Wegen des Corona-Virus: Gesuche um Kurzarbeit im Thurgau verzehnfacht

Regierungsrat Walter Schönholzer ist überzeugt, dass die robuste Thurgauer Wirtschaft die Corona-Krise meistern wird.

Sebastian Keller
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Regierungsrat Walter Schönholzer.

Regierungsrat Walter Schönholzer.

(Bild: Reto Martin)

Die Corona-Krise trifft auch die Thurgauer Wirtschaft. Das zeigt sich an einer Zahl: 51 Gesuche um Kurzarbeit gingen beim kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) ein. «Davon haben wir bereits 45 bewilligt», sagt der Thurgauer Volkswirtschaftsdirektor Walter Schönholzer. «Und dies in der Regel innerhalb von 24 Stunden.» Besonders betroffene Branchen sind der Messebau, die Gastronomie, der Tourismus sowie «seit kurzem auch Fitnesscenter».

Mit Kurzarbeit soll verhindert werden, dass Unternehmen wegen unvorhergesehener Krisen schliessen müssen. Die Mitarbeiter arbeiten weniger oder bleiben zu Hause. Den Lohn erhalten sie weiter – von der Arbeitslosenversicherung. Kurzarbeit gibt es aber nur maximal zwölf Monate. Der Bundesrat gab am Freitagnachmittag bekannt, acht weitere Milliarden Franken für dieses Instrument bereitzustellen. Schönholzer: «Wenn wir dieses Tool nicht hätten, müsste man es erfinden.»

Einen Verteilschlüssel nach Kantonen über die zusätzlichen acht Milliarden gebe es nicht. Das sagt AWA-Chef Daniel Wessner. «Es gelten die üblichen Prinzipien der Arbeitslosenversicherung.» Jedes Unternehmen, das wegen des Corona-Virus Leute unterbeschäftigt oder heimschicken müsse, könne einen Antrag stellen. Ein normales Betriebsrisiko oder eine schlechte Geschäftsidee ist nicht versichert. Wessner tönt an, dass noch «weitere Pfeile im Köcher stecken», wenn die Krise länger andauert. Zum Beispiel die Verlängerung der Kurzarbeit auf 18 Monate. «Das hatten wir schon während der Finanzkrise.» Die Kompetenz liegt beim Bundesrat.

«Wir haben zum Glück ein paar gute Jahre hinter uns»

Weitere zwei Milliarden will der Bundesrat bereitstellen, um etwa Liquiditätsengpässe zu überbrücken. Etwa in der Form einer Härtefallregelung oder von verbürgten Bankkrediten. Letzteres würde es laut Wessner Unternehmen ermöglichen, Kredite zu erhalten, selbst wenn sie ein schlechtes Kreditrating haben. «Eine Staatsbürgschaft kann Geldflüsse ermöglichen», sagt Wessner. Als Beispiel nennt er die Bezahlung der Löhne oder die Rechnung der Lieferanten.

Volkswirtschaftsdirektor Walter Schönholzer ist überzeugt, dass die Thurgauer Wirtschaft die Krise meistern wird. «Wir haben zum Glück ein paar gute Jahre hinter uns», sagt er. Die Thurgauer Wirtschaft sei robust aufgestellt. Doch er verhehlt nicht: «Die Herausforderungen sind gewaltig.»

Im Thurgau wird ein Bruttoinlandprodukt (BIP) von rund 16,4 Milliarden Franken erwirtschaftet. Dies sind laut Dienststelle für Statistik 2,5 Prozent des Schweizer BIP. Bedeutend für den Thurgau ist der industrielle Sektor, aber auch der Bau und die Landwirtschaft. Das BIP pro Kopf – eine Vergleichsgrösse – ist im Thurgau etwas tiefer als im gesamtschweizerischen Vergleich.

Im Moment keine weiteren Rettungsringe

Neben den nun vom Bund ausgeworfenen Rettungsringen kennt der Thurgau derzeit keine weiteren Massnahmen. Schönholzer ist laut eigenen Angaben ein Anhänger des koordinierten Vorgehens von Bund und Kantonen. «Es ist nicht zielführend, wenn jeder Kanton nach dem Bund eine eigene Lösung erarbeitet.» In der Kompetenz der Regierung läge aber beispielsweise der Arbeitsmarktfonds.

Schönholzer wie Wessner betonen: «Der ist derzeit kein Thema.» Ende 2018 saldierte der Fonds bei 23 Millionen Franken, doch er sinkt leicht und geht gemäss Finanzplan ab 2022 sogar ins Minus. Ein späteres Programm, um die Thurgauer Konjunktur zu beleben, schliesst Schönholzer nicht aus. «Das ist eine Phase, die erst viel später kommt.»

Angekommen ist der Virus bereits in der kantonalen Politik. Zwei FDP-Kantonsräte reichten am Mittwoch einen Vorstoss ein. Darin verlangen sie schnellere Abläufe und einfachere Bewilligungsverfahren, um bei einer länger anhaltenden wirtschaftlichen Schwäche Impulse auszulösen. Ebenso erwarten sie vom Regierungsrat Vorschläge, wie die Folgen von kurzfristigen Absagen für nicht gewinnorientierte Vereine und Institutionen gemildert werden könnten. Die Antwort der Regierung steht noch aus.

Vorerst geht Wessner davon aus, dass die Gesuche um Kurzarbeit weiter steigen werden. Schönholzer fordert die Wirtschaft dazu auf, zusammenzustehen. «Wir sind in einer ausserordentlichen Lage, aber es gilt trotzdem: Einen kühlen Kopf bewahren.» Bei Fragen dürfe man das AWA konsultieren – und Hilfe in Anspruch nehmen. «Gemeinsam werden wir diese Herausforderung stemmen können.»