Grossmutter-Tanne in Salen-Reutenen sagt langsam Adieu: Die lokale Berühmtheit hat Einiges über ihr fast 300-jähriges Dasein zu erzählen

Die 250- bis 300-jährige Weisstanne in Salen-Reutenen ist eine lokale Berühmtheit. Die betagte Dame hat viel zu erzählen.

Viola Stäheli
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Revierförster Christof Heimgartner und der ehemalige Waldarbeiter Ueli Hollenweger vermessen den Stamm der Grossmutter-Tanne in Salen-Reutenen.

Revierförster Christof Heimgartner und der ehemalige Waldarbeiter Ueli Hollenweger vermessen den Stamm der Grossmutter-Tanne in Salen-Reutenen.

Bild: Andrea Stalder

«Klopf, klopf, klopf.» Ein Specht ist fleissig an der Arbeit. In der Ferne sind Kirchenglocken zu hören, meine Äste rauschen, als ein Windstoss sie erfasst. Es krabbelt unter meiner Rinde. Der Specht hat noch viel zu tun – aber ein Specht alleine kann niemals die Hunderten Käferchen fressen, die sich unter meiner dicken Rinde eingenistet haben. Besonders der krummzahnige Weisstannenborkenkäfer fühlt sich wohl. Warum der krummzahnig sein soll, kann ich nicht sagen, aber Zähne hat er, dass weiss ich mit Sicherheit.

Seit dem Sommer 2018 hat sich einiges verändert. Heiss war es und trocken. Diese Kombination habe ich als Weisstanne nie gemocht. An einigen Stellen hat sich meine Rinde rötlich gefärbt und ich verliere Nadeln, manchmal sogar Äste. Wegen meines geschwächten Zustands haben viele unterschiedliche Käfer – zum Glück alle ungefährlich für meine Töchter, Enkel, Urenkel und vielleicht sogar Ururenkel – ein neues Zuhause unter meiner Rinde gefunden.

Vielleicht ist es auch einfach mein Alter, mit dem ich zu kämpfen habe. Nicht umsonst bin ich die Grossmutter-Tanne von Salen-Reutenen. Ich bin zwischen 250 und 300 Jahre alt, Weisstannen haben eine Lebenserwartung von 350 Jahren. Wie alt ich genau bin, das bleibt mein Geheimnis bis zu meinem Lebensende. Erst dann lassen sich die Jahresringe auf der Stammscheibe auszählen.

Eine stumme Zeitzeugin

250 bis 300 Jahre alt ist die Grossmutter-Tanne in Salen-Reutenen. Sie hat ihre Geburtsstunde wahrscheinlich noch vor dem Thurgau, der 1803 ein selbstständiger Kanton wurde. Kurz darauf erschien 1809 das erste Mal die «Thurgauer Zeitung». 1847 brach der Sonderbundskrieg aus, der letzte Bürgerkrieg in der Schweiz. In den 1860er-Jahren hielt die Industrialisierung im Thurgau Einzug: Die ersten Fabriken wurden errichtet, wie dem Werk von Albert Schoop «Geschichte des Kantons Thurgau» zu entnehmen ist. 1914 bis 1918 wütete der Erste, 1939 bis 1945 der Zweite Weltkrieg. In dieser ganzen Zeit war die Grossmuttertanne im Wald von Salen-Reutenen stumme Beobachterin. (vst)

Seit jeher eine stolze Thurgauerin

Als ich noch jung war, habe ich erlebt, wie 1803 der Thurgau zu einem selbstständigen Kanton in der Schweizerischen Eidgenossenschaft geworden ist. Seit meinem Lebensbeginn bin ich eine stolze Thurgauerin: Wir Weisstannen sind eine heimische Baumart. Nicht so wie die Rottannen, die mir mittlerweile auch Gesellschaft im Wald leisten – die kommen vom Norden und sind erst seit etwa 200 Jahren hier im Thurgau.

Eigentlich sollte mein Schicksal ein anderes sein, als eine der ältesten Tannen auf dem Seerücken zu werden. Meine untersten Äste wurden abgeschlagen, um die Holzqualität für eine spätere Ernte zu steigern – «Wertastung» nennt sich das. Aber zu einer Fällung kam es nie. So wurde ich immer grösser und mächtiger. Meine Höhe beträgt nun beinahe 50 Meter und mein Umfang 4,2 Meter.

Die Grossmutter-Tanne in Salen-Reutenen hat sogar einen eigenen Wegweiser.

Die Grossmutter-Tanne in Salen-Reutenen hat sogar einen eigenen Wegweiser.

(Bild: Andrea Stalder)

Nur eine andere Weisstanne konnte mir das Wasser reichen: Mein Mann, der Grossvater, stand nur einige Meter entfernt. Leider traf ihn der Blitz. Ich hatte mehr Glück: Nicht nur dem Andelfinger Sturm 1982, auch «Vivian» 1990 und «Lothar» 1999 habe ich getrotzt. Aber leider brach mein Wipfel bei einem dieser Unwetter ab. Deshalb habe ich heute drei, die nachgewachsen sind.

Aber nicht nur Stürme habe ich überstanden, ich habe auch sehr kalte Jahre erlebt – dreimal fror sogar der Bodensee zu: 1830, 1880 und zuletzt 1963. Ich habe viel erlebt. Und ich hoffe, dass auch die anderen Tannen um mich herum, die aus meinen Samen gewachsen sind und mich wohl überleben werden, noch vielen Herausforderungen trotzen können.

Besucher, die den Wipfel zu sehen versuchen

Nun bin ich an meinem Lebensende. Aber ich weiss noch nicht, wann ich mich endgültig verabschiede. Den Menschen aus Salen-Reutenen bin ich ans Herz gewachsen. Gerade vermessen Revierförster Christof Heimgartner und der ehemalige Waldarbeiter Ueli Hollenweger meinen Stammumfang. Stolz führen sie immer wieder Besucher und Schulklassen an mein moosbewachsenes Wurzelwerk. Ich mag die angestrengten Gesichter zu meinen Füssen, die mit zugekniffenen Augen meinen hochhinausragenden Wipfel zu sehen versuchen.