlich volle Bierkrüge in die Höhe.

Für alle, denen das zu langsam geht, gibt’s härtere Sachen. Die bringen hübsche Mädchen mit Blumengirlanden im Haar und einem Korb unterm Arm, die aussehen wie Heidi, die sich jetzt als Serviererin durchschlägt. Im Korb haben sie Teufelszeug, kleine bunte Fläschchen mit hochprozentigen Shots. Da lässt sich auch der Mädel-Tisch nicht zweimal bitten. Schliesslich gehen um 23.30 Uhr die Lichter aus – und das nur am Wochenende, sonst ist schon eine halbe Stunde früher Schluss.

Plötzlich packt die Polizei die Handschellen aus

Farbtupfer zwischen den Lederhosen und der Dirndelei sind ein paar Männer in Leuchtjacken. Die Grellgelben sind muskelbepackte Sicherheitsleute, sie haben je nachdem die Köpfe rasiert oder die Haare modisch gestylt. Die Samariter tragen rote Jacken, auf dem Rücken Notfallkoffer.

Kurz bevor die Alpen Mafia die Sonnenbrillen abnimmt und die Gitarren wegpackt, geht’s in der VIP-Arena auf der Empore nochmals richtig zur Sache. Zwei Schweizer sind sich in die Haare geraten. Plötzlich werden sie von Sicherheitsleuten umringt, vier Polizisten kommen dazu, zwei von der Thurgauer Kantonspolizei. Die Männer gestikulieren wild, reden sich um Kopf und Kragen. Einer wird in Handschellen abgeführt. Sein Kollege ist am Tisch eingeschlafen, er wird erst in ein paar Stunden erfahren, was los war.

Ein Paar tanzt eng umschlungen, nur ein paar Schritte entfernt von Polizei und Gemenge und Handschellen. Grosse Emotionen, hier wie dort. Oktoberfest halt.