Hauptstadt ohne Hochschule: Thurgauer Regierung dämpft Hoffnung Frauenfelds auf einen baldigen FH-Standort

Für die Thurgauer Regierung steht ein Hochschulstandort in Frauenfeld derzeit nicht zuoberst auf der Prioritätenliste. Doch in Tänikon braut sich etwas mit der Ostschweizer Fachhochschule OST zusammen. Und die ETH Zürich habe man informiert, dass Frauenfeld sich als Aussenstelle anbiete.

Sebastian Keller
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Studentinnen und Studenten einer Schweizer Fachhochschule.

Studentinnen und Studenten einer Schweizer Fachhochschule.



Bild: BLZ/Nicole Nars-Zimmer

Frauenfelder Kantonsräte fordern eine Hochschule in Frauenfeld. Ihre Forderung baut auf ein rund 25000 Quadratmeter grosses Gebiet, das in den nächsten Jahren entwickelt wird. Dieses liegt zwischen der Stadtkaserne und der Autobahn. Doch die Regierung macht der Hauptstadt derzeit wenig Hoffnung, wie aus der Beantwortung einer Interpellation hervorgeht.

So ist die Ostschweizer Fachhochschule OST, an welcher der Thurgau beteiligt ist, mit sich selber beschäftigt. Am 1.September wurde sie aus der Taufe gehoben. Sie ging aus der Fusion der ehemaligen drei FH in St. Gallen, Buchs und Rapperswil hervor. Erst müssten die Hochschulkulturen unter einem Dach vereint werden. Bildungsdirektorin Monika Knill sagte bereits vor wenigen Monaten in dieser Zeitung: «Einen vierter Hochschulstandort mit dieser Definition wird es im Kanton Thurgau nicht geben.»

Die Konkurrenz ist stark - und nah

Die Strategie des Thurgaus basiere primär auf eine Kooperation mit ausserkantonalen, ostschweizerischen Hochschulen. Denn: Die Konkurrenz ist stark – und sie ist nah. So etwa die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), die Winterthur zur Studentenstadt macht. Elf Zugminuten von Frauenfeld entfernt. Dass der Thurgau der OST beigetreten ist, sei vorab mit dem Ziel der Stärkung des Hochschulstandortes Ostschweiz im landesweiten Wettbewerb erfolgt.

Doch es dürfte auch an den fehlenden Alternativen liegen. So hat bei der ZHAW der Kanton Zürich das alleinige Sagen. Obwohl viele Thurgauer an einer Zürcher FH studieren – – 2019 waren es 1269 –, sitzt der Thurgau nicht im Hochschulrat. Zum Vergleich: 2019 waren 416 Thurgauer bei den OST-Vorgängern immatrikuliert.

Tänikon ist in der Pole-Position

Doch die Regierung legt die Hände nicht in den Schoss. Sie schreibt, dass sie im Zusammenhang mit der OST von Beginn weg das Ziel verfolgte, «einen Standort im Thurgau zu schaffen». Annäherungen finden bereits statt – im Rahmen des Innovationsboards Tänikon. Dort wirken Vertreter des Kantons, der Swiss Future Farm und Agroscope mit. Laut Regierung bieten sich für die OST in Tänikon «ideale Anknüpfungspunkte in der Forschung». Deshalb liegen Bemühungen für «eine Ansiedlung von Aktivitäten der OST am Standort Tänikon näher».

Anders Stokholm, Frauenfelds Stadtpräsident und FDP-Fraktionschef im Grossen Rat.

Anders Stokholm, Frauenfelds Stadtpräsident und FDP-Fraktionschef im Grossen Rat.

Andrea Stalder

Frauenfeld verfügt laut Regierung mit dem Entwicklungsgebiet zwar über «einen attraktiven Standort, der für die Nutzung durch eine Hochschule geeignet wäre». Es fehlt aber am Bekenntnis der Wirtschaft und an einem Forschungsgebiet, um die sich die Lehrtätigkeit entwickeln könnte.
Anders Stokholm (FDP) ist Erstunterzeichner der Interpellation. Der Frauenfelder Stadtpräsident sagt:

«Die Regierung lässt sich nicht auf die Äste hinaus, was wünschenswert gewesen wäre.»

Er gibt ihr in dem Punkt recht, dass es an einem wissenschaftlichen Anknüpfungspunkt fehle. Noch. Spontan fallen ihm drei ein: Ernährungswirtschaft, Holzbau oder Sensorik. Auch wenn er Bestrebungen in Tänikon begrüsst, sagt er: «Man muss überall die Fühler ausstrecken.» Bezüglich der Arealentwicklung in Frauenfeld seien die «Chancen einmalig».

ETH angeschrieben

Zum Schluss der Beantwortung fällt ein Name, der in der Hochschullandschaft kaum renommierter sein könnte: ETH Zürich. Auf Anfrage konkretisiert Christof Widmer, stellvertretende Chef des Amtes für Mittel- und Hochschulen (AMH), die Aussagen der Regierung: In einem gemeinsamen Schreiben des AMH und der Stadt Frauenfeld wurde die ETH darauf aufmerksam gemacht, dass die Idee einer Aussenstelle in Frauenfeld im Zuge der laufenden Arealentwicklung neue Aktualität erhalten habe.

Eine solche wurde bereits im Rahmen des gescheiterten Agro Food Innovation Park diskutiert. Das städtische Stimmvolk lehnte jedoch im April 2016 einen Kredit über 1,2 Mio. Franken ab.