Gewässerschutz
Reste von Pflanzenschutzmitteln gelangen häufig auf anderem Weg in Gewässer, als bisher angenommen wurde

Das Thurgauer Forschungsprojekt Aquasan liefert Erkenntnisse, wie Pflanzenschutzmittel in Gewässer gelangen. Das Resultat ist verblüffend: 68 Prozent der in Gewässern nachgewiesenen Pflanzenschutzmittel (PSM) stammen nicht von Äckern, Obstbaum- und Beerenkulturen, sondern vom Hofplatz.

Hans Suter
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Beerenanbauberaterin Carole Werdenberg begleitet Versuche zum Ersatz von Pflanzenschutzmitteln in Erdbeerkulturen.

Beerenanbauberaterin Carole Werdenberg begleitet Versuche zum Ersatz von Pflanzenschutzmitteln in Erdbeerkulturen.

Bild: Andrea Stalder

Diese Erkenntnisse hat das Thurgauer Forschungsprojekt Aquasan zutage gefördert. Ziel dieses auch vom Bund unterstützten Ressourcenprojekts ist die Reduktion der Risiken beim Einsatz von PSM um 50 Prozent bis zum Jahr 2026.

Die Hauptrisikobereiche sind identifiziert

Pflanzenschutzmittel stellen eine Möglichkeit dar, die Kulturen vor Schädlingen und Krankheiten zu schützen. Gelangen diese jedoch in Gewässer, können sie negative Auswirkungen haben. «Darüber, wie die Wirkstoffe ins Wasser gelangen, konnte bislang nur spekuliert werden», sagte Ueli Bleiker, Leiter des Landwirtschaftsamtes des Kantons Thurgau, am Dienstag vor den Medien. Dies nicht irgendwo, sondern im Versuchs- und Schulbetrieb Güttingen. Hier werden im Rahmen des Projekts in den Einzugsgebieten der Oberflächengewässer Samlsacher Aach und Eschelisbach auf den Landwirtschaftsbetrieben an acht Stellen Messungen durchgeführt.

Erdbeerproduktion der Zukunft

(has) Auf dem Schul- und Versuchsbetrieb Obstbau des Bildungs- und Beratungszentrum (BBZ) Arenenberg in Güttingen werden rund ein Dutzend Obst und Beerenarten kultiviert und über 100 verschieden Sorten auf Herz und Nieren getestet. Dazu gehört auch der Ersatz von Pflanzenschutzmitteln. Für die Erdbeerproduktion zum Beispiel werden laut der Beerenanbauberaterin Carole Werdenberg alternative Produkte auf ihre Wirksamkeit unter bestehenden Klimabedingungen getestet. Ebenfalls getestet wird der Einsatz von Nützlingen, die Schädlinge wegfressen. Der Ausblick: «Wir müssen trotz aller Herausforderungen Möglichkeiten finden, die in der Praxis anwendbar und finanzierbar sind.» Allein der Einsatz von Nützlingen im Gewächshaus koste 5000 bis 10'000 Franken pro Hektare. Mit ähnlichen Problemen kämpfen auch Anja Ackermann und Urs Müller. Die Obstbauberaterin arbeitet an Versuchen mit Hagelnetzen bis hin zur Totalvernetzung von Kulturen, um unerwünschte Insekten fernzuhalten. Dies unter Einbezug verschiedener Maschendichten und Farben, ohne neue Probleme wie Pilzbefall zu kreieren. Derweil ist der Betriebsleiter mit der Suche nach Alternativen zum Einsatz von Herbiziden in den Obstkulturen beschäftigt. Es laufen Versuche mit Begleitflora, gemähten Grünstreifen und dem Hacken des Bodens. Auch hier lauern Gefahren: Mäuse.

Heinz Ehmann vom Thurgauer Amt für Umwelt sagte:

«Die heutige Messtechnik erlaubt den Nachweis kleinster Spuren eines Wirkstoffs.»
Heinz Ehmann, Thurgauer Amt für Umwelt.

Heinz Ehmann, Thurgauer Amt für Umwelt.

Bild: Andrea Stalder

Basierend auf diesen umfangreichen Messungen, Betriebs- und Applikationsbesichtigungen sowie PSM-Aufzeichnungen lassen sich in den ersten zwei Pilotjahren sieben Hauptrisikobereiche zusammenfassen: Befüll- und Waschplatz, Abschwemmung aus den Parzellen, Nachtropfen der Spritze, offene Entwässerungsschächte, Altlasten im Sediment von Sammelschächten, Abdrift aus der Kultur und Giftigkeit der gewählten Pflanzenschutzmittel. Bisherige Erkenntnisse zeigen laut Florian Sandrini, Leiter Pflanzenbau und Umwelt am BBZ Arenenberg: Das Spritzen an sich ist nicht der Haupteintragspfad.

«Das grösste Risiko birgt die Entwässerung des Befüll- und Waschplatzes, gefolgt von der oberflächlichen Abschwemmung.»
Ueli Bleiker, Leiter Landwirtschaftsamt des Kantons Thurgau.

Ueli Bleiker, Leiter Landwirtschaftsamt des Kantons Thurgau.

Bild: Andrea Stalder

Deshalb komme diesem Eintragsrisiko nun eine zentrale Bedeutung zu. Als sehr wichtige Massnahme gilt aber auch die Reduktion oder gar der Ersatz von Pflanzenschutzmitteln. Auch hier werden in Güttingen Erkenntnisse aus Versuchen gewonnen. Dazu zählen beispielsweise die Totaleinnetzung von Kulturen, der Einsatz von Nützlingen sowie die mechanische und alternative Unkrautregulierung ohne Herbizide. Als Fazit aus den Erkenntnissen und wohl als Anspielung auf die Agrarinitiativen vom 13. Juni sagte Ueli Bleiker:

«Es gibt Lösungen, die sich auch ohne Verbote umsetzen lassen.»

Wie viele Landwirte ohne Zwang in alternative Lösungen investieren, dürfte stark von wirtschaftlichen Faktoren abhängen.