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Glocken im Thurgau - ein Wink aus einer anderen Welt

An Heiligabend stimmen Glocken auf Weihnachten ein. Im Thurgau läuten stattliche und sehr alte Glocken. Eine Spurensuche zeigt, dass jede ein Unikat ist und eine andere Geschichte zu erzählen hat.
Inge Staub
Glocke in der katholischen Kirche St. Pelagius in Bischofszell. (Bilder: Andrea Stalder)

Glocke in der katholischen Kirche St. Pelagius in Bischofszell. (Bilder: Andrea Stalder)

«Süsser die Glocken nie klingen.» Diese Zeile aus dem bekannten Lied drückt aus, was viele Menschen an Weihnachten empfinden: Das Glockengeläut gehört zu einer besinnlichen Stimmung dazu. «An Heiligabend hat sicher für viele das Läuten einen besonderen Klang. Es treten sogar Menschen, die gar nicht zur Kirche gehen, vor die Türe und nehmen das Läuten der Glocken bewusst in sich auf.» Das hat Pfarrer Wilfried Bührer, Präsident des Kirchenrates der evangelischen Kirche Thurgau, beobachtet. Seit Jahrhunderten ist der gemeinsame Kirchgang für christliche Familien wichtiger Bestandteil des Christfestes.

Ständerätin Brigitte Häberli-Koller erinnert sich an ein Kindheitserlebnis:

«Mit meinen Eltern und meinen beiden Geschwistern haben wir etwas oberhalb der Kirche gewohnt. Die Glocken riefen uns jeweils an Heiligabend aus der gemütlich warmen Stube zur Mitternachtsmesse.»

Dabei kam es vor, dass die Familie spät dran war. Die Politikerin aus Bichelsee weiss noch: «Der Weg in die Kirche wurde so zu einem sportlichen Familiendauerlauf.»

Hans Jürg Gnehm hat alle Kirchtürme erklommen

Nicht mit einem Dauerlauf, jedoch mit einem sportlichen Treppensteigen verbindet Hans Jürg Gnehm aus Affeltrangen das Thema Kirchenglocken. Der 65-Jährige war viele Jahre als Bundesexperte für Glocken tätig. Er hat sämtliche 163 Kirchtürme im Thurgau erklommen und das Geläut inventarisiert. Eine Arbeit, die ihn in Bann zog. Denn jede Kirche hat ihre eigenen, oftmals besonderen Glocken.

Gnehm kennt ihre Töne, ihre Intervalle und ihre Inschriften. Ihr kräftiger Klang hat ihn schon als Bub fasziniert. Ein Kirchengeläut besteht aus mehreren Glocken, die meist aus Bronze, selten aus Stahl, sind. Alle Glocken klingen unterschiedlich, denn jede Glocke ist ein Einzelstück. Der Klang hängt von der Umgebung, dem Material, der Form und der Grösse der Glocke ab. Bronze klingt wärmer als Stahl. Grosse Glocken klingen tief, kleine sehr hoch. Die Tonhöhe ist vom unteren Durchmesser und von der Stärke der Glockenwand abhängig.

Pfarrer Christoph Baumgartner und Glockenexperte Hans Jürg Gnehm im Glockenturm der katholischen Kirche Bischofszell.

Pfarrer Christoph Baumgartner und Glockenexperte Hans Jürg Gnehm im Glockenturm der katholischen Kirche Bischofszell.

Seit dem Barock werden die Glocken eines Geläuts aufeinander abgestimmt. Die Intervallschritte beziehen sich meist auf ein liturgisches Element oder ein Lied. «Te Deum ist sehr beliebt», sagt Gnehm.

«Einen wunderbaren Akustikraum bietet zum Beispiel der geräumige Turm der evangelischen Kirche in Weinfelden.»

Die fünf Glocken aus dem Jahr 1903 stammen von der Firma Rüetschi in Aarau. Sie ist heute die einzige Giesserei von Kirchenglocken. Seit 650 Jahren giesst sie Glocken. Dienten diese in früheren Zeiten auch als Kommunikationsmittel, so warnten sie unter anderem vor Katastrophen, machen sie heute noch auf den Gottesdienst oder einen speziellen Anlass wie Hochzeit, Taufe, Beerdigung oder auf Weihnachten aufmerksam. Etwas an Bedeutung verloren haben das Läuten am Morgen, Mittag und am Abend.

Das Glockengeläut vor Monaten programmiert

Die evangelische Kirche Romanshorn wird ihre Gläubigen an Heiligabend um 17.01 Uhr auf Weihnachten einstimmen. «Wir läuten 14 Minuten lang. Das haben wir schon vor Monaten so programmiert», sagt Mesmer David Züllig. Die Läuttermine werden bereits ein Jahr im Voraus eingegeben. Wird ein Termin verschoben, kann er das Läuten auch manuell ändern. Bereits gesetzt ist auch das Läuten am 24. Dezember von 22.16 bis 22.30 Uhr, das zur Teilnahme am Christnachtgottesdienst ruft. Ihre Glocken erhielt die Kirchgemeinde mit dem Bau der neuen Kirche im Jahr 1910/1911. «Im Vergleich zu Kirchen in anderen Kantonen haben die Gotteshäuser im Thurgau stattliche Geläute», erklärt Hans Jürg Gnehm.

Gallus brachte eine irische Glocke in die Ostschweiz

Die Glocke stammt ursprünglich aus China. Vor 5000 Jahren entwickelte sie sich dort aus Klingsteinen und Klangschalen. Sie war das tonangebende Musikinstrument bei kultischen Handlungen. Im Christentum verbreitete sich das Glockenläuten durch die Klöster. Bereits um 500 n. Chr. wurden Glocken in schottischen und irischen Klöstern hergestellt. Als der Mönch Gallus, Gründer des Klosters St. Gallen, um 610 den Bodensee erreichte, führte er eine geschmiedete Glocke aus Irland mit sich. Die sogenannte Gallusglocke ist die älteste Glocke der Schweiz. Die ersten Glockengiesser waren Mönche. Der St. Galler Mönch Tanco goss beispielsweise eine Glocke im Auftrag Karl des Grossen für die Aachener Münsterkirche. Die grösste Glocke der Schweiz wurde 1611 für das Berner Münster angefertigt. Sie wiegt 10150 Kilogramm. (ist)

Der Thurgau besitzt nicht nur stattliche, sondern auch sehr alte Glocken. Viele sind als kulturhistorische Zeitzeugen noch in Betrieb. So auch die älteste datierte aus dem Jahr 1291, die so alt ist wie die Eidgenossenschaft. Die Marienglocke erklingt in der ehemaligen Kloster- und heutigen evangelischen Kirche in Wagenhausen. Sie wiegt rund 200 Kilogramm und zeichnet sich durch einen hellen Klang in der Es-Tonlage aus. Fasziniert sagt Hans Jürg Gnehm:

«Glocken sind zeitlos. Über Jahrhunderte hat sich die Welt verändert, doch die Glocken sind geblieben.»

Im Turm der evangelischen Kirche von Thundorf hängt ebenfalls ein kunsthistorisch interessantes Geläut. Eine der vier Glocken erzählt von Zeiten, in denen Glocken vor dem Kirchturm gegossen wurden. Sie wurde 1642 von Wandergiessern aus Lothringen an Ort erstellt. «Früher war es schwierig, Glocken über weite Strecken zu transportieren», weiss Gnehm. Und so zogen Giesser übers Land.

Zu den ältesten Glocken zählen auch jene, die der Konstanzer Niclaus Oberacker zu Beginn des 16. Jahrhunderts geschaffen hat. Zu bewundern sind seine Glocken im Turm der Kirche St. Peter und Paul in Leutmerken oder in der evangelischen Kirche in Steckborn. Ein weiterer Konstanzer arbeitete für Thurgauer Kirchen: Carl Rosenlächer. Unter anderem 1845 für Ermatingen und das Kloster Fischingen. In der Klosterkirche hängen zudem Glocken der bedeutenden Giesserei Ernst in Lindau. Mit acht Glocken ein vielstimmiges barockes Geläut.

Eine einheimische Giesserei

Tätig war im Thurgau auch eine heimische Giesserei, jedoch erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Emil Eschmann in Rickenbach goss unter anderem das Geläut von St. Pelagius in Bischofszell, das sich durch voluminöse Klangfarben auszeichnet. Eine der Glocken des sechsstimmigen Geläuts erinnert an die Maul- und Klauenseuche, die in den 1960er Jahren grassierte. Die Bischofszeller Bauern beteten damals zu Gott und versprachen, eine Glocke zu stiften, wenn sie verschont würden. Ihr Vieh wurde nicht krank.

Einer, der die Bischofszeller Glocken täglich hört und Freude an ihrem Klang hat, ist der katholische Pfarrer der Rosenstadt. Für Christoph Baumgartner rufen die Glocken nicht nur zum Gottesdienst:

«Sie laden uns ein, auch mal innezuhalten.»

In einer Zeit, in der die Menschen zehn Dinge auf einmal erledigen, sei es wichtig, zu entschleunigen. «Sie schenken dir Ruhe, in der du dich darauf besinnen kannst, dass es noch was anderes gibt im Leben, das Geheimnis Gottes.» Baumgartner betont: «An Weihnachten verkünden die Glocken die Menschwerdung Gottes.»

Die Verkündung des Weihnachtsgeschehens erlebte Wilfried Bührer einmal auf besondere Weise. Kurz vor Weihnachten hatte er die Abdankung für ein verstorbenes Kleinkind, das erst wenige Monate zuvor getauft worden war, zu halten. Nachdem die Glocken im gleichen Jahr zur Taufe und zum Abschied gerufen hatten, stimmte es ihn versöhnlich und tröstlich, dass dieselben Glocken auch das Weihnachtsgeschehen verkündeten. «Es war wie ein Wink aus einer andern Welt, und aus den Glocken, die auf die Vergänglichkeit aufmerksam gemacht hatten, wurden Glocken, die von der Ewigkeit kündeten.»

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