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Gründelenten haben’s leichter im Bodensee als andere Vögel

Das Niedrigwasser hatte Folgen für die Vogelwelt. Ornithologen sehen Handlungsbedarf. Der Bodensee bleibt aber als Winterquartier auch für seltene Arten beliebt.
Franz Domgörgen
Das Niedrigwasser am Untersee im vergangenen Herbst: Plötzlich waren die Schutzgebiete für Wasservögel zu klein. (Bild: Gerhard Plessing)

Das Niedrigwasser am Untersee im vergangenen Herbst: Plötzlich waren die Schutzgebiete für Wasservögel zu klein. (Bild: Gerhard Plessing)

Diese Bilder vom Bodensee gingen um die Welt: Luftaufnahmen wie Gemälde, die breite hellgelbe Strände zeigen zwischen dem Schilfsaum von Naturschutzgebieten wie dem Wollmatinger Ried und der Wasserkante des Bodensee-Untersees. Hier hatte sich der Pegel im Herbst 2018 besonders augenfällig zurückgezogen. Die einen schwärmen bei diesem Anblick vom karibischen Flair. Andere bewerten die lange Niedrigwasserphase im Nachhinein äusserst kritisch.

Die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Bodensee (OAB), die seit 1958 regelmässig den Bestand der Wasservögel ermittelt, macht im Zuge ihrer Datenerhebungen für das Winterhalbjahr 2018/19 auf ein Phänomen aufmerksam.

Vögel werden aus den Schutzgebieten gedrängt

So habe sich gezeigt: Wenn breite Flachwasserzonen trockenfallen, orientiert sich ein Grossteil der Vögel Richtung Wasserfläche. Sie halten sich dann verstärkt ausserhalb ausgewiesener Schutzzonen auf und werden dort unter Umständen durch andere Seenutzer aufgeschreckt. Etwa durch Wassersportler oder Bootfahrer, die sich ausserhalb der Schutzgebiete auf den sicheren Seiten wähnen können.

Um Störungen von vielen Tausenden gefiederten Wintergästen zu vermeiden, «müssen die seeseitigen Naturschutzgebiete dringend ausgeweitet werden», schreibt die OAB in ihrer Bestandsaufnahme für den Monat November 2018. Der Konstanzer Harald Jacoby, Mitbegründer und Vorstandsmitglied der OAB, erläutert: «Wir brauchen temporär flexible Schutzzonen für die Wasservögel.» Dies sei Konsens in der seeumspannenden Ornithologen-Vereinigung wie auch im Naturschutzbund, der viele Schutzgebiete am Bodensee betreut.

Der Untersee bei Ermatingen am 28. November 2018. (Bild: Donato Caspari)

Der Untersee bei Ermatingen am 28. November 2018. (Bild: Donato Caspari)

Die März-Zählung der OAB ist im Gang. Dafür schwärmten am Sonntag etwa 50 Feldornithologen mit Stativen, Ferngläsern und Fernrohren aus – am Schweizer, Vorarlberger und am deutschen Seeufer. Im April ist dann die Bestandsaufnahme für das Winterhalbjahr komplett.

Beliebtes Winterquartier

Bemerkenswerte Erkenntnisse gibt es aber schon jetzt. Sicher ist: Der Bodensee bleibt als Winterquartier für zahlreiche Zugvogelarten beliebt. Im vergangenen Dezember hat die OAB mehr als 225'000 Wasservögel gezählt. Der Wert liegt deutlich über dem langjährigen Mittel (1985 bis 2015) von 205'000.

Am stärksten vertreten waren im Dezember Tafelenten, Reiherenten und Blesshühner mit insgesamt etwa 150'000 Artgenossen. Gleichwohl seien Tafelenten und Reiherenten nicht mehr so dominant wie früher, meint Harald Jacoby.

Der Feldornithologe vermutet, dass sich hier Zugwege der aus Russland kommenden Wasservögel verschieben. Fallen die Winter milder aus, bleiben Tafel- und Reiherente in nördlicheren Gefilden.

Seltene Vögel gesichtet

Der niedrige Pegel im Herbst hat übrigens für eine Reihe von Vogelarten besonders günstige Bedingungen geschaffen und gefiederte Gäste an den Bodensee gebracht, die ansonsten hier selten, kaum oder gar nicht zu beobachten sind.

So wurden im September 2018 neben dem Austernfischer 22 weitere Watvogelarten gesichtet. Zuwächse zeigten sich auch bei den Enten, die nicht tauchen können. Die sogenannten Gründelenten taten sich bei niedrigem Wasserstand mit der Nahrungssuche leichter. Gleiches gilt auch für den Höckerschwan. Der Pflanzenfresser erreicht bei Niedrigwasser viel besser die bei ihm sehr beliebte Armleuchteralge. Über 4000 Höckerschwäne zählten die OAB-Aktiven im Dezember – das stellt einen Höchstwert dar.

Das Buch und das Boot

Die Datensammlung: Die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Bodensee (OAB) hat die Bestandsentwicklung der Wasservögel in einem Buch zusammengefasst und damit einen riesigen Datenschatz für die Öffentlichkeit erschlossen. Das 320 Seiten starke Werk («55 Jahre Wasservogelzählung am Bodensee», 1961 bis 2016) mit informativen Texten und zahlreichen Bildern ist in der Reihe «Der Ornithologische Beobachter» erschienen und kann für 25 Euro im NABU-Bodenseezentrum Reichenau, Am Wollmatinger Ried 20, bezogen werden.

Die Erschwernisse: Nicht immer war die Akzeptanz der Arbeit der Vogelschützer so gross wie heute. In einem Beitrag in dem Buch beschreibt die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft, wie es zuging in den 1970er- und 1980er-Jahren. In der Auseinandersetzung um die Einrichtung von Schutzgebieten und die Einschränkung der Vogeljagd wurden die Gegner der Vogelschützer rabiat. So verübten Unbekannte 1982 einen Brandanschlag auf das OAB-Forschungsschiff Netta. (fdo)

Mer Infos unter: www.nabu-bodenseezentrum.de

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