Hinaus in Nacht und Kälte: Der Frauenfelder Klimaforscher Ivo Beck nimmt an der grössten Arktisexpedition aller Zeiten teil 

Für Ivo Beck beginnt kommenden Samstag ein grosses Abenteuer, bei dem es auch tagsüber dunkel ist und bis zu -40 Grad kalt wird. Er nimmt an der Mosaic-Expedition teil und wird zwei Monate in der Zentralarktis auf dem Forschungseisbrecher «Polarstern» arbeiten.

Mathias Frei
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«Stabile Situation, keine grossen Komplikationen»: ein Bild vom 7.November der im Eis festgefrorenen «Polarstern». (Bild: Esther Horvath)

«Stabile Situation, keine grossen Komplikationen»: ein Bild vom 7.November der im Eis festgefrorenen «Polarstern». (Bild: Esther Horvath)

Teil von etwas Grossem gewesen zu sein: Davon kann Ivo Beck später mal seinen Kindern und Enkeln erzählen. Und dass es dabei verdammt kalt und verdammt dunkel gewesen war. Denn der 33-Jährige, der aus Frauenfeld stammt und mittlerweile in Zürich lebt, ist Teil der Mosaic-Expedition, der grössten Arktis-Forschungsexpedition aller Zeiten.

«Es ist gut, dabei sein zu können.»
Ivo Beck. (Bild: PD)

Ivo Beck. (Bild: PD)

Das sagt Klimawissenschafter Beck, der zum zweiten von insgesamt sechs Forschungsteams gewhört, die jeweils während zweier Monate auf dem Forschungseisbrecher Polarstern in der Zentralarktis arbeiten werden. Es ist dort die Zeit, in der es nicht mehr hell wird. Den ganzen Tag nur Dunkelheit. «Auch Dämmerungslicht ist nicht mehr vorhanden.» Er gehe davon aus, dass er sich an die Dunkelheit gewöhne, sagt Beck.

«Zur Sicherheit habe ich Vitamin-D-Tropfen dabei.»

«Polarstern» driftet ein Jahr lang durch Arktis

«Mosaic» (Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate) ist die grösste Arktisexpedition aller Zeiten. Ziel der Expedition ist es, «die komplexen und derzeit nur unzureichend verstandenen Klimaprozesse der zentralen Arktis zu untersuchen […] und zu verlässlicheren Klimaprognosen beizutragen». Das Projekt des Alfred-Wegener-Instituts aus Bremerhaven dauert von Herbst 2019 bis Herbst 2020. Flaggschiff ist der Forschungseisbrecher «Polarstern», der am 20. September im norwegischen Tromsö in See gestochen ist. In einer ersten Phase ist die «Polarstern» von Versorgungsschiffen aus Russland, China und Schweden begleitet worden. Später erfolgt die Versorgung per Flugzeug oder Helikopter. Mittlerweile hat sich das Flaggschiff in der Zentralarktis im Meereis einfrieren lassen und macht nun die Eisdrift mit, also die Bewegung des Eises in eine Hauptrichtung. In Etappen arbeiten insgesamt 600 Forscher vor Ort. Sie stammen aus 19 Ländern. Das Expeditionsbudget beträgt 140 Millionen Euro. (ma)

Der Expeditions-Blog des Paul-Scherrer-Instituts: 
www.psi.ch/de/lac/mosaic-blog
Mosaic-Expedition online:
www.mosaic-expedition.org/

Die «Polarstern» ist am 20.September vom norwegischen Tromsö aus in See gestochen. Mittlerweile hat sich das Schiff im Meereis einfrieren lassen und befindet sich nun in der Eisdrift. Beck startet sein Abenteuer kommenden Samstag. Er reist ebenfalls nach Nordnorwegen, wo er einen Eisbrecher bestiegt. Dieser bringt ihn mit weiteren Forschern und Schiffsleuten zur «Polarstern». Becks Hinreise in die Arktis dauert rund drei Wochen – falls es keine Komplikationen gibt. Zurück geht es gleich lang. Inklusive der zwei Monate auf der «Polarstern» wird er also knapp vier Monate unterwegs sein.

Das Innere von Becks Laborcontainer. (Bild: Ivo Beck)

Das Innere von Becks Laborcontainer. (Bild: Ivo Beck)

Per Zufall zum Labor für Atmosphärenchemie

«Eigentlich wollte ich ja nicht doktorieren», sagt Beck, der eine Elektroniker-Lehre (mit Berufsmatur) gemacht hat und dann zum ETH-Studium kam. Dort schloss er Physik mit einem Bachelor ab, machte danach den Master in «Atmosphäre und Klima». Später arbeitete er als Techniker bei den ETH-Graslandwissenschaften.

«Per Zufall bin ich auf die Doktoratsstelle in Atmosphärenchemie am Paul-Scherrer-Institut gestossen, und die Arbeit hat mich sofort gepackt.»

Die passende Kombination von Elektroniker-Lehre und ETH-Masterstudium war ausschlaggebend, dass er das Doktorat bekam.

Die Mosaic-Expedition ist integraler Bestandteil der Doktoratsstelle. «Ich bin schon ein wenig der Abenteurer», sagt Beck. Als Kind spielte er oft draussen. In der Arktis ist es aber spätestens dann nicht mehr lustig, wenn ein Eisbär auftaucht. Beck sagt:

«Sie sind sehr neugierig, aber auch sehr gefährlich.»

Rund um das Schiff gibt es Stolperdraht – und rund um die Uhr Wachpersonal. Für den Notfall musste Beck aber einen Schiesskurs in Bremerhaven besuchen und ein Sicherheitstraining für Seeleute in Amsterdam. Seit Antritt des Doktorats am Paul-Scherrer-Institut im Frühling 2019 hat er an der Einrichtung des Containers gearbeitet, in dem er auf der «Polarstern» arbeiten wird.

Der Forschungseisbrecher «Polarstern» im Sommer 2013 auf einer Antarktisexpedition. (Bild: Mario Hoppmann)

Der Forschungseisbrecher «Polarstern» im Sommer 2013 auf einer Antarktisexpedition. (Bild: Mario Hoppmann)

Beck wird in seinem Container Daten zu Aerosol-Partikel sammeln, also festen oder flüssigen Schwebeteilchen in der Luft. In seinem gut isolierten Container, der auf dem Deck des Schiffs steht, ist es 20 Grad, auch aufgrund der Abwärme der Messinstrumente.

Ivo Becks Laborcontainer vergangenen Sommer auf dem Gelände des Paul-Scherrer-Instituts in Villigen. (Bild: Ivo Beck)

Ivo Becks Laborcontainer vergangenen Sommer auf dem Gelände des Paul-Scherrer-Instituts in Villigen. (Bild: Ivo Beck)

Beck wird zwei Monate lang alleine für diese Gerätschaften verantwortlich sein. Reparaturen obliegen ihm. Täglich muss er alle Geräte durchchecken, regelmässig Daten-Reports (als Textdateien aufgrund der schlechten Internetverbindung) in die Schweiz mailen. Für seine Arbeit muss Beck nicht vom Schiff, im Gegensatz zu vielen anderen Forschern, die sich mit Schnee oder Eis beschäftigen. Aber um vom Container in den Unterkunfts- und Aufenthaltsbereich zu gelangen, muss er über Deck.

«Draussen ist es bis -40 Grad kalt und oft windig.»

Abends und an den Wochenenden stehen für die Forscher und die Schiffsbesatzung unter anderem eine Bar, Fitnessräume und sogar ein kleines Hallenbad zur Verfügung. In der Kantine gibt es täglich Zmorge, Zmittag und Znacht. Und im Kiosk kann man einkaufen – zollfrei.

Ein Bild vom 29.Oktober: Arbeiten auf dem Eis, im Hintergrund der Forschungseisbrecher «Polarstern». (Bild: Esther Horvath)

Ein Bild vom 29.Oktober: Arbeiten auf dem Eis, im Hintergrund der Forschungseisbrecher «Polarstern». (Bild: Esther Horvath) 

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