Gesundheitsversorgung
«Wegen Erschöpfungssyndroms für längere Zeit abwesend»: Kampf gegen den Hausärztemangel im Grossen Rat

Trotz vieler Probleme, Forderungen und Wünsche: Konkrete Lösungen sind noch lange nicht in Reichweite. Hinzu kommt, dass durch die Coronapandemie die Nerven angespannt sind. Trotzdem sind sich alle Fraktionen im Thurgauer Grossen Rat einig: Es muss etwas geschehen.

Hans Suter
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Ruth Kern: «Diese Interpellation steht zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt zur Diskussion; durch die Coronapandemie sind langsam alle müde, genervt und haben eine dünne Haut.»

Ruth Kern: «Diese Interpellation steht zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt zur Diskussion; durch die Coronapandemie sind langsam alle müde, genervt und haben eine dünne Haut.»

Bild: Kevin Roth

«Ich habe nur einen Hausarzt gefunden, weil ich ihm versicherte, ihn nicht oft aufzusuchen. Die gleiche Erfahrung machte ich bei der Suche nach einem Kinderarzt», sagte Kantonsrätin Maja Brühlmann Zwahlen (SVP, Sulgen) am Mittwoch im Thurgauer Grossen Rat. Dass sich niemand über diese Aussage gewundert hat, ist kein Wunder.

Zur Debatte stand nämlich die regierungsrätliche Beantwortung der breit abgestützten Interpellation «Hausärztemangel im Thurgau, was tun?». Eingereicht hatten sie Guido Grütter (FDP, Münchwilen), Stefan Leuthold (GLP, Frauenfeld), Ruth Kern (FDP, Frauenfeld) und Karin Bétrisey (GP, Kesswil) mit 66 Mitunterzeichnenden.

Einige der Kernpunkte: Es gebe immer weniger Hausärzte im Thurgau; zudem würden die ambulanten ärztlichen Leistungen mit einem Taxpunkt von 83 Rappen deutlich schlechter honoriert als im Schweizer Durchschnitt (Jura: 97 Rappen) und die Bürokratisierung nehme in einem unerträglichen Mass zu. Da dürfe man sich nicht wundern, wenn der Thurgau für junge Ärztinnen und Ärzte wenig attraktiv erscheine, um eine Hausarztpraxis zu übernehmen oder neu zu eröffnen.

Bürokratie beansprucht immer mehr Ressourcen

Stefan Leuthold (GLP, Frauenfeld)

Stefan Leuthold (GLP, Frauenfeld)

Bild: PD

«Nun sind die Rollen für einmal vertauscht: Die Hausärzte sitzen auf dem Patientenstuhl», brachte Stefan Leuthold als Sprecher der GLP-Fraktion die Situation auf den Punkt. Zugleich widersprach er der Regierung, die in ihrer Beantwortung schrieb, die Ärztedichte habe überdurchschnittlich zugenommen. «Das ist nur bei Fachärzten der Fall, nicht aber in der Grundversorgung, nicht bei Kinderärzten, nicht im ländlichen Raum.» Leuthold forderte den Regierungsrat auf, darauf hinzuwirken, dass der Taxpunkt der Hausärzte an jenen der Spitalärzte und zugleich jenen der Nachbarkantone angeglichen werde. Und er fuhr fort:

«Es kann auch nicht sein, dass die Bürokratie immer mehr Ressourcen wegfrisst.»
Karin Bétrisey (GP, Kesswil)

Karin Bétrisey (GP, Kesswil)

Bild: Kevin Roth

Die Schuld sieht er hier vor allem bei den Krankenkassen. Vom Regierungsrat erwartet er die Wiedereinführung des runden Tischs mit allen Akteuren. Diese Forderung erhielt über alle Fraktionen hinweg grossen Zuspruch. Es gab aber auch Kritik. Karin Bétrisey (GP, Kesswil) unterstellte der Regierung, den Schwerpunkt auf Impfzentren statt auf Hausarztpraxen zu setzen: «Hausärzte waren im Hirslanden-Deal einfach nicht vorgesehen», sagte sie enerviert.

«Wir Grüne erwarten
ein Miteinander auf Augenhöhe.»

Der runde Tisch müsse dringend wieder eingeführt werden. Ruth Kern, (FDP, Frauenfeld) sagte beschwichtigend: «Die Interpellation kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt zur Diskussion; durch die Coronapandemie sind langsam alle müde, genervt und haben eine dünne Haut.» Sie mahnte aber auch:

«Jeder von uns ist ein Glied in dieser Gesellschaft, und jeder ist sich selbst am nächsten, wenn er zum Patienten wird.»

Urs Martin: «Tarmed ist ein Teil des Übels»

Regierungsrat Urs Martin, Gesundheitsdirektor

Regierungsrat Urs Martin, Gesundheitsdirektor

Bild: Donato Caspari

«Das Problem ist zu vielschichtig, um es so einfach zu lösen», sagte Gesundheitsdirektor Urs Martin. Es finde ein grundlegender Strukturwandel in der Medizin statt: starke Spezialisierung, Subspezialisierung und Digitalisierung. «Die kleinen Lädeli verschwinden», bediente er sich einer Analogie aus der schmerzhaften Geschichte des Detailhandels. «Junge Ärzte seien nicht bereit, 80 Stunden pro Woche zu arbeiten.» Verwundert zeigte sich niemand. Auch nicht, als Urs Martin Klartext zur Tarifdiskussion sprach:

«Tarmed, Anfang des Jahrhunderts ausgehandelt, ist ein Teil des Übels. Die Spezialisten haben es geschafft, die Hausärzte über den Tisch zu ziehen.»

Bis heute sei man in den Schützengräben verharrt und habe jede Reform scheitern lassen. «Das ist leider eine Realität.» Bezüglich des Thurgauer Taxpunktes seien Tarifverhandlungen am Laufen, weshalb er dazu keine weiteren Angaben machen könne.

Die Bürokratie bezeichnete Urs Martin als «ein Unding». Sie sei nicht nur für die Ärzteschaft mühsam, sondern auch volkswirtschaftlich dumm:

«Ärzte sollen beim Patienten stehen und nicht Formulare ausfüllen.»

Den runden Tisch gelobte er einzuberufen, sobald ein physisches Treffen möglich sei.

In den Ohren blieben auch die Worte von Jürg Wiesli (SVP, Dozwil). Bei seinem Hausarzt hänge das Schild:

«Wegen Erschöpfungssyndroms für längere Zeit abwesend.»