GLP Thurgau setzt neu auf ein Führungsduo – der abtretende Präsident berichtet von der Gründung: «Es war der schmerzhafteste Abend meines Lebens»

Christina Pagnoncini und Stefan Leuthold führen die Grünliberalen Thurgau neu im Co-Präsidium. In der Kampfwahl ums neue Präsidium unterliegt Marco Rüegg. Robert Meyer, abtretender Präsident blickt zurück. In seine Ära fällt der «grösste Coup» in der Parteigeschichte.

Sebastian Keller
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Christina Pagnoncini und Stefan Leuthold.

Christina Pagnoncini und Stefan Leuthold.

Bild: Andrea Stalder

Die Grünliberalen Thurgau haben den Erfolg gepachtet. 2008 zogen sie mit zwei Sitzen in den Grossen Rat ein, heute kommen sie auf neun. Bei jeder Wahl legte sie mindestens einen Sitz zu. Am Montag wählten die Delegierten die Nachfolge von Präsident Robert Meyer. Mit 70 sei es an der Zeit, Jüngeren Platz zu machen. Meyer war Gründerpräsident der Kantonalpartei, Co-Präsident, alleiniger Präsident.


Auch das ein Zeichen des Erfolgs: Für seine Nachfolge gab es mehrere Bewerber. Schauplatz der Kampfwahl: SBW Talent-Campus Bodensee. Die Grünliberalen suchten das beste Talent, um weiter auf Erfolgskurs segeln zu können. Im Prinzip, so sagte Meyer, kämen alle 186 Parteimitglieder in Frage. Zur Wahl stellten sich Marco Rüegg, 46-jährig aus Gachnang, sowie als Co-Präsidium Christina Pagnoncini, 48-jährig aus Alterswilen, und Stefan Leuthold, 52-jährig aus Frauenfeld.

Das Duo Pagnoncini/Leuthold wollte mit der Diversität punkten. Frau/Mann oder Stadt/Land. Leuthold sagte: «Wir haben zwei verschiedene Blickwinkel». Pagnoncini betonte:

«Wir können zu zweit aufmerksamer sein.»

Sie formulierten konkrete Wahlziele: 2023 soll die Thurgauer GLP einen Nationalratssitz ergattern, im Jahr darauf drei weitere Grossratssitze. Für den Wahlkampf auf der Strasse hat das Duo eine «Initiative im Hinterkopf». Über den Inhalt schwiegen sie. Eine politische Wundertüte.

Marco Rüegg kämpft für die Energiewende

Marco Rüegg.

Marco Rüegg.

Andrea Stalder

Marco Rüegg rückte sich als Energiepolitiker ins Sonnenlicht. Er habe schon mehrere Firmen in der Energiewirtschaft gegründet. Vor allem die Sonnenenergie hat es dem im sonnenarmen Zigerschlitz aufgewachsenen Rüegg angetan. «Die Gletscher schmelzen», sagte Rüegg, «weitere 30 Jahre können wir nicht so weitermachen.» So seien die vier Prozent Solarstrom im Thurgau viel zu wenig.

«Wir müssen viel mehr machen, um die Transformation zu schaffen.»

Er sei «voll auf GLP-Profil», sagte der 46-jährige, der auch schon ein Gastspiel bei der FDP absolvierte.

Ja zur Konzernverantwortungsinitiative

(seb.) Die Delegierten der GLP Thurgau haben in Kreuzlingen die Parolen für die Abstimmungen vom 29. November gefasst. Mit 24 Ja-Stimmen befürworten sie den Neubau einer Schulsport-Turnhalle für 13, 65 Millionen Franken am Bildungszentrum für Technik in Frauenfeld. Nein-Stimmen wurden keine gezählt, aber sieben Enthaltungen. Bei den eidgenössischen Vorlagen ist die GLP Thurgau auf der Linie der nationalen Partei. Zustimmung erfährt deshalb die Konzernverantwortungsinitiative – mit 21 Ja- zu 11 Nein-Stimmen. Die Kriegsgeschäfteinitiative lehnen die Grünliberalen auch im Thurgau ab: Mit 4 Ja- und 29 Nein-Stimmen fällt die Parolenfassung klar aus. 

Die Findungskommission beurteilte beide Kandidaturen als «motiviert und wählbar». Mit Verweis auf Erfahrung in der Politik empfahl sie das Co-Präsidium. Die Mitglieder wählten mit 22 Stimmen Pagnoncini und Leuthold zum neuen Führungsduo. Rüegg bekam 10. Das darf auch als Lohn für seinen Mut betrachtet werden. So sagte er selber:

«Ich war so frech und habe mich beworben.»

Mit Applaus und vielen Geschenken – Wanderkarte, Honig, Thurgauer Monopoly – verabschiedete die Partei ihren langjährigen Präsidenten. Die Gründung der Thurgau Sektion am 9.Januar 2008 bezeichnet dieser als «schmerzhaftesten Abend meines Lebens».

«Ich hatte eine Nierenkolik.»
Robert Meyer, abtretender GLP-Präsident.

Robert Meyer, abtretender GLP-Präsident.

Reto Martin

GLP-Fraktionschef Ueli Fisch lobte Meyers Verdienste. So fiel der grösste Coup in der Parteigeschichte in seine Ära: 2012 luchste die GLP in der «Allianz der Kleinparteien» den Nationalratssitz der FDP ab.

Meyer verriet: Für dieses Manöver habe es zuerst «Schimpfis» der GLP Schweiz gegeben. «Sie wollten, dass wir mit der CVP gehen.» Vier Jahre später war der Sitz wieder weg. Meyer – gerührt ob des warmen Abschieds – quittierte mit den Worten: «Es heisst Tschüss und nicht Adieu.»