Hinter verschlossenen Türen: Die Odd Fellows geben in Sirnach einen Einblick in eine fremde Welt

Sie bleiben im Verborgenen, sind aber kein Geheimbund: Die Odd Fellows geben einen Einblick in ihre Welt aus Ritualen, Symbolen und Freundschaft. Eine Welt, die fremd und bekannt zugleich ist.

David Grob
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Obermeister Ivo Bommer am linken Stehpult eröffnet die Sitzung. (Bild: David Grob)

Obermeister Ivo Bommer am linken Stehpult eröffnet die Sitzung. (Bild: David Grob)

Drei kleine Kettenglieder, goldig und ineinander verschlungen, zieren die Tür in schlichtem Weiss. Dahinter verbirgt sich eine Welt, die normalerweise im Schatten des Unbekannten verbleibt, verborgen, aber nicht geheim. Eine Welt, die sich aus Ritualen, humanistischen Werten und Männern in Anzügen zusammensetzt. Die drei Kettenglieder stehen für Freundschaft, Wahrheit und Liebe. Sie sind der Dreiklang, der die Welt der Odd Fellows erfüllt. Ein Nachhall aus der Zeit der Aufklärung.

Ähnlich wie andere Logenvereinigungen wie etwa die Freimaurer haben die Odd Fellows ihre Ursprünge in der Aufklärung. Sie vertreten die Werte dieser Zeit: humanistische, weltliche und philanthropische Werte. Der Orden ist in verschiedene Logen organisiert, die insbesondere in Nordamerika, in Nord- und Westeuropa sowie Australien verbreitet sind. Vereinzelte Ableger finden sich auch auf anderen Kontinenten.

1819 gegründet feiern die Odd Fellows ihr 200-Jahr-Jubiläum. An einem Gästeabend öffnen die Fürstenland-Loge Nr. 34 Sirnach-Gloten ihre Tür und geben einen Einblick in ihre Welt, die fremd und bekannt zugleich ist.

Freundschaft und Sinnsuche

Hinter der weissen Tür mit den drei Kettengliedern wartet ein warmer Raum mit offenem Holzgebälk und Herren in Anzügen und Krawatten. Die Rituale eines Apéros werden begangen: Gläser klirren, man stellt sich vor, nippt am Glas, führt Smalltalk. Im Zentrum Ivo Bommer, randlose Brille, hellgrauer Sakko und gleichfarbiger Schnurrbart. Seit Januar der neue Obermeister der örtlichen Loge. Er könnte auch der Präsident eines Gewerbevereins oder eines Männerchors sein.

Bommer spricht über die Werte der Odd Fellows:

«Wir wollen unsere drei Kettenglieder Freundschaft, Wahrheit und Liebe in unserem Umkreis, in der Familie und am Arbeitsplatz leben.»

Das so hehre wie hohe Ziel: eine weltumspannende Bruderkette zu bilden und eine Verbrüderung der Menschheit zu erreichen. Die Odd Fellows seien mehr als nur ein Verein, sagt der Obermeister, sie seien eine Bruderschaft. Freundschaft werde gelebt: «Wir sind füreinander da, wenn jemand Probleme hat.»

Ein toleranter Umgang mit religiösen und politischen Ansichten wird praktiziert. Diese bleiben Privatsache eines jeden Einzelnen. Gleichzeitig sehen sich die Odd Fellows als Lebensschule, man denke über den Sinn und den Inhalt seines Lebens nach. «Was ist wichtig in meinem Leben? Wo will ich hin?» Bommer verkörpert die Werte, die er vertritt. Er wirkt überlegt und ruhig, ausgeglichen und geerdet.

Obschon ein öffentlicher Gästeabend, bleibt der Kreis exklusiv. Sechs Gäste sind eingeladen, die von den 16 Mitgliedern der Bruderschaft angefragt worden sind. «Wir möchten wachsen», sagt Bommer. 25 Mitbrüder sei das Ziel. Zu gross soll der Orden aber nicht werden. «Wir müssen uns untereinander kennen.» Man bleibt doch unter sich.

Ein Gast, der aufgenommen werden möchte, braucht zwei Paten, die für ihn bürgen. Anschliessend führen die Odd Fellows eine Abstimmung mit schwarzen und weissen Kugeln durch. Die sogenannte Ballotage. Wie diese konkret aussieht und woraus das Aufnahmeritual besteht, möchte Bommer aber nicht verraten.

Ein Geheimbund also? «Dies ist eben falsch», betont Ivo Bommer mehrfach. Dieser Mythos stamme noch aus der Entstehungsphase des Ordens, als sich im ausgehenden Mittelalter geschlossene Gesellschaften in den Bauhütten grosser Baustellen bildeten, die offen für alle Religionen waren, erzählt Bommer.

«Dies führte zu Ablehnung und Verfolgung durch den Adel und die Kirche. Deshalb traf man sich in Logen hinter geschlossenen und bewachten Türen.»

Diese Tradition aus den Gründungszeiten lebt auch heute weiter. Ohne Passwort, das man an der Tür nennen muss, kann man die Halle für die rituellen Sitzungen nicht betreten. Am Gästeabend wird aber darauf verzichtet.

Der Alltag bleibt draussen

Bommer bittet die Anwesenden in die Halle, der Nebenraum, in dem die Sitzung abgehalten wird. Die Brüder legen ihre Regalien um den Nacken, samtige Stoffbänder in Burgunderrot, Weiss, mit goldenen Symbolen versehen, und betreten die Halle. Stühle vor schweren weinroten Vorhängen säumen den Raum. An den beiden Enden und in der Mitte der Längsseite stehen Stehpulte, die Plätze vom Obermeister, Untermeister und Altmeister, dem Vorgänger des jetzigen Obermeisters.

Vivaldis «Vier Jahreszeiten» erklingt. Drei weitere Male wird die Sitzung durch Musik unterbrochen. Es ist eine ritualisierte Sitzung, die einem strikten Protokoll folgt.

Aufseher: «Bruder Obermeister, alle Odd Fellows tragen ihre Regalie. Wir sind für die Sitzung bereit.»

Obermeister: «Damit wir uns ungestört und mit ganzer Kraft auf die Arbeit an unseren Werten konzentrieren können, lassen wir den Alltag mit seinen Mühen und Sorgen draussen. Aufseher, schliesse die Türe.»

Aufseher: «Es ist geschehen, Bruder Obermeister.»

Ray Corniffs «Stranger in Paradise» erfüllt den Raum mit rhythmischen Blechbläserklängen. Die Runde schweigt, gibt sich der Musik hin. Einige Fussspitzen wippen im Takt, nur leicht und kaum merklich.

Herz einer jeden Sitzung ist ein Vortrag, den in der Regel ein Bruder der örtlichen Loge hält. Die Themen sind breit gefächert, der Referent völlig frei in der Ausführung. «Erwartet wird aber eine intensive Auseinandersetzung. Eigenständige Gedanken sollen formuliert werden», erläutert Bommer. Referent und Bruder Urs Stäheli spricht wort- und referenzgewaltig über das Thema Wahrheit, und regt sein Publikum mit seinen philosophischen Ausführungen zu einer folgenden Diskussion an.

«Un homme et une femme» von Francis Lai erklingt, einzelne nicken im Takt, einer summt mit.

Der Altmeister ruft die Grundsätze des Ordens in Erinnerung: «Wir betrachten uns als Suchende nach einem tieferen Sinn des Daseins.» Der Untermeister spricht über die Symbolik der Odd Fellows.

«Ich erinnere an das allsehende Auge in einem Dreieck. In der christlichen Tradition erinnert es an einen gütigen Gott. Als Odd Fellows beziehen wir es auf einen achtsamen Umgang unter uns Menschen.»

Das allsehende Auge ist nur eines von vielen Symbolen der Odd Fellows, die einen grossen Stellenwert in der Bruderschaft einnehmen. Ein aufgeschlagenes Buch steht für die Suche nach der Wahrheit und wahrhaftigem Handeln. Ein Herz in der Hand symbolisiert Nächstenliebe und das Dienen am Mitmenschen. Ein offenes Zelt repräsentiert Gastfreundschaft.

Die weinenden Klänge einer Panflöte erfüllen den Raum. «Einsamer Hirte» von Gheorge Zamfir. Es ist der wehmütige Schluss der Sitzung. Der Obermeister entlässt in den Alltag: «Aufseher, öffne die Tür, damit die Gäste und Odd Fellows in Frieden ziehen können. Führer, geleite Gäste und Odd Fellows in Ruhe aus der Halle.»

Gar nicht so anders wie sonstige Vereine

Dem formellen Teil des Abends folgt mit einem gemeinsamen Abendessen der informelle Part. Man redet, worüber man an einem Abendessen eben so spricht: Arbeit, Familie, Erlebnisse. Und es zeigt sich: Die Odd Fellows unterscheiden sich gar nicht so gross von anderen Vereinen. Freundschaften werden gepflegt, das gemeinsame Beisammensein wird genossen. Der Unterschied besteht im Leben von Ritualen und Traditionen, die auf den ersten Blick fremd erscheinen.

Die Nachspeise ist verspiesen, der Espresso getrunken. Die Brüder verabschieden sich voneinander. Bis zum nächsten Treffen in zwei Wochen.

Odd-Fellows Wil wählen neuen Obermeister

An der Spitze der Odd Fellows Fürstenland-Loge Wil, die sich für humanitäre, soziale und kulturelle Ideale einsetzt, hat ein Wechsel stattgefunden. Turnusgemäss hat Ivo Bommer aus Münchwilen das Obermeisteramt vom Lichtensteiger Rolf Geiger übernommen.