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«In Hefenhofen hätte man konsequenter durchgreifen müssen»: Schweizer Tierschutz kritisiert Behörden

Noch ist der Untersuchungsbericht zum Fall Hefenhofen nicht abgeschlossen. Beim Bund hat der Fall aber bereits einiges bewirkt, sagt Hans-Ulrich Huber, Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes. Kontrollen sollen vermehrt unangemeldet erfolgen.
Silvan Meile
Hans-Ulrich Huber, Geschäftsführer Schweizer Tierschutz.

Hans-Ulrich Huber, Geschäftsführer Schweizer Tierschutz.

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Herr Huber, Hefenhofen wurde zum Synonym für Tierquälerei. Sie sagten, Hefenhofen sei überall. Wie schlimm es?

Fälle von Tierquälerei wird es immer geben, wie auch immer Verbrechen an Menschen geschehen werden. Das lässt sich nicht verhindern.

Hätte sich auch der Fall Hefenhofen nicht verhindern lassen?

Eine Vollkasko-Mentalität, dass nichts mehr passieren kann in diesem Staat, ist eine Illusion. Aber gerade Hefenhofen zeigt: Man hätte diese Sache ernster nehmen müssen, statt das Problem mit diesem schlimmen Pferdehalter zehn, fünfzehn Jahre vor sich herzuschieben. Für die Tiere hätte man viel herausholen können, wenn man konsequenter durchgegriffen hätte.

Die Rede war schon von einem Systemfehler beim Vollzug des Tierschutzgesetzes. Sehen Sie das Problem im Thurgau oder auf nationaler Ebene?

Das ist ein schweizweites Problem. Dieser Fall im Thurgau hat einfach riesige mediale Wellen geschlagen. Es waren Tiere betroffen, die in der Gesellschaft viel Sympathie geniessen. Wäre dieses Leid beispielsweise Kaninchen oder Schweinen widerfahren, wäre der Fall schnell wieder vergessen gewesen. Parallel zu Hefenhofen hatten wir in der Waadt einen riesigen Fall eines Schweinequälers, der Tausende Tiere völlig vernachlässigte. Davon hörte man in der Deutschschweiz praktisch nichts.

Hat der mediale Aufschrei zu Hefenhofen auch etwas bewirkt?

Ich denke schon. Dass diese Untersuchungskommission, die nun im Thurgau eine grosse Arbeit leistet, dem Tierschutz viel nützen wird, glaube ich aber nicht. Das ist meines Erachtens eher eine Aufarbeitung, die möglicherweise einige Detailkorrekturen zur Folge haben wird. Diese Untersuchungskommission ist vor allem dazu da, um der Bevölkerung zu zeigen: «Wir machen was, kehren das nicht einfach unter den Teppich.»

«Jetzt haben in Bern auch die Schwerhörigen etwas gehört.»
Hansuli Huber, Geschäftsführer Schweizer Tierschutz

Aber der Kanton muss doch daraus auch seine Lehren ziehen können?

Im Fall Hefenhofen haben sich Kritiker sehr auf den Kantonstierarzt Witzig eingeschossen. Er ist meiner Ansicht nach aber nicht derjenige, der das alles zu verschulden hat.

Wer hingegen hat den Fall zu verantworten?

Ein Chefbeamter hat sehr grosse Probleme, wenn das Herz des ihm vorgesetzten Regierungsrates mehr für die produzierende Landwirtschaft schlägt, als für den Tierschutz.

Ihr Vorwurf richtet sich also direkt an den Vorsteher des Departements für Inneres und Volkswirtschaft?

Nicht gegen denjenigen, der aktuell im Amt ist, aber an seine Vorgänger, die bereits das Dossier Hefenhofen auf dem Tisch hatten. Die Probleme waren ja seit Jahren bekannt.

Was hätte besser gemacht werden müssen?

Dem Tierschutz hätte primär ein höherer Stellenwert eingeräumt werden müssen. Politiker hätten die Tragweite eines solchen Falles erkennen müssen. Auch dass es zu einem riesigen Aufruhr führen kann, hätte dem Regierungsrat bewusst sein müssen. Er hätte den Veterinärbehörden und der Justiz von Anfang an sagen müssen: «Hier wird konsequent durchgegriffen und ich trage das mit.» Andere Kantone sprechen in einem solchen Fall ein Tierhalteverbot aus und räumen den Hof. Punkt und fertig.

Im Fall Hefenhofen war erst ein Teil-Tierhalteverbot rechtskräftig.

Auch dieses ist nicht konsequent durchgesetzt worden. Der Tierquäler wurde mit Samthandschuhen angefasst. Man versuchte weiterhin, mit jemandem Abmachungen zu treffen, der sich jahrelang nie an eine Abmachung gehalten hat. Das war völliges Wunschdenken. Hier haben die Behörden versagt.

Sehen Sie solche Zurückhaltung auch in anderen Kantonen?

Das gibt es immer wieder. Wir hören auch oft Personal von kantonalen Veterinäramtern klagen. Sie sagen: «Ich habe es versucht, machte Kontrollen. Aber wenn ich keine Rückendeckung von der Regierung und dem Parlament habe, geht es nicht.»

Können die Bemühungen auf Bundesebene nun solche Missstände beheben?

Sowohl durch das Bundesamt für Veterinärwesen wie auch durch das Bundesamt für Landwirtschaft ist ein Ruck gegangen. Dort wurde erkannt, dass nicht wie bis anhin weitergefahren werden kann. Es werden in der Schweiz zwar viele Kontrollen durchgeführt, sehr viele davon aber in den falschen Betrieben. Jahr für Jahr gehen Kontrolleure auf Höfe, die in Ordnung sind. Sie setzen einen Haken darunter und schliessen das Dossier wieder.

Hat nun also der Fall Hefenhofen beim Bund wachgerüttelt?

Jetzt haben in Bern auch die Schwerhörigen etwas gehört.

Die Kapazitäten sollen für die Problemfälle eingesetzt werden?

Den Menschen, die an der Front sind, muss viel mehr Beachtung geschenkt werden. Sie schauen den Tierhalter in die Augen, sie wissen, wer schummelt, wer ein Schlitzohr ist und wo Problemfälle sind. Letztere müssen vermehrt kontrolliert werden. Darauf muss das Hauptaugenmerk liegen.

Es braucht dort also mehr unangemeldete Kontrollen?

Der qualitative Aspekt einer Tierhaltung – ob etwa die Pflege in Ordnung ist, ob den Tieren genügend Auslauf gewährt wird und so weiter – könne mit angemeldeten Kontrollen nicht richtig überprüft werden. Diese Kriterien bringt ein fragwürdiger Tierhalter vorgängig in Ordnung. Dennoch ist es in der Landwirtschaft jahrzehntelang so praktiziert worden. Die Kontrollen wurden meist ein paar Tage oder gar zwei, drei Wochen vorher angemeldet. Jetzt hat aber der Bundesrat plötzlich gesagt, 40 Prozent der Kontrollen der Landwirtschaftsbetriebe sollen unangemeldet stattfinden. So war es im Februar an der Vernehmlassung des Agrarpakets des Bundesamtes für Landwirtschaft in der Kontrollverordnung drin. Sie haben es kapiert in Bern.

Wie viel Prozent der Kontrollen waren bisher unangemeldet?

Seit einigen Jahren waren zehn Prozent die Regel.

Haben das alle Kantone eingehalten?

Der Tierschutz hat aufgedeckt, dass Kantone wie etwa das Wallis sich nie und nimmer daran gehalten haben. In diesem Bereich schritt auch der Bund nie konsequent ein, obwohl er es wusste.

Eine Bekannte des Hefenhofer Pferdehändler ist im Kanton St. Gallen kürzlich wegen mehrfacher vorsätzlicher Tierquälerei verurteilt worden. Sind 700 Franken Geldstrafe plus 400 Franken Busse eine angemessene Bestrafung?

Mir ist letztendlich egal, wie sie so jemanden bestrafen. Für die Tiere ist die Sauerei längst passiert. Durch so ein Urteil kann man kein Tier wieder lebendig machen. Man sieht das auch bei den Menschen. Sie können die Todesstrafe einführen und trotzdem gibt es Verbrechen. Deshalb glaube ich, dass strengere Strafen nicht von Tierquälerei abhalten würden. Viel wichtiger ist, dass die Kontrolleure genauer hinschauen und Konsequenzen ziehen – aber auch, dass die Gesellschaft genauer hinschaut und meldet, wenn etwas nicht gut ist. Ich bin mir sicher, dass in Hefenhofen einige Leute wussten, dass da etwas nicht stimmt. Doch es herrschte eine Mauer des Schweigens. Es mangelt oft auch an der Zivilcourage.

Wo liegen aus Sicht des Tierschutzes die grössten Probleme der Landwirtschaft?

Das Hauptproblem liegt heute nicht mehr bei den Bauern. Die würde heute noch so gerne in den Tierschutz investieren und umstellen. Gerade im Bereich Milch und Fleisch sind aber die Preise ein Problem. Sie sind teilweise nicht einmal mehr kostendeckend für die Bauern. Gleichzeitig gibt es Detailisten, die immer noch mehr billiges Fleisch importieren wollen. Und dann sind auch noch jene Konsumenten, die das alles nicht interessiert. Derzeit haben wir in den Läden etwa einen Drittel der Produkte mit einem Label, das gute Tierhaltung attestiert. Das ist noch stark ausbaufähig. Die meisten Tierschutzmuffel findet man übrigens in der Gastronomie. Dort geht es nur um den günstigen Preis. Natürlich gibt es auch einige andere Beispiele.

Letztlich hat es der Konsument mit seinem Portemonnaie das Tierwohl selber in der Hand?

Die Gesellschaft ist in der Pflicht. Wir können nicht einfach nur die Bauern zu mehr Tierschutz verpflichten. Ihnen vorschreiben, was es für ein gutes Tierwohl braucht, im Supermarkt dann aber das billigste Fleisch vom Gestell nehmen, geht nicht auf. Ich weiss, dass die meisten Bauern gerne mehr für das Tierwohl machen würden. Da fand in den letzten 30 Jahren, seit ich beim Tierschutz bin, ein grosses Umdenken statt. Aber wenn ihre Produkte derart schlechte Preise erzielen, bleibt ihnen kaum etwas für Investitionen.

Ein zeitgemässer Tierschutz braucht also Investitionen, für die das Geld fehlt?

Beispielsweise braucht es für mehr Auslauf auch Investitionen in die Infrastruktur. Oft ist eine tiergerechtere Haltung für den Landwirt auch mit Mehrarbeit verbunden.

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