Kommentar

Herrenhof ist nicht Hefenhofen

Der Verein gegen Tierfabriken (VgT) beschuldigt einen Thurgauer Schafhalter der Tierquälerei. Dabei stützt er sich auf das Video eines Nachbarn, der sich am Geruch der Tiere stört. Bei einer Kontrolle finden die Thurgauer Behörden keine Hinweise auf Tierquälerei.

David Angst
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David Angst, Chefredaktor Thurgauer Zeitung. (Bild: Ralph Ribi)

David Angst, Chefredaktor Thurgauer Zeitung. (Bild: Ralph Ribi)

Ein Bauer bearbeitet seine Schafe mit einem Stecken. Ob die Tiere dabei schwere Schmerzen erleiden, ist nicht ersichtlich. Auf einem anderen Video sieht man, wie der Landwirt einzelne Tiere an den Hinterbeinen durch den Stall schleppt und scheinbar unsanft über ein Gatter befördert. Ein Nachbar filmt ihn dabei. Statt die Videos der Polizei oder dem Veterinäramt zu zeigen, überlässt er sie Erwin Kessler vom Verein gegen Tierfabriken. Kessler verbreitet die «Beweisstücke» auf sozialen Medien – und schon haben wir im Thurgau den nächsten Tierschutzskandal. Experten sind sich uneinig darüber, ob das Video manipuliert worden ist.

Ob es Absicht oder Zufall ist, dass der vermeintliche Skandal gerade jetzt an die Öffentlichkeit kommt, bleibe dahin gestellt. Jedenfalls wird übernächste Woche der umfassende Bericht über die Affäre Hefenhofen präsentiert. Vielleicht sollte hier ein zweites Hefenhofen kreiert werden. Der Tierschutzverein VgT fordert jedenfalls ein Totaltierhalteverbot und die Beschlagnahmung der Tiere. Was den Filmer angeht, so drängt sich der Verdacht auf, dass er seinem Nachbarn eins auswischen wollte. Jedenfalls beklagt er sich im Gespräch mit der «Thurgauer Zeitung» vor allem über den Gestank, den dessen Schafstall ausströmt.

Aber Herrenhof ist nicht Hefenhofen. Das mögliche Vergehen des Tierhalters steht in keinem Verhältnis zu der Situation, die auf dem Hof des Pferdehalters K. während Jahren herrschte. Beim Schafhalter in Herrenhof treffen die Behörden tiergerechte Verhältnisse an. «Bei einer Kontrolle wurden weder eine Gefährdung des Wohlergehens der Tiere noch Anzeichen von Tierquälerei festgestellt», teilen sie mit.

Ein Totaltierhalteverbot und eine Beschlagnahmung der Tiere wären deshalb völlig unverhältnismässig gewesen. Möglicherweise hat der Bauer seine Schafe zu hart angefasst. Eines der beiden Videos lässt diesen Schluss zu, und einzelne Schafhalter, die es sich angesehen haben, äussern sich auch dahingehend. Andere hingegen sagen, dass es sich dabei um eine normale Situation handle. «So etwas kann man fast überall filmen, wo eine widerspenstige Herde verladen wird», sagt Christian Strub vom Arenenberg. Ein weiterer Unterschied zu Hefenhofen ist das Verhalten des Tierhalters gegenüber den Behörden. Als diese bei ihm eine unangekündigte Hofkontrolle durchführen, zeigt er sich kooperativ.

Wer ein Tier misshandelt, der muss nach geltendem Tierschutzgesetz verurteilt werden, und die Behörden haben die Aufgabe, dies durchzusetzen. Über diesen Punkt besteht in der Bevölkerung breiter Konsens, und es ist auch im Interesse der Tierhalter, dass sie ihre Tiere anständig behandeln. Schliesslich steht ihr guter Ruf auf dem Spiel.

Was aber unter «Misshandlung» genau zu verstehen ist, darüber gehen die Meinungen im Einzelfall auseinander. Was für Nutztierhalter als normaler Umgang mit den Tieren gilt, wird möglicherweise von Aussenstehenden bereits als Misshandlung angesehen. Das Gesetz lässt hier einen gewissen Beurteilungsspielraum zu, was es den Behörden nicht unbedingt einfach macht. Man findet zum Begriff der Tiermisshandlung zum Beispiel auf der Internetseite des Zürcher Tierschutzes folgende Passage: «Wie Fälle aus der Gerichtspraxis zeigen, genügt schon ein einmaliger Verstoss, um von Tiermisshandlung sprechen zu können; allerdings muss dieser Verstoss dem Tier schon mehr als nur unwesentliche Schmerzen und Leiden zugefügt haben.»

Darüber hinaus gibt es eine Tendenz, die Nutztierhaltung grundsätzlich in Frage zu stellen. Anhänger dieser radikalen Haltung verurteilen es, dass Tiere in «Gefangenschaft» leben und dass Menschen ihr Fleisch, ihre Milch oder ihre Wolle nutzen. Diese Haltung ist zwar nicht mehrheitsfähig. Ihre Exponenten verstehen es aber immer wieder, ihre Anliegen in die Medien zu bringen. Wie die Reaktion von Bell und Coop im Fall Herrenhof zeigt, durchaus mit Erfolg. Die beiden Grosskunden haben – ohne die behördlichen Ermittlungen abzuwarten – die Zusammenarbeit mit dem Schafhalter in Herrenhof «per sofort» beendet.