Hinter Gitter
Die Justiz zählt vermehrt auf die Psychiatrie – kranke Straftäter suchen in Münsterlingen den Weg aus der Gewalt

In der forensischen Psychiatrie Münsterlingen sitzen psychisch kranke Straftäter ein. Erst wenn ihre Therapie erfolgreich ist, werden ihnen erste Schritte ausserhalb der geschlossenen Abteilung gewährt. Doch der Platz in solchen Institutionen ist schweizweit knapp. Münsterlingen baut deshalb aus. Der Bund begrüsst das.

Silvan Meile
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Christian Benz, ärztlicher Leiter der forensischen Psychiatrie in Münsterlingen, vor dem vergitterten Balkon der dort untergebrachten Straftäter.

Christian Benz, ärztlicher Leiter der forensischen Psychiatrie in Münsterlingen, vor dem vergitterten Balkon der dort untergebrachten Straftäter.

Bild: Andrea Stalder

Der Mann hört Stimmen. Er sieht den Kerl, der ihm angeblich androht, ihn umzubringen. Aus Angst um sein Leben geht er auf ihn zu, schlägt sein verdutztes Opfer brutal nieder und glaubt, in Notwehr zu handeln.

Von den Schweizer Gerichten werden seit den 2000er-Jahren vermehrt psychische Störungen als Auslöser für Gewaltstraftaten gewertet, das geht aus der Kriminalstatistik des Bundes hervor. Anstelle einer klassischen Haftstrafe können die Richterinnen und Richter für diese Tätergruppe gestützt auf psychiatrische Gutachten eine stationäre Therapie anordnen. Doch in der Schweiz fehlt es an Plätzen, in denen psychisch kranke Straftäter untergebracht und therapiert werden können.

Münsterlingen stockt das Angebot auf

Die Psychiatrische Klinik Münsterlingen baut derzeit ihre forensische Station aus. Bis Frühling 2022 wird die geschlossene Abteilung von heute 28 auf 46 Plätze erweitert.

«Der Bedarf ist ausgewiesen.»

Das sagt Christian Benz, seit vergangenem Februar ärztlicher Leiter der forensischen Psychiatrie in Münsterlingen. Diese Meinung teilt auch der Bund. Er übernimmt von den drei Millionen Franken für die Ausbaukosten einen Drittel.

Die Zuweisung in die forensische Abteilung in Münsterlingen geschieht aus verschiedenen Deutschschweizer Kantonen. Es sind Verurteilungen nach Artikel 59 des Strafgesetzbuches. Demnach wird eine stationäre Behandlung in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung angeordnet. In diesen Tätern sieht die Justiz Hoffnung, sie wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

Schizophrene Täter hinter Gitter

Aus der Distanz fallen die Gebäude der Forensik auf dem Gelände der Psychiatrien Dienste nicht auf. Aus der Nähe wird jedoch augenfällig, dass hier die Türen verschlossen sind. Um den kleinen Sportplatz hinter dem Gebäude ragt ein rund vier Meter hoher Zaun. Der Balkon, auf dem junge Männer an Zigaretten ziehen, ist vergittert. Und die Fenster sind mit Panzerglas geschützt.

Dahinter sitzen derzeit ausschliesslich Männer, die eine schwere Gewalttat oder auch ein Sexualdelikt begangen haben und zu mehrjährigem Freiheitsentzug verurteilt wurden. Sie leiden hauptsächlich an einer Schizophrenie oder einer Persönlichkeitsstörung. Auf diese Krankheitsbilder ist die forensische Abteilung in Münsterlingen spezialisiert, sagt Christian Benz. «Wir richten uns danach aus.»

«Kiffen ist ein grosses Problem»

In Münsterlingen steht die Behandlung von Straftätern mit Schizophrenie oder einer Persönlichkeitsstörung im Vordergrund. Nicht selten werde eine Psychose durch Cannabiskonsum ausgelöst. «Kiffen ist ein grosses Problem», sagt Christian Benz, ärztlicher Leiter der forensischen Abteilung. Dass der jahrelange Konsum von Marihuana bei vulnerablen Personen eine psychische Krankheit wie Schizophrenie auslöst, die auch in einer Gewalttat münden kann, sei keine Seltenheit. (sme)

Erst wenn die Therapie eine positive Prognose verspricht und somit die Gefahr entscheidend minimiert werden kann, dass der Verurteilte weitere Straftaten in Zusammenhang mit seiner psychischen Störung begeht, kommt eine Entlassung aus der geschlossenen Einrichtung überhaupt in Frage. Der Volksmund spricht von einer kleinen Verwahrung.

Gerichte können die Massnahmen verlängern

Christian Benz sagt:

«Der Täter muss ein deliktpräventives Gefühl entwickeln.»

Das verlangt auch die Einsicht des Betroffenen. Wer sich der Therapie verweigert oder nur unmotiviert teilnimmt, läuft Gefahr, dass die auf maximal fünf Jahre beschränkte Dauer der Massnahme vom Gericht verlängert wird. Benz sagt:

«Ziel ist, dass ein Täter später Ihr Nachbar werden kann, ohne dass Sie Angst haben müssen.»

Nebst den Medikamenten stehen auch etwa Sport, Musik oder Gestaltung auf dem Therapieplan.

Ein zusätzlicher Zaun um die forensische Abteilung markiert den Baustellenbereich. Ein Gespräch mit dem Leitenden Arzt Christian Benz.

Ein zusätzlicher Zaun um die forensische Abteilung markiert den Baustellenbereich. Ein Gespräch mit dem Leitenden Arzt Christian Benz.

Bild: Andrea Stalder

Läuft das Programm erfolgreich, ist jemand «stabil eingestellt», wie es Benz ausdrückt, gibt es Aussicht auf erste abgestufte Lockerungsschritte: einen Spaziergang auf dem Klinikgelände, später vielleicht Urlaub bis hin zum Übertritt in ein betreutes Wohnheim mit ambulanter Behandlung.

Das sind verantwortungsvolle Entscheide. In der Öffentlichkeit wird die forensische Psychiatrie nicht an möglichen Straftaten gemessen, die durch die Therapien verhindert werden konnten. Gibt es bei einem Täter einen Rückfall in eine Straftat, sieht sich seine Berufsgruppe mit dem Verdikt «versagt» konfrontiert, sagt Christian Benz unumwunden.

Meist junge Täter, aber nicht immer

Christian Benz bringt viel Erfahrung aus der forensischen Psychiatrie und als Gerichtsgutachter mit. In Münsterlingen hat er viel vor. «Ich will die modernsten Konzepte einfliessen lassen», sagt er. Nach dem Umbau habe die forensische Abteilung eine gute Grösse.

Hauptsächlich jüngere Straftäter werden hier therapiert, wobei es vereinzelt über 50-Jährige gebe. Die Tendenz zu älteren Tätern macht auch vor der psychiatrischen Forensik nicht halt. Auch deshalb werde die neue Abteilung nun rollstuhlgängig geplant.