Haptisch statt optisch: Wegen Corona bleibt von «Dolce Vita» des Frauenfelder Künstlers Fredi Buchli bloss noch ein Buch übrig

Auf der Suche nach dem Paradies. Fredi Buchlis abgebrochene Ausstellung «Dolce Vita» in der Stadtgalerie Baliere lebt in seinem Künstlerbuch weiter.

Dieter Langhart
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Vor Corona: Fredi Buchli in der Stadtgalerie Baliere inmitten von «Dolce Vita».

Vor Corona: Fredi Buchli in der Stadtgalerie Baliere inmitten von «Dolce Vita».

Bild: Andrea Stalder
(26. Februar 2020)

Das Coronavirus hat Fredi Buchli einen Strich durch die Rechnung gemacht – er musste seine Bilder in der Stadtgalerie vorzeitig abräumen. Was bleibt, ist das Buch, das «Dolce Vita» begleitet und ergänzt. Nach der Erforschung seiner Herkunft aus dem Bündner Hochtal Avers hat der Künstler drei Jahre den Grundfragen nachgespürt: dem guten Leben, der Vergänglichkeit, dem Sterben, dem Jenseits.

Intensiv nutzte er im letzten Herbst das dreimonatige Atelierstipendium der Stadt Frauenfeld in der Hafenstadt Genua. Zeichnete, malte – und schrieb.

«Beim Streben und im Jenseits»

In den neuen Bildern verdichtete er das beim Avers vorherrschende Zeichnerische weiter zur Abstraktheit. Diese Verdichtung und Tiefe erwartet Buchli auch «beim Sterben und im Jenseits», wie er eingangs schreibt. Sein Credo für die Zeit in der Hafenstadt war:

«Mich allem auszusetzen, mich auf alles einzulassen, allem nachzugehen.»

Da wollte er sich berühren lassen «auf der Suche nach dem Paradies» und Geschichten finden.

Genua sei keine Postkartenstadt, schreibt Buchli, sie sei echt, authentisch und vital, voller Spuren von Leben und Tod, Reich und Arm, Geschichte und Gegenwart. Er sah nicht nur den Gegensatz von Berg und Meer – als Urgewalten seien sie verwandt.

«War ich im Avers dem Himmel ein wenig näher, zieht es mich hier hinunter, ins Meer, Richtung Hölle? Ist das Meer das Jenseits?»

Im Avers sei er sich sicher gewesen, «dass ich mir mit meiner Auseinandersetzung mit meiner Herkunft einen Platz im Himmel gesichert habe. Jetzt am Meer bin ich mir nicht mehr so sicher.» Das Meer in Genua komme ihm wie ein umgekehrter Himmel vor.

In seinem Künstlerbuch vergleicht er das Tal seiner Vorfahren – Einwanderer- und Auswandererland zugleich – mit der Seefahrer- und Einwandererstadt Genua. Er sieht die verlassenen Geschäfte, die Asiaten und Afrikaner übernommen haben; er wird von Bootsflüchtlingen angebettelt, von jungen, kräftigen Männern; er erinnert sich an einen alten Bauern im Avers, der sich kritisch über unsere Flüchtlingspolitik äusserte.

Stadt der grossen Gegensätze

Fredi Buchli vertiefte sich in die «Stadt der grossen Gegensätze» auf der Suche nach dem guten Leben. Er sah die Bettler und Baustellen, die Bambini, die allgegenwärtigen Hunde, die alten Prostituierten. Er tauchte in die Stadt ein, suchte das Gespräch mit den Menschen; er fand Lieblingsorte und Lieblingslokale und Galeristen, die mit ihm eine Ausstellung machen wollen (nicht gleich, später einmal); er besuchte die Kirchen, Palazzi und Friedhöfe, immer wieder den Monumentalfriedhof Staglieno; er schwärmte auch aus nach Camogli, Recco, Nervi. Einmal schreibt er:

«Ich erlebe eine extrem intensive Zeit. Mich berühren lassen ist das Wichtigste.»

Egal wovon. Buchlis Geschichten sind voller Leben, er erzählt sie mal lakonisch, mal betroffen. Der Künstler beobachtet und reflektiert, seine Wahrnehmung wird schärfer und schärfer, doch die Zeit läuft rasant. «Ich sehe die Vergänglichkeit nicht mehr als ein Schreckgespenst der kontinuierlichen Verschlechterung bis zum Tod, sondern als Veränderung innerhalb des Lebens.» Und Fredi Buchli findet das Paradies. «Das Paradies ist ein Zustand, nicht ein Ort.»

«Dolce Vita», 84 S., Fr. 35.–; Bezug über info@fredibuchli.ch, 052 720 64 06.