Wegen häuslicher Gewalt: Thurgauer Kantonspolizei muss 700 mal im Jahr ausrücken

Im Schnitt zweimal pro Tag rückt die Kantonspolizei Thurgau wegen häuslicher Gewalt aus. Diese Fälle landen zur Nachbearbeitung bei der Fachstelle Häusliche Gewalt. Deren Ziel ist es, dass sich die Gewaltspirale gar nicht erst in Gang setzt.

Sebastian Keller
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Sie passiert im Verborgenen. Unter Personen, die sich einst gelobt haben, sich zu lieben, zu achten, zu ehren: häusliche Gewalt. Im vergangenen Jahr musste die Kantonspolizei Thurgau 700 mal intervenieren – im Schnitt also zweimal pro Tag. In 341 Fällen stellten die ausgerückten Polizistinnen und Polizisten eine Tätlichkeit fest. Jeder dieser Fälle landet bei der Fachstelle Häusliche Gewalt, angesiedelt bei der Kantonspolizei Thurgau. Leiterin ist Uta Reutlinger. «Im laufenden Jahr dürften es etwas weniger Fälle sein», sagt sie. Dass das Phänomen tatsächlich rückläufig ist, bezweifelt sie. «Die Dunkelziffer ist hoch.»

Uta Reutlinger leitet die Fachstelle Häusliche Gewalt bei der Kantonspolizei Thurgau. (Bild: Andrea Stalder)

Uta Reutlinger leitet die Fachstelle Häusliche Gewalt bei der Kantonspolizei Thurgau. (Bild: Andrea Stalder)

«Wir rücken nicht selber aus», sagt Uta Reutlinger, die ein mit 250 Stellenprozent dotiertes Team leitet. Eine Sozialarbeiterin und drei Polizistinnen in Teilzeit arbeiten für die Fachstelle. Eine ihrer Aufgaben: Sie bearbeiten die Fälle nach. Sie durchleuchten Interventionsberichte, die von Polizistinnen und Polizisten erstellt werden. Die Fragen dabei: Wurde an alles gedacht? Wurden polizeiliche Massnahmen wie etwa eine Wegweisung genutzt? Wurden die Gewaltbetroffenen und die Gewaltausübenden an eine Beratungsstelle vermittelt? In den meisten Fällen lautet die Antwort Ja. «Im Korps ist die Sensibilität für häusliche Gewalt hoch», sagt Uta Reutlinger. Das liege auch daran, dass das Thema an der Polizeischule Ostschweiz unterrichtet werde.

75 Prozent der Opfer sind Frauen

Laut polizeilicher Statistik sind in 75 Prozent der Fälle Frauen Opfer von häuslicher Gewalt. «Sie kommt in allen gesellschaftlichen Schichten vor», sagt Reutlinger. Der Grossteil der Fälle, mit denen die Polizei zu tun hat, sind Familien oder Paare mit Migrationshintergrund. Das liege auch daran, dass betroffene Schweizerinnen vielfach Beratungsstellen kennen und sich direkt an diese wenden.

«Das Wissen darüber ist in der Bevölkerung gewachsen», sagt Reutlinger.

Sensibilisierung, Koordination und Gewaltprävention bleiben aber weiterhin massgebende kantonale Aufträge für die Fachstelle. Das Informationsmaterial ist auch auf Albanisch, Englisch, Kroatisch, Serbisch, Tamilisch, Türkisch und weiteren Sprachen erhältlich.

Zentraler Auslöser für Gewalt in den eigenen vier Wänden sei das Machtgefälle in einer Beziehung. «Veraltete Rollenbilder begünstigen häusliche Gewalt», sagt Reutlinger. Der Mann sehe sich als Chef im Haus und wende Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung an – als letztes Mittel. Die Gewaltspirale nehme bereits früher ihren Lauf.

«Es beginnt zum Beispiel mit ständigem Kritisieren», sagt Reutlinger.

Gefolgt von demütigen, anschreien, drohen, einsperren. Der unschönen Spielarten sind viele. Die Spirale gipfelt im schlimmsten Fall bei Schlägen, Vergewaltigung oder Tötung. «Fast jeder körperlichen Gewalt geht psychische voraus», sagt die Fachstellenleiterin. «Unser Ziel ist es, die Gewaltspirale möglichst früh zu durchbrechen.»

Auch Kinder sind betroffen

Was Reutlinger besonders auf den Magen schlägt, ist die «viel zu hohe Zahl von betroffenen Kindern»: 2017 waren es 545. «Auch wenn bei Kindern selber keine Gewalt angewendet wird, leiden sie darunter.» So etwa, wenn sie Schreie oder Schläge im Nebenzimmer hören. «Kinder geraten in einen Loyalitätskonflikt.» Wie sollen sie sich gegenüber der Mutter, die geschlagen wird, verhalten? Wie gegenüber dem gewalttätigen Vater?

Als geeignetes Sofortmittel bei häuslicher Gewalt habe sich die Wegweisung etabliert. Seit 2008 kann die Polizei im Thurgau eine gewaltausübende Person zum Schutz der gefährdeten Person für 14 Tage aus der Wohnung weisen. Das geschah im vergangenen Jahr 202 mal. «Dieses Mittel kann helfen», sagt Uta Reutlinger. In erster Linie zum Schutz des Opfers.

Es habe aber auch eine positive Wirkung auf die gewalttätige Person. «Die durchatmen und einen klaren Kopf bekommen kann.» In diesen Fällen wird auch die Fachstelle aktiv: Mitarbeiterinnen rufen Täter und Täterinnen an. Im Jahr 2017 griffen die Fachstellenmitarbeiterinnen 260 mal zum Telefon (2016: 173). Reutlinger: «Uns ist es wichtig, diese Personen nicht zu verurteilen. Wir wollen sie gewinnen, selbst aktiv zu werden und sich Unterstützung zu suchen.» Die Vermittlung an die Fachstelle Konflikt.Gewalt sei ein wünschenswertes Ziel. Diese arbeitet mit den Gewaltausübenden an Alternativen zu Gewalt.

Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen

Als neu in den Fokus gerücktes Phänomen wird Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen beobachtet. «Fast 60 Fälle registrieren wir bei Jugendlichen bis 25 Jahren.» Das zeige, dass veraltete Rollenbilder auch bei jungen Erwachsenen noch nicht durchbrochen seien. Gerade die Sozialen Medien würden das Problem verschärfen. Als Beispiel nennt Reutlinger das ständige gegenseitige Kontrollieren oder nach einer Trennung das Verbreiten von intimen Fotos. «Ein grosses Thema ist auch die Gewalt von Kindern gegen die eigenen Eltern.» Erschwerend komme in dieser Konstellation hinzu, dass sich die Eltern davor scheuen, das eigene Kind anzuzeigen.

«Auch wenn dies sinnvoll sein könnte.»

Oberstes Ziel der Fachstelle ist es, dass sich die Gewaltspirale gar nicht erst in Gang setzt. Grosse Anstrengungen werden deshalb in der Prävention unternommen. So besucht die Fachstelle Volks- und Berufsschulen und bietet auch weitere Hilfestellungen wie telefonische Beratung für Bezugspersonen an. «Die Fachstelle Häusliche Gewalt ist von der Anzeigepflicht befreit», betont Reutlinger. So können Fälle und Probleme besprochen werden, ohne dass dies automatisch weitere polizeiliche Massnahmen zur Folge hat.

Auch die Vernetzung mit involvierten Stellen ist wichtig – etwa mit den Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden, der Staatsanwaltschaft, dem Gesundheitswesen, aber auch mit Beratungsstellen. Aus aktuellem Anlass beteiligt sich die Fachstelle an der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen». Ab dem 26. November wird mit Aktivitäten in der ganzen Schweiz auf das Problem aufmerksam gemacht. Für Uta Reutlinger ist klar: «Häusliche Gewalt ist keine Privatsache.»

Film zum Thema

(red) Die Fachstelle Häusliche Gewalt der Kantonspolizei Thurgau organisiert am Dienstag, 27. November, im Cinema Luna in Frauenfeld eine Filmvorführung. Der Film «Jusqu’à la garde» (Nach dem Urteil) zeigt, welche Auswirkungen häusliche Gewalt auf die Betroffenen hat. Für sein Werk hat der französische Regisseur Xavier Legrand mehrere Preise gewonnen, unter anderem den silbernen Löwen für beste Regie beim Filmfestival von Venedig. Vor dem Film gibt es eine Einführung ins Thema von und mit der Fachstelle Häusliche Gewalt, der Fachstelle Konflikt.Gewalt und der Opferhilfe Thurgau. Die Veranstaltung läuft im Rahmen der nationalen Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen». Die Filmvorführung ist in französischer Sprache mit deutschen Untertiteln, der Eintritt kostet 15 Franken. Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr.