Gleichstellung
«Wir wollen, dass mit und nicht über uns gesprochen wird»: Neue Gruppierung will Thurgau für nicht heterosexuelle Menschen attraktiver gestalten

An einer Medienkonferenz hat sich die neu gegründete Gruppe QueerTG vorgestellt. Sie zählt bereits 50 Mitglieder und will künftig eine Anlaufstelle für Fragen zu queeren Themen sein.

Judith Schuck
Merken
Drucken
Teilen
Mitglieder der neu gegründeten Gruppe QueerTG posieren auf dem Areal der Kantonsschule Kreuzlingen.

Mitglieder der neu gegründeten Gruppe QueerTG posieren auf dem Areal der Kantonsschule Kreuzlingen.

Bild: Arthur Gamsa

In ihr habe es gebrodelt, sagt Eva Büchi am Dienstagabend an der ersten Medienkonferenz von QueerTG in der Kantonsschule Kreuzlingen. Ihre Wut schürte SVP-Kantonsrat Hermann Lei, als er im März die Änderung im Zivilgesetzbuch für eine unbürokratische Geschlechtsänderung im Personenstandsregister kippen wollte.

Eva BüchiMitgründerin QueerTG.

Eva Büchi
Mitgründerin QueerTG.

Bild: Arthur Gamsa

Bisher waren teure psychologische oder medizinische Gutachten erforderlich, eine hohe Belastung für die betroffenen Menschen. Dass Lei noch unterstellte, durch das neue Gesetz könnten sich Männer vor dem Militärdienst drücken, indem sie ihr Geschlecht ändern würden, brachte bei der lesbischen Kantonsschullehrerin das Fass zum Überlaufen.

Gemeinsam mit dem Kreuzlinger SP-Gemeinderat und Sozialarbeiter Adrian Knecht legte sie im April den Grundstein für QueerTG. «Wir wollen sichtbar sein im Thurgau», proklamiert Büchi, die stolz darauf ist, innert zweier Monate bereits 50 Mitstreiterinnen und Mitstreiter zählen zu dürfen. Die Gruppe hat bereits eine Website und ist in den sozialen Medien präsent. Künftig soll sie als offizielle Anlaufstelle für Fragen zu queeren Themen fungieren, «denn wir sind die Fachpersonen», sagt Büchi.

«Wir wollen, dass mit und nicht über uns gesprochen wird.»

Als erstes grosses Thema steht die Ehe für alle auf dem Programm, die gerade an diesem Tag einen Aufwind erfuhr. «Ich freue mich riesig, dass sich der Bundesrat heute damit einverstanden erklärt hat», sagt Büchi. Die Abstimmung im September sei wohl auch der Grund, weswegen das Interesse an QueerTG momentan so gross ist.

Rebekka SchmidhauserMitglied QueerTG.

Rebekka Schmidhauser
Mitglied QueerTG.

Bild: Arthur Gamsa

Rebekka Schmidhauser aus Bischofszell ist lesbisch und heiratswillig, wie sie sagt. Die Ehe für alle sei ein enorm wichtiges Zeichen für die Inklusion aller LGBTIQ+-Personen in der Gesellschaft. Sie fordert für sich die gleichen Rechte wie sie heterosexuelle Paare haben. Zudem möchte sie dafür kämpfen, «dass sich niemand mehr das Leben nimmt, weil er oder sie sich ausgeschlossen fühlt, weil er oder sie anders ist.»

Noelle RousseMitglied QueerTG.

Noelle Rousse
Mitglied QueerTG.

Bild: Arthur Gamsa

Noelle Rousse aus Kreuzlingen betont, dass die Suizidrate unter LGBTIQ+-Personen fünfmal höher sei als bei heterosexuellen Menschen, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimme. «Diese Zahl tut weh. Wir wissen von Ländern wie Schweden, dass Gesetzesanpassungen wie die Ehe für alle helfen.» Der queeren Jugend würde so gezeigt, dass sie nicht alleine sind.

Für mehr Diversität Thurgau

Marco Bertschinger kehrte nach 14 Jahren von Zürich zurück nach Romanshorn. Der Thurgau leide zwar unter dem Queer-Drain, der Abwanderung queerer Leute nach Zürich oder St.Gallen, wo es mehr Möglichkeiten und eine bessere Akzeptanz gebe. «Aber hier ist es einfach schön.» Es gehöre Mut dazu, hinzustehen und sich zu outen.

Marco BertschingerMitglied QueerTG.

Marco Bertschinger
Mitglied QueerTG.

Bild: Arthur Gamsa
«Leider leben wir in einem Kanton, welcher von Politikerinnen und Politikern regiert wird, die finden, es sei mutig, ‹denen da› eins auf den Deckel zu geben, damit sie still bleiben. Mit dem heutigen Tag ist dieser Zustand Geschichte!»

Der Wunsch des Romanshorners ist es, «mit unserer Sichtbarkeit andere Menschen, die bisher nicht so mutig sein konnten, zu motivieren.»

Verschiedene Varianten von «Geschlecht» sind Realität

Am 27. Juni organisiert die Gruppierung erste Kick-off-Veranstaltungen für die Ehe für alle in Frauenfeld, Romanshorn und Kreuzlingen. Weiteres Thema ganz oben auf der Liste ist die Konversionstherapie. «Homo-Heiler» haben in der Schweiz immer noch einen hohen Zulauf, da diese Praktiken in Deutschland und Österreich verboten sind.

Die Gruppe QueerTG informiert an der Medienkonferenz über ihre Veranstaltungen.

Die Gruppe QueerTG informiert an der Medienkonferenz über ihre Veranstaltungen.

Bild: Arthur Gamsa

Ein weiterer Eingriff, der in der Schweiz immer noch praktiziert wird, ist die Operation an intergeschlechtlichen Säuglingen und Kindern. «Bis heute werden diese unnötigen Eingriffe und Zwangsverstümmelungen vorgenommen», sagt Katharina Bachofner in ihrem Vortrag über Inter-Sexualität. «Es ist völlig absurd, Menschen durch Gewalt in ein binäres Normsystem zu zwingen.»

Baustellen gibt es reichlich. Eva Büchi findet es aus ihrer Erfahrung als Lehrperson wichtig, der sexuellen Aufklärung und Orientierung in Schulen mehr Gewicht zu geben. Ausserdem sollen «Lehrpersonen an der Pädagogischen Hochschule im Umgang mit queeren Schülerinnen und Schülern sowie Themen sensibilisiert werden. QueerTG hat bereits einige Unterstützer aus der Politik. Büchi freut sich, «dass mit Vico Zahnd auch ein SVPler dabei ist».