Hilfeschrei vom Grenzhag: Die Kreuzlinger Stadtregierung bittet die Justizministerin um eine Sonderlösung für die Grenzregion

Der Kreuzlinger Stadtrat wendet sich an Bundesrätin Karin Keller-Sutter. Sie soll Massnahmen prüfen zur Entschärfung der speziellen Situation der Grenzstädte Kreuzlingen und Konstanz. 

Urs Brüschweiler
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Am vergangenen Freitag installierten Zivilschützer einen zweiten Zaun entlang der Kunstgrenze.

Am vergangenen Freitag installierten Zivilschützer einen zweiten Zaun entlang der Kunstgrenze.

(Bild: Andrea Stalder)

«Unsere Situation mit zwei Städten, die so sehr miteinander verflochten und verwachsen sind, ist weitherum einzigartig», sagt der Kreuzlinger Stadtpräsident Thomas Niederberger. Doch aufgrund der aktuellen Grenzschliessungen wegen der Coronapandemie führe diese Verbundenheit der Menschen auch zu besonderen Problemen.

Der Kreuzlinger Stadtpräsident Thomas Niederberger.

Der Kreuzlinger Stadtpräsident Thomas Niederberger.

Bild: Andrea Stalder
«Wir haben die Konstellation, dass sich beispielsweise zahlreiche Paare nicht mehr treffen können.»

Die Installation eines zweiten Grenzhages auf Klein Venedig vor einer Woche habe das Problem noch verschärft.

«Diese Massnahme löste in der Bevölkerung zahlreiche, teils heftige Reaktionen aus. Die Situation ist insbesondere für Familien, die getrennt in Kreuzlingen und Konstanz leben, äusserst schwierig.»

Die Justizministerin soll Massnahmen prüfen

Der Kreuzlinger Stadtrat hat nun reagiert und sich direkt an die Landesregierung gewandt: «Ich habe Bundesrätin Karin Keller-Sutter unsere Situation geschildert und sie gebeten, Massnahmen zu prüfen, um die Situation in unserer Grenzstadt zu entschärfen.» Das Schreiben aus Kreuzlingen ging am Dienstag raus, eine Reaktion aus Bern sei noch nicht eingetroffen.

Einen konkreten Vorschlag oder eine Forderung hat Kreuzlingen nicht mitgeliefert. «Wir haben auch kein Patentrezept», sagt Niederberger. Vielleicht gebe es Möglichkeiten, einen geschützten Ort einzurichten, wo sich die Familien im vertraulichen Rahmen dennoch treffen könnten.

Zu einer Lösung, dass ein Grenzübertritt für den Besuch naher Familienangehöriger gestattet wird, so wie es aktuell eine Online-Petition fordert, kann Niederberger nichts Konkretes sagen. Die diesbezüglich in der Bevölkerung von Kreuzlingen und Konstanz vorherrschende Unsicherheit, auch durch teils unterschiedliche Handhabungen der Grenzbehörden, sei aber sicher auch ein Teil des Problems.

«Die Zäune verschwinden so schnell, wie sie kamen»

In seiner Mitteilung beschreibt der Kreuzlinger Stadtrat, wie es zum Aufstellen des zweiten Grenzhages an der Kunstgrenze kam. Um nach der Grenzschliessung den Kontakt aufrechtzuhalten, trafen sich Familienmitglieder, Freunde und Bekannte, um sich am Zaun auszutauschen. Teilweise seien gar Personen aus anderen Kantonen angereist. Der Stadtpräsident sagt: 

«Es standen zeitweise über 200 Leute auf dem Areal, was für die Sicherheitskräfte fast nicht mehr zu handeln war.»

Um die Pandemie-Massnahmen des Bundes dennoch gewährleisten zu können, suchten Stadt, Grenzwache, Polizei und der regionale Führungsstab nach Lösungen, um die Abstände einhalten zu können, ohne Bussen zu verteilen. Auf Anordnung des kantonalen Führungsstabs wurde deshalb der zweite Zaun im Abstand von zwei Metern aufgebaut. Der Stadtpräsident betont aber:

«Die Zäune kommen nach dem Lockdown ebenso schnell wieder weg, wie sie aufgebaut wurden.»
Zwei Grenzzäune sorgen für den nötigen Abstand.

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Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone
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Urs Brüschweiler