Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Gott hat einen Vogel

Der katholische Theologe Erich Häring macht sich Gedanken zu Pfingsten. Er erörtert die Bedeutung der Taube im Christentum und sagt, wie man mit anderen Religionen auf einen grünen Zweig kommt.
Erich Häring
Erich Häring, katholischer Theologe im Ruhestand. (Bild: PD)

Erich Häring, katholischer Theologe im Ruhestand. (Bild: PD)

Die christliche Kunst hält in allen Konfessionen strikt an einem Gottesbild mit Vogel fest. Die Taube ist in den meisten Kirchen unbestritten abgebildet. Von kleinen Kapellen bis hin zum Petersdom im Vatikan. Die Taube breitet ihre Flügel hemmungslos auf gottesdienstlichen Gewändern ebenso aus wie auf kirchlichen Urkunden. Ebenso schmückt sie Kerzen. Die Taube zeigt sich stark und selbstbewusst auf verschiedensten kirchlichen Gerätschaften.

Gegenüber der breiten Öffentlichkeit belassen die Konfessionen diesen Vogel Gottes lieber hoch oben unter dem Kirchendach. Gefiederte Wesen mit einem menschlichen Gesicht, viel zu viele Engel schlottern den Gläubigen bodennäher um die Ohren. Eine flaue Verlegenheitslösung.

Dabei zeigen viele andere Religionen neben dem Christentum ihre Götter mit einem oder mehreren Vögeln. Der schwarze Glanz der Raben Wotans, eines mächtigen germanischen Gottes, bannt mich jedes Mal, wenn ich diese scheuen Vögel unter den Bäumen in unserem Garten sehe. Ihre noch dunkleren Augen, gross in meinem Feldstecher, stellen mich an den Abgrund eines schwarzen Lochs. Ob schwarzes oder weisses oder buntes Gefieder, unterschiedliche Religionen teilen miteinander in ihrem kulturellen Gedächtnis vielfach ähnliche Symbole für Göttliches.

Der Vogel weiss eine wilde Geschichte zu berichten

Religiöse Erfahrungen überschreiten kampflos nationale und kulturelle Grenzen. Anstelle von Stacheldrähten, die Menschen abschotten, wird mit ähnlichen Symbolen die Voraussetzung für einen gegenseitigen Kulturaustausch geschaffen. Der Vogel im christlichen Gottesbild reicht tief in die Vergangenheit zurück. Mit ihrem grünen Zweig im Schnabel weiss die Taube eine uralte, wilde Geschichte zu berichten: So seien ein paar wenige Menschen und viele Tiere vor einem wütenden Gott gerade noch einmal davon gekommen. Ein Träumer, der auf trockener Erde ein Schiff gebaut habe, obwohl weit und breit kein Zyklon angesagt gewesen sei, habe gegen allen Spott der Politik und ohne jegliche staatliche Vorschrift, vorgesorgt.

Könnte es sein, dass verschiedenste Religionen den Vögeln zutrauen, für das Leben Wichtiges zu spüren, das Menschen mit einem verriegelten Weltbild unzugänglich bleibt? Hat es eine Bedeutung, dass in wenigen Jahren unserer Gegenwart Hunderte von Vogelarten völlig ausgestorben sind? Und dies, obwohl die Vögel die Saurierkatastrophe vor 200000000 Jahren bis heute überlebt haben?

Der Sonntag des Gottesvogels

Das Christentum, zunächst für kurze Zeit eine jüdische Sekte, die auf den Juden Jesus aus Nazareth zurückgeht, ist tausend Mal jünger als die Jahrmillionen alte Erfahrung der Vögel. Das, was in politischen Schlagworten als «Christliches Abendland» willkürlich die entsprechenden Blasen auf Facebook, Twitter und den Boulevards aufpumpt, hat eine noch viel kürzere Tradition, in der vor allem im konservativ-katholischen Bereich Gewalttätigkeiten durch Glorifizierungen ausgeblendet werden.

Pfingsten, der Sonntag des Gottesvogels, reizt jährlich, den tief verzweigten Wurzeln des Christentums nachzuspüren. Durch die jüdische Religion, die mit ägyptischen, iranischen und kananäischen Glaubensvorstellungen getränkt ist, werden uralte Glaubensvorstellungen aus frühgeschichtlichen Zeiten menschlicher Kulturen aufleuchten.

Derartige Expeditionen in die Tiefe der eigenen Religion ermöglichen, das Eigene zu erkennen und vom Anderen zu unterscheiden. Statt verletzenden Hassworten wird so mit der Leichtigkeit der Taube dort oben unter dem Kirchendach viel eher ein Austausch auf Augenhöhe mit anderen Religionen auf einen grünen Zweig kommen.
Hinweis

Hinweis
*Erich Häring (73) ist katholischer Theologe im Ruhestand. Er war Leiter des Pastoralraums Altnau.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.