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«Du verdammte Dreckchaib, i bring di um»: Wie der Pferdezüchter von Hefenhofen zum Ämterschreck wurde

Schon 1994 wurde der Hefenhofer Tierquäler in Anwesenheit der Polizei gewalttätig. Mit seinen Todesdrohungen hielt er die kantonalen Amtsstellen jahrelang in Schach. Erst die mediale Eskalation führte zur Erlösung.
Thomas Wunderlin
Ein Militärangehöriger führt ein in Hefenhofen beschlagnahmtes Pferd über den Hof des Veterinärzentrums im bernischen Sand-Schönbühl. (Bild: Keystone/Anthony Anex)

Ein Militärangehöriger führt ein in Hefenhofen beschlagnahmtes Pferd über den Hof des Veterinärzentrums im bernischen Sand-Schönbühl. (Bild: Keystone/Anthony Anex)

Bei der kantonalen Verwaltung in Frauenfeld wird am Mittwoch, 24. April 2013, Alarm ausgelöst. Die Eingangstüren des Verwaltungsgebäudes werden sofort ­geschlossen. Darin befindet sich das Departement für Inneres und Volkswirtschaft (DIV). Der Pferdezüchter Ulrich Kesselring hat gedroht, er werde es den «Krawattenträgern» schon noch zeigen.

Die Behörden haben seine Tierhaltung in Hefenhofen über Jahre hinweg immer wieder beanstandet, Kesselring gilt als überfordert von den vielen Tieren, die er züchtet und mit denen er handelt. Kesselring reagiert mit Drohungen und wird handgreiflich. Nachzulesen ist die Geschichte im Schlussbericht der «Administrativuntersuchung zum Vollzug der Tierschutzgesetzgebung im Fall des Tierhalters U. K.», der am 23. Oktober 2018 veröffentlicht worden ist.

Es beginnt am 17. Dezember 1994

Die Chronologie beginnt mit einem Polizeirapport eines Augenscheins vom 17. Dezember 1994. Der aufgebrachte Kesselring stösst gemäss diesem jemanden in den Brüschwilerbach hinab. Gegen Kesselrings Vater ist Strafanzeige erstattet worden, weil über Drainageleitungen Jauche in den Bach gelangt ist. Der Sohn, Jahrgang 1968, hat selber acht Buben. Er ist eher klein, schmächtige Statur, trägt eine Brille, Bart und oft einen Filzhut. Den Hof des ­Vaters übernimmt er 1995.

Wegen Drohung gegen einen Beamten wird Kesselring zum ersten Mal 1997 verurteilt: Das Bezirksgericht Arbon büsst ihn mit 300 Franken. Eine Morddrohung ist 2001 aktenkundig: Nachdem am 10. September 2001 sein Heustock abbrennt, droht Kesselring, einen Feuerwehrmann, die Frau Gemeindeammann und «noch ein paar andere» zu erschiessen.

Bei einer Kontrolle seines Hofs am 5. April 2002 bietet sich in einer Gefriertruhe gemäss Rapport «ein Bild, als ob das darin gelagerte Fleisch zu neuem Leben erweckt worden wäre. Übersät von unzähligen Maden und sonstigem Ungeziefer bewegte sich der ganze Inhalt». Kesselring knallt den Deckel der Gefriertruhe zu, während Kantonstierarzt Paul Witzig die Gefrierbeutel kontrolliert. Witzig kommt mit einer leichten Schürfung am Daumen davon.

Kesselring schreckt nicht vor Todesdrohungen zurück

Kesselring bedroht Witzig telefonisch gemäss einem Urteil der bezirksgerichtlichen Kommission Arbon vom 10. November 2003. Auch vor Schranken äussert er sich abfällig über den Kantonstierarzt. Kesselring schrecke nicht vor Todesdrohungen zurück, heisst es im Urteil.

«Diese sind in der heutigen Zeit nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.»

Zwei Jahre zuvor erschoss der Amokläufer Friedrich Leibacher in Zug 14 Politiker. Unter den Verletzten befand sich der damalige Regierungsrat Hanspeter Uster, der 2018 die Untersuchungskommission des Falls Kesselring leitete. Seit den Amoklauf in Zug unterzieht die Kantonspolizei Thurgau die Zuschauer der Grossratssitzungen einer Leibes­visitation.

Am 30. Mai 2010 befindet sich Kesselring in Untersuchungshaft wegen Gefährdung des Lebens einer Privatperson; er wird bis am 23. Juni 2010 in die psychiatrische Klinik Münsterlingen gebracht.

Nachdem Kesselring am 4. November 2010 vom Bezirksgericht Arbon wegen Tierquälerei verurteilt wird, lädt er die Medien auf seinen Hof ein, um ihnen zu zeigen, wie gut es seine Pferde bei ihm haben. Am 5. Dezember 2011 bestätigt das Bundesgericht eine unbedingte Freiheitsstrafe von neun Monaten. Kesselring ist der mehrfachen Gewalt und Drohung gegen Beamte und Behörden schuldig; am 27. Oktober 2009 hatte er den Kantonstierarzt mit einer Pistole in Angst und Schrecken versetzt. Kesselring behauptete, es sei eine Spielzeugpistole gewesen. Doch die Polizei stellte nach einem andern Vorfall am 29. Mai 2010 bei ihm unter anderem vier Pistolen sicher, dazu einen Revolver, drei Flinten, drei Bolzenschussapparate sowie ausreichend Munition.

Drohungen gegen Krawattenträger führen zu keiner Verurteilung

Vom 13. Dezember 2012 bis zum 17. Mai 2013 verbringt er die Nächte im Kantonalgefängnis, da er seine Strafe in Halbgefangenschaft verbüsst. Polizeifunktionäre wollen es ihm ermöglichen, bei einer unangemeldeten Kontrolle seines Hofs am 24. April 2013 dabei zu sein. Er erklärt, er habe noch andere wichtige Termine. Mit seiner Drohung gegen die «Krawattenträger» löst er den Alarm im Verwaltungsgebäude aus.

Später nimmt Kesselring doch am Kontrollgang auf seinem Hof teil. Da er keine direkten Drohungen gegenüber Personen oder Amtsstellen ausgestossen haben soll, sieht die Staatsanwaltschaft Bischofszell in seinen Aussagen keinen Straftatbestand. Die Kontrolle führt zu einem Teil-Tierhalteverbot, erlassen vom Veterinäramt am 8. August 2013, das heisst, eine Beschränkung auf 60 Pferde. Am 6. Oktober 2014 erlässt das Veterinäramt ein Total-Tierhalteverbot, das am 16. Juli 2016 vom Bundesgericht wegen Verweigerung des rechtlichen Gehörs aufgehoben wird.

Der Thurgauer Kantonstierarzt Paul Witzig spricht am 8. August 2017 zu den Journalisten über den Zustand der Tiere auf dem Hof von Ulrich Kesselring. (Bild: KEYSTONE/Ennio Leanza)

Der Thurgauer Kantonstierarzt Paul Witzig spricht am 8. August 2017 zu den Journalisten über den Zustand der Tiere auf dem Hof von Ulrich Kesselring. (Bild: KEYSTONE/Ennio Leanza)

Bei einer angekündigten Nachkontrolle am 10. September 2010 erklärt der zehnjährige Sohn Kesselrings, es würden täglich 60 Kühe über den Platz laufen. Deshalb komme es zu Verschmutzungen, man könne halt nicht immer reinigen. Ein Mitarbeiter des Amts für Umwelt kommentiert, es sei schön, dass wenigstens die Kinder ehrlich seien. Darauf wirft ihm Kesselring einen Holzpilz an. Wutentbrannt rennt er Richtung Scheune und schreit:

«Du verdammte Dreckchaib, i schloh di abä, i bring di um.»

Er hält einen Metallschaber mit Holzstiel in Richtung des Kantonsmitarbeiters und schreit: «Jetzt isch fertig, i schloh di abä.» Ein Polizist zielt mit einem Pfefferspray Richtung Kesselring, ein anderer zieht die Dienstwaffe und fordert ihn auf, stehen zu bleiben.

Die Ämter fürchten ihn

Die Einschätzung der Gefährlichkeit Kesselrings ist unterschiedlich. Die Ämter fürchten ihn, während die Polizei versichert, sie könne den Schutz gewährleisten. Es gebe keine konkreten Hinweise darauf, dass Kesselring ausserhalb des Hofbereichs gewalttätig werden könne, schreibt die Kantonspolizei am 18. Dezember 2009 in einem vertraulichen Mail:

«Dennoch raten wir, das Schliesskonzept Ihres Arbeitsorts zu überprüfen. Es sollte sichergestellt sein, dass der Zugang zu Ihren Büros nicht ungehindert erfolgen kann.»

Die Fachstelle Gewaltprävention der Kantonspolizei schreibt am 27. Mai 2016, bei Kesselring seien «deutliche Hochrisikofaktoren» erkennbar, nämlich Waffenaffinität und mangelnde Normorientierung.

Der Chef Aussendienst der Kantonspolizei stellt nach einem Gespräch mit Kesselring im Kantonalgefängnis am 14. Mai 2013 fest, Kesselring sei nicht gefährlich, sondern nur laut. Es bereite ihm Freude, anderen einen Schreck einzujagen. Der Umgang des Kantonstierarztes mit Kesselring sei nicht zielführend und respektlos. Kesselring scheine sich nicht ernst genommen zu fühlen, niemand höre ihm richtig zu. Der Chef Aussendienst verliert seine Hoffnung, Kesselring zu Vernunft zu bringen, als dieser am 22. Juli in einem Telefongespräch die Kantonspolizei als Handlanger unfähiger Amtsträger bezeichnet.

Am 18. Dezember 2015 bezeichnet DIV-Vorsteher Kaspar Schläpfer eine Zwangsvollstreckung als unverhältnismässig. Dabei bestehe ein sehr grosses Sicherheitsrisiko. Am 9. Mai 2016 bestätigt ein externer Sachverständiger per Mail Morddrohungen Kesselrings. Er habe gesagt, er wisse schon jemanden, der bei genügender Stimulation in Schläpfers Büro stürmen würde, um diesen zu erledigen, und hoffentlich seien dann auch andere Leute dort.

Neuer Anlauf mit Walter Schönholzer

Regierungsrat Walter Schönholzer. (Bild: Andrea Stalder)

Regierungsrat Walter Schönholzer. (Bild: Andrea Stalder)

Regierungsrat Walter Schönholzer, der am 1. Juni 2016 Schläpfers Nachfolge antritt, bestätigt am 19. August 2016 gegenüber Kesselrings Anwalt, er sei interessiert an einer Mediation. Kesselring will verhandeln, damit er seine Milch wieder abliefern kann. Diese ist wegen zu hoher Zellzahl gesperrt; der Indikator weist auf die Tiergesundheit hin.

Im ersten Halbjahr 2017 häufen sich Hinweise, dass Kesselring seine Tiere völlig vernachlässigt. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen schreibt am 6. Februar: «Angesichts der gravierenden Mängel beim qualitativen Tierschutz ist zu bezweifeln, dass U. K. überhaupt fähig ist, Tiere zu halten.» Ein externer Sachverständiger stellt verschimmeltes Brot und starke Verschmutzung der Schweinebuchten fest, dazu Überbelegung bei den Pferden; deklariert sind 54 Pferde, anwesend 140. Er schreibt am 28. Mai, Kesselring «kann diese Tierhaltung niemals tierschutzkonform umsetzen». Indessen verhandelt das DIV weiter mit Kesselring.

Erwogen wird, ihm die Haltung von 80 Pferden zuzugestehen. Am 29. Juni berichtet eine Hufpflegerin über schockierende Zustände im Pferdestall. Am 14. Juli meldet eine Privatperson, die Pferdehaltung habe sich massiv verschlechtert seit vor zwei Jahren Kesselrings Ehe auseinander gegangen sei. Sie schickt Fotos zu. Am 24. Juli erstattet eine Privatperson Strafanzeige wegen Tierquälerei. Sie und zweite weitere Personen wenden sich ans Veterinäramt und liefern Fotos.

Der «Blick» veröffentlicht am 2. August 2017 «Neue Schock-Fotos vom Skandalhof!». Am 7. August beschliesst Regierungsrat Schönholzer, Kesselrings Hof zu räumen, gestützt auf Artikel 24 des eidgenössischen Tierschutzgesetzes. Dieser besagt:

«Wird festgestellt, dass Tiere vernachlässigt oder unter völlig ungeeigneten Bedingungen gehalten werden, so schreitet die zuständige Behörde unverzüglich ein.»

Hanspeter Uster führt stellt den Schlussbericht der Untersuchungskommission vor. (Bild: Andrea Stalder)

Hanspeter Uster führt stellt den Schlussbericht der Untersuchungskommission vor. (Bild: Andrea Stalder)

Mediale Eskalation

Die Untersuchungskommission zieht das Fazit: «Spätestens im Frühsommer 2017 hätten das DIV und der externe Sach­verständige als Mediator sehen müssen, dass das Unterfangen, eine Verhandlungslösung zu erzielen, aus einer Reihe von Gründen kaum mehr durchführbar war. In diesem Kontext stellte die Räumung als Folge der medialen Eskalation im August 2017 fast eine Erlösung dar. Hier funktionierte die Zusammenarbeit, weil es für alle involvierten Ämter keine andere Option mehr gab, als rasch und zielgerichtet zu handeln.»
Am Montag, 7. August 2017 wird Kesselring abgeführt; der Amtsarzt ordnet einen fürsorgerischen Freiheitsentzug an. Am Tag danach räumt das Veterinäramt und ein Grossaufgebot der Kantonspolizei den Hof.

Das Veterinäramt verfügt ein vorsorgliches Tierhalteverbot. Die Staatsanwaltschaft Bischofszell eröffnet eine Strafuntersuchung gegen Kesselring wegen Verdachts auf mehrfache Widerhandlungen gegen das Tierschutzgesetz. Wie Marco Breu, Sprecher der Staatsanwaltschaft, am 14. November 2018 mitteilt, sind die Ermittlungen «weit fortgeschritten, jedoch weiterhin im Gange».

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