Gross und grösser: Gross-Frauenfeld - Die Geschichte der Stadtvereinigung im Sommer 1919

Bis 1919 bestand die Stadt aus den sechs Ortsgemeinden Kurzdorf, Langdorf, Huben, Herten, Horgenbach und Frauenfeld. Diese bildeten zusammen die Munizipalgemeinde. Nach langjährigen Verhandlungen fand am 1. Juni 1919 die Stadtvereinigung statt.

Stephan Heuscher *
Drucken
Teilen
Im Jahr 1904: Blick auf Bleiche, Hauptpost, Schloss und altes Rathaus (also noch ohne Rathausturm). (Bild: Stadtarchiv Frauenfeld/Fotoarchiv Bär)

Im Jahr 1904: Blick auf Bleiche, Hauptpost, Schloss und altes Rathaus (also noch ohne Rathausturm). (Bild: Stadtarchiv Frauenfeld/Fotoarchiv Bär)

Bis 1960 bestand der Thurgau als mittelgrosser Kanton aus über 200 Ortsgemeinden und 73 übergeordneten Munizipalgemeinden. Die Unterscheidung in Gemeinden mit unterschiedlichen Kompetenzen war ein staatsrechtlicher Sonderfall und wird als sogenannter Gemeindedualismus bezeichnet. Entstanden war dieser in napoleonischer Zeit. Während die meisten Kantone diese Regelung nach Abzug der französischen Truppen wieder abschafften, blieb der Dualismus im Thurgau bestehen.

Frauenfeld war die erste politische Gemeinde im Kanton, welche durch den freiwilligen Zusammenschluss mehrerer Ortsgemeinden eine Einheitsgemeinde schuf. Kreuzlingen folgte 1927/28. Erst die Kantonsverfassung von 1987 erklärte die generelle Überwindung des Dualismus zum Ziel. Seither hat sich die Zahl der Gemeinden auf 80 reduziert, Orts- und Munizipalgemeinden wurden ausnahmslos durch Einheitsgemeinden ersetzt.

Kantonshauptstadt gerät unter Druck

Eigentliche Triebfeder der Stadtvereinigung war die Ortsgemeinde Frauenfeld. Die Stellung der Stadt als Hauptort war seit der Kantonsgründung von 1803 umstritten. Aus diesem Grund tagt der Grosse Rat bis heute jeweils im Winterhalbjahr im Rathaus Weinfelden. Frauenfeld war vor dem 1. Weltkrieg eine recht kleine Ortschaft. Das Städtchen wies ohne die umliegenden Dörfer 1910 lediglich 4763 Einwohner auf. Im Zuge der landesweiten Hochkonjunktur zwischen 1880 und dem 1. Weltkrieg verlor die Gemeinde namentlich gegenüber dem Verkehrsknotenpunkt Romanshorn und dem Industrieort Arbon an Boden. Arbon vermochte seine Bevölkerung zwischen 1888 und 1910 beinahe zu vervierfachen und kam im Jahr 1910 auf 9598 Einwohner.

Aus dem Jahr 1917: Planausschnitt zu zukünftigen Baugebieten (grün) der Architekten Kaufmann & Freyenmuth im Auftrag der Industriekommission. (Bild: Stadtarchiv Frauenfeld)

Aus dem Jahr 1917: Planausschnitt zu zukünftigen Baugebieten (grün) der Architekten Kaufmann & Freyenmuth im Auftrag der Industriekommission. (Bild: Stadtarchiv Frauenfeld)

Frauenfeld hingegen drohte wirtschaftlich ins Hintertreffen zu geraten. Die Walzmühle beispielsweise stand von 1904 bis 1916 zwölf Jahre lang gänzlich leer. Die Firma Martini & Co. auf der Bleiche, mit über 300 Angestellten die zweitgrösste Firma am Ort, wurde zwischen 1907 und 1916 sukzessive in einzelne Betriebszweige zerlegt, die nach und nach die Ortsgemeinde Frauenfeld verliessen. Noch wusste man nicht, dass auch das grösste Unternehmen, die Schuhfabrik Brauchlin, Steinhäuser & Co., in Schwierigkeiten geraten und ab 1928 liquidiert werden würde.

Auf Initiative von Verkehrsverein und Gewerbeverein entstand deshalb 1915 eine Industriekommission, die sich um die Ansiedlung neuer Unternehmen bemühte. Grösster Erfolg war 1916 die Verlegung der Bieler Aluminiumfabrik Sigg AG in die Gebäude der Walzmühle. Es zeigte sich jedoch bald, dass die Wirtschaftsförderung nur erfolgreich sein konnte, wenn sie den engen Rahmen der Ortsgemeinde Frauenfeld sprengte und die Aussengemeinden einbezog.

Flugaufnahme der Stadt aus dem Jahr 1928. (Bild: Photoswissair)

Flugaufnahme der Stadt aus dem Jahr 1928. (Bild: Photoswissair)

Planungseuphorie über Ortsgemeindegrenzen hinaus

Ab den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts herrschte in Frauenfeld eine eigentliche Planungseuphorie, die aus heutiger Sicht doch etwas erstaunt. 1899 veröffentlichte die Ortsgemeinde einen «Übersichtsplan des Baugebietes» mit einem ausgedehnten schachbrettartigen Strassennetz auf der linken Murgseite. Diese war mit Ausnahme von Ergaten bis dahin weitgehend unbebaut geblieben. 1912/13 führte die Ortsgemeinde gar einen national ausgeschriebenen Wettbewerb für einen Bebauungsplan der Vorstadtgebiete vom Wannenfeld bis zum Algisser durch. Das Interesse war riesig. Die Jury durfte 39 eingereichte Projekte zur Prüfung entgegennehmen. Es war klar, dass die Realisierung dieser ambitionierten Pläne nur gelingen konnte, wenn die Ortsgemeinden am gleichen Strick zogen. Dies nicht zuletzt im Hinblick auf den damit verbundenen Ausbau der Infrastruktur für Wasser, Gas und Elektrizität. Die entsprechenden Werke gehörten bis dahin allein der Ortsgemeinde Frauenfeld. Es bestanden umständliche Lieferverträge mit jeder einzelnen der fünf Aussengemeinden. Diese gaben mehrfach Anlass zu Spannungen unter den Ortsbehörden.

Öffentliche Buchvernissage im Rathaus

 Aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums der Stadtvereinigung hat der Stadtrat von einem Autorenteam unter Leitung von Stadtarchivar Stephan Heuscher eine Festschrift verfassen lassen. Ebenfalls mitgewirkt haben Andrea Hofmann Kolb, Angelus Hux und Thomas Pallmann. Die öffentliche Vernissage von «Stadtvereinigung Frauenfeld 1919: Ein grosser Schritt in die Zukunft» findet am Dienstag, 11.Juni, um 19 Uhr im Grossen Bürgersaal des Rathauses statt. Das Buch kann an der Vernissage, im Buchhandel und bei Genius Media bezogen werden. Zudem findet am Mitsommerfest (14. bis 16. Juni) ein Verkauf in der Festwirtschaft der Bürgergemeinde statt. (red)

ISBN 978-3-03789-025-7

Frauenfeld war nicht nur in Bezug auf die politische Organisation ein kleinräumiger Flickenteppich. Im Bereich der Schulbildung und der Bürgergemeinden bestand dieselbe Einteilung. Es gab sechs Schulgemeinden und sechs Bürgergemeinden, deren Grenzen weitgehend mit denjenigen der Ortsgemeinden übereinstimmten. Auch die Schulgemeinden und die Bürgergemeinden schlossen sich auf den 1. Juni 1919 zusammen. Für die Schulgemeinden der Aussendörfer waren mit diesem Schritt eine Reihe wichtiger Fortschritte verbunden. Die Löhne und Pensionen der Lehrkräfte wurden auf das Niveau der Lehrerinnen und Lehrern in der Innenstadt angehoben. Die Kinder erhielten wie ihre Altersgenossen Handarbeits- und Hauswirtschaftsunterricht. Kindergärten und Ferienkolonien wurden eingeführt, und der Zugang zu Schularzt und Schulzahnklinik war nun auch gewährleistet.

Um 1930: Rinder ziehen zwischen katholischer Stadtkirche St.Nikolaus und dem Haus zur Krone auf der Zürcherstrasse Richtung Vorstadt. (Bild: Hans Baumgartner, Steckborn)

Um 1930: Rinder ziehen zwischen katholischer Stadtkirche St.Nikolaus und dem Haus zur Krone auf der Zürcherstrasse Richtung Vorstadt. (Bild: Hans Baumgartner, Steckborn)

Für die Bürgergemeinden bedeutete der Zusammenschluss hingegen im Wesentlichen einen stillen Nachvollzug des politischen Wandels. Sie verloren mit der Auflösung der Ortsgemeinden aufgrund der rechtlichen Bestimmungen des kantonalen Gemeindeorganisationsgesetzes von 1874 nämlich ihre Daseinsberechtigung. Um das Bürgermögen zu bewahren und die Kompetenz zur Erteilung des Bürgerrechts weiterhin ausüben zu können, entschlossen sie sich ohne nennenswerte Diskussion zum Zusammenschluss.

Schulbehörden abgeholt, Abstimmungen gewonnen

So einleuchtend sich die Stadtvereinigung aus heutiger Sicht darstellt, waren doch langwierige Verhandlungen nötig, um unter allen beteiligten Gemeinden eine Einigung zu erzielen. Und dies in einer mehrheitlich krisenhaften Zeitepoche, die von Bankenskandal, Weltkrieg, Landesstreik und Grippe-Epidemie geprägt war. Viele komplexe Probleme türmten sich auf, die in Dutzenden von Sitzungen diverser Kommissionen zu lösen waren. Namentlich galt es, die Skepsis der Schulvorstände zu überwinden, die befürchteten, durch die neue Gesamtschulgemeinde die Kontrolle über «ihre Schulen» zu verlieren. Dank kluger Rücksichtnahme auf diese Bedenken und intensiver Werbung für die Vorlagen wurde der Abstimmungssonntag vom 18. März 1917 zu einem grossen Erfolg. Alle Gemeindeversammlungen nahmen den Zusammenschluss der Orts- und der Schulgemeinden mit grossen Mehrheiten an.

Flugaufnahme der Frauenfelder Innenstadt um das Jahr 1925. Anstelle des 1966 erbauten «Glaspalasts» stand noch das Promenadenschulhaus. (Bild: Photoswissair)

Flugaufnahme der Frauenfelder Innenstadt um das Jahr 1925. Anstelle des 1966 erbauten «Glaspalasts» stand noch das Promenadenschulhaus. (Bild: Photoswissair)

Im Rückblick ist die Stadtvereinigung zweifellos als Erfolgsgeschichte zu bezeichnen. Zwar war auch für Frauenfeld die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre nochmals eine schwierige Zeit. Als nach dem 2. Weltkrieg eine lang andauernde Hochkonjunkturphase einsetzte, war die Stadt jedoch bereit. Mit über 25'000 Einwohnern übertrifft sie in der Gegenwart die anderen städtischen Ortschaften im Thurgau ziemlich deutlich und hat sich nachhaltig als Kantonshauptstadt positioniert.

* Der Autor dieses Artikels ist Frauenfelder Stadtarchivar.