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Interview

Zurückgetretene Steckborner Stadträtin Doris Bachmann: «Hie und da hiess es: typisch Frau»

Vier Jahre lang sass Doris Bachmann im Stadtrat und galt als Kronfavoritin fürs Stadtpräsidium in Steckborn. Heute arbeitet die 51-Jährige lieber wieder als Lehrerin und spricht über Lohngleichheit, Frauenquote und Männer.
Samuel Koch
Schulleiterin und Lehrerin Doris Bachmann sitzt auf dem Pult in einem Klassenzimmer. (Bild: Andrea Stalder)

Schulleiterin und Lehrerin Doris Bachmann sitzt auf dem Pult in einem Klassenzimmer. (Bild: Andrea Stalder)

Doris Bachmann, arbeiten Sie am Frauenstreiktag?

Ja, ich werde ganz gewöhnlich meiner Arbeit als Schulleiterin an der Sekundarschule Pestalozzi in Kreuzlingen nachgehen.

Also sind Sie zufrieden mit der Stellung der Frauen in der Gesellschaft?

Nicht nur. Früher als ich an der Uni Bern studierte, nahm ich noch aktiv am Frauenstreik teil und ging danach direkt zum Bundeshaus. Früher war gerade die Frage nach Lohngleichheit ein grosses Thema für mich.

Heute nicht mehr?

Die Gleichstellung zwischen Mann und Frau sorgt nach wie vor für Gesprächsstoff an unserem Esstisch. Am Streik ist heute aber eher unsere Tochter zugegen, die an der Uni Zürich studiert und sich mehr mit der Thematik auseinandersetzt.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Sie berechtigte Wahlchancen als Nachfolgerin von Roger Forrer gehabt hätten. Warum wollten Sie nicht kandidieren?

Nach vier Jahren als Schulleiterin kann ich nun endlich die Früchte meiner Arbeit ernten. Die Doppelbelastung mit Schule und Politik bereitete mir vermehrt Mühe, alle Termine unter einen Hut zu bringen, zumal Elterngespräche häufig abends gleichzeitig wie Kommissions- oder Stadtratssitzungen stattfinden. Zudem durchlebten wir an der Schule mit dem krankheitsbedingten Ausfall und späteren Rücktritt von Präsident René Zweifel ein turbulentes Jahr.

Sie wollten also nicht länger doppelgleisig unterwegs sein?

Nein. Ich habe mich für die Schule entschieden, nicht etwa gegen die Politik.

Gab es für Sie zu geringe Anreize für das Stapi-Amt?

Nein, aber es ist eine völlig andere Herausforderung als hier an der Schule.

Als Stadtpräsident ist man Diener für alle und muss Probleme der Bürger lösen. Während meiner vier Jahre als Stadträtin habe ich gesehen, was es dazu alles braucht.

Zwar hätte mich das Amt schon auch gereizt. Wegen der grossen Fussstapfen hätte ich mich aber mit Haut und Haaren da hineinschicken und wohl komplett auf die Arbeit an der Schule verzichten müssen.

Kam das für Sie zu keinem Zeitpunkt in Frage?

Mein Mann sagte einmal, ich hätte es vermutlich ein bisschen zu wenig fest gewollt.

Bewiesen Sie zu wenig Mut, um sich aus der Komfortzone zu wagen?

Möglicherweise, ja. Vielleicht hätte sich ein Mann an meiner Stelle einfach einmal auf die Sache eingelassen. Ich habe aber den Anspruch an mich selber, dass ich möglichst alles so gewissenhaft und gut wie möglich machen will, obwohl man mir hie und da auch sagte: Das ist jetzt typisch Frau.

Sie mussten sich also auch Kritik gefallen lassen?

Meine Nicht-Kandidatur stiess in Steckborn auf viel Unverständnis. Der Vorwurf lautete: Jetzt haben wir einmal eine valable Frau, und dann will sie nicht.

Haben Sie Ihren Entscheid nie bereut?

Nein, obwohl mich zwischenzeitlich das schlechte Gewissen plagte.

Vor meiner Kandidatur 2015 sagte ich mir, dass ich nicht nur vier Jahre in der Politik tätig sein will. Jetzt ist es halt anders gekommen.

Und ich arbeite auch sehr gerne täglich als Schulleiterin, führe die Time-out-Klasse und unterrichte noch dreimal wöchentlich Französisch, was mir sehr viel Freude bereitet. Von all dem hätte ich mich verabschieden müssen.

Gerade Frauen haben es im Lehrerberuf teils schwierig.

Die Frage ist, wie der Kanton damit umgeht, wenn Frauen Kinder bekommen und nach der Erziehung wieder eine Stelle suchen. Im Thurgau fehlen ein Stellvertreter-Pool für die Sekundarstufe und finanzielle Anreize für diese Springer, die eine sehr energieraubende Arbeit haben.

Thema Lohngleichheit: Spielten die Finanzen bei Ihrem Entscheid eine Rolle?

Definitiv nicht. Wegen des Geldes engagierte ich mich nicht als Stadträtin. Wichtig ist, dass man ein Amt oder den Beruf gerne ausübt.

Wie wichtig ist weibliches Blut in politischen Gremien?

Sehr wichtig. Frauen sind im Gegensatz zu Männern viel konsensorientierter und scheuen weniger offene Diskussionen. Unabhängig vom Geschlecht sollten die Gewählten der Aufgabe gewachsen sein und Kritik aushalten können.

Das spricht gegen eine Frauenquote.

Ja, da bin ich strikt dagegen. Ich möchte nie nur der Weiblichkeit wegen in ein Amt gewählt oder für eine Stelle ausgesucht werden.

Was nehmen Sie aus Ihrer Zeit im Stadtrat mit?

Viel. Ich habe gelernt, mit Menschen aus völlig anderen Branchen zusammen zu arbeiten.

Sie würden das Amt also auch Frauen weiterempfehlen?

Ja, aber die Verantwortung in der Politik wird zu gross, um noch nebenberuflich zu arbeiten. Das wird das Milizsystem noch vor Herausforderungen stellen.

Zur Person

Doris Bachmann ist Ende Mai aus dem Steckborner Stadtrat ausgeschieden, in welchem sie als Parteilose vier Jahre lang das Ressort Kultur, Sport und Freizeit führte. Heute leitet die 51-Jährige mit einem 90-Prozent-Pensum das Sekundarschulzentrum Pestalozzi in Kreuzlingen. Sie ist weiterhin in Steckborn wohnhaft, verheiratet und zweifache Mutter von erwachsenen Kindern. (sko)

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