«Goge choge schöni Gschichte verzelle»: Das neue Buch der Heimweh-Frauenfelderin Tanja Kummer vereint Erzählungen und Lyrik mit viel Thurgauer Dialekt

Frauenfeld war früher für sie die grosse Welt, mittlerweile lebt Tanja Kummer in Zürich und veröffentlicht ihr zehntes Buch. «Bigoscht. Gschichte & Gedicht» tauft sie diesen Mittwoch daheim in Frauenfeld.

Mathias Frei
Drucken
Teilen
Kleines Jubiläum: Tanja Kummer mit «Bigoscht», ihrem neuen Buch, in Händen.

Kleines Jubiläum: Tanja Kummer mit «Bigoscht», ihrem neuen Buch, in Händen.

(Bild: Andrea Stalder)

Anfangs 20 zog es sie in die weite Welt hinaus. Der Thurgauer Dialekt ist geblieben, obwohl das nun schon über 20 Jahre her ist. «Bigoscht. Gschichte & Gedicht» ist Tanja Kummers zehntes Buch – und eine kleine Liebeserklärung an ihre Mundart, die nicht dahingeworfen ist, sondern präzise. Es sind gut 20 Erzählungen, knapp 60 Gedichte und mehrere Texte, die auch beides sein könnten. Es sind liebevolle Preziosen, allesamt von einer wunderbare Poetizität durchzogen, «Gschichte», die auch «Gedicht» sein könnten. Sie handeln von dem, was den Mensch umtreibt, vom an Aprikosenhälften geübten Zungenkuss über den nächtlichen Roadtrip bis zum geplanten Detox-Tag, der viel mehr als das ist.

Von Frauenfeld in den Nachbarkanton

Tanja Kummer (Jahrgang 1976) ist in Frauenfeld geboren und aufgewachsen. Bei der Buchhandlung Huber hat sie eine Lehre zur Buchhändlerin gemacht. Sie ist auch eidgenössisch diplomierte Erwachsenenbildnerin. Kummer ist Autorin, arbeitet mit einem Teilzeitpensum als Buchhändlerin und gibt Schreibworkshops. «Bigoscht» ist ihr zehntes Buch, 1997 erschien ihre erste Publikation «Vermutlich Vollmond» beim Verlag Ivo Ledergerber. Kummer lebt in Zürich. (ma)

www.tanjakummer.ch

Tanja Kummers neues Buch.

Tanja Kummers neues Buch.

(Bild: Mathias Frei)

Ihr letztes Buch «Anna und die Nacht», ein Bilderbuch, hat der Baeschlin-Verlag herausgegeben, wo der letzte, in Frauenfeld wohlbekannte Huber-Verleger Hansrudolf Frey mitwirkt. Das neue Buch ist beim Arisverlag erschienen, der auch schon Kummers Kinderroman «Cat Cat» verlegt hat. «Bigoscht» macht dabei den Auftakt in der Edition Gaggalaariplatz, einer Reihe für Mundartliteratur. Hinter dem Arisverlag steht Katrin Sutter, mit der Kummer seit der Gruppe 02 verbunden, in die Verlegerin als Elektra Sturmschnell mitwirkte.

Eine Rückkehr zur Lyrik

In den vergangenen Jahren hat Kummer einiges an Prosa veröffentlicht. Mit der Lyrik kehrt sie nun wieder zurück zu ihren literarischen Anfängen. Ihre «Bigoscht»-Gedichte sind komplett in Mundart geschrieben. In den Erzählungen sind im Minimum die Dialoge in Dialekt gehalten

«Bigoscht» ist nach «Alles Gute aus dem Thurgau» von 2013 Kummers zweites Buch mit Thurgauer Dialekt. Mundart begleitet die gelernte Buchhändlerin, seit sie mit der Vokalistin Christine Lauterburg und dem Musiker Dide Marfurt ein gemeinsames Bühnenprogramm hat. Lauterburg spielt in ihrem Spoken-Jodel lautmalerisch mit Dialekten. So bedient sich Kummer im Performativen seither vermehrt der Mundart.

Tanja Kummer im Jahr 2018.

Tanja Kummer im Jahr 2018.

(Bild: Andrea Stalder)

Die gesprochene Sprache ist auch immer ein mehr oder weniger prägender Teil eines Daheim-Gefühls. Tanja Kummer wollte irgendeinmal raus aus Frauenfeld, raus aus dem Thurgau. Sie hat auch schon in Winterthur gelebt, heute ist sie wieder in Zürich zuhause. In Frauenfeld leben ihre Eltern. Sie besucht sie ab und zu. Früher war sie am liebsten in der Badi. Ein Badimeitli.

«Als Teenager war Frauenfeld für mich die grosse Welt.»

Das sagt sie. Heute kommt sie mit einem behaglichen Gefühl nach Frauenfeld. «An einen Ort, an dem man jede Ecke kennt.» Es ist für sie eine Art heimeliges Wohlbefinden, das sie jeweils erfährt. «Frauenfeld ist eine friedliche Stadt geworden», ergänzt sie.

«Der Thurgauer Dialekt ist gut, um schnell zu reden.»
Tanja Kummer im Jahr 2013.

Tanja Kummer im Jahr 2013.

(Bild: Reto Martin)

So sagt es Kummer. Dieser kantige, ab und zu auch etwas helle Dialekt, der es bei Beliebtheits-Umfragen regelmässig nur auf einen der hintersten Plätze schafft. «In Zürich hört man zehn Meter gegen den Wind, dass ich Thurgauerin bin.» Das ist ihr egal. Vielmehr freut sie sich, wenn sie auf Menschen trifft, die einen grossen Dialektwortschatz haben und bewusst alte Wörter verwenden.

«Es gibt Sachverhalte, die ich in der Mundart einfach treffender ausdrücken kann.»
Tanja Kummer im Jahr 2002.

Tanja Kummer im Jahr 2002.

(Bild: Susann Basler)

Dialekt sei nämlich keineswegs ungenau oder in der Wirkung weniger differenziert – im Gegenteil. Dass geschriebener Dialekt bei Kummer eine hochwertige Systematik aufweist, liegt an der Textdurchsicht von Martin Hannes Graf, Redaktor beim Schweizerischen Idiotikon. Was man in «Bigoscht» auch erfährt: Dass Kummers Lieblingswort «goge» ist, also «um etwas zu tun». Und für alle Nicht-Thurgauer: Das Buch enthält ein Glossar.

Buchvernissage: Tanja Kummer, «Bigoscht. Gschichte & Gedicht», 21.Oktober, 19.30Uhr. Lesung für Kinder: Tanja Kummer, «Anna und die Nacht», 31.Oktober, 10.30 Uhr. Orell Füssli, Bahnhofplatz 76, Frauenfeld.

Aktuelle Nachrichten