Geschlagen, getreten, gebissen: Arboner IV-Rentnerin misshandelt ihre 70-jährige Mutter – zur Verhandlung vor dem Obergericht kommt es aber nicht

Eine 53-jährige IV-Rentnerin misshandelte eine Nacht lang ihre 70-jährige Mutter, die aus Holland zu Besuch war. Am Montag hätte die Verhandlung vor dem Thurgauer Obergericht beginnen sollen – doch die Hauptperson ist nicht aufgetaucht.

Thomas Wunderlin
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Das Thurgauer Obergericht wartet vergeblich auf die Hauptperson der Verhandlung.

Das Thurgauer Obergericht wartet vergeblich auf die Hauptperson der Verhandlung.

Bild: Chris Mansfield

Die 53-jährige IV-Rentnerin ist am Montag um 14 Uhr nicht da, als die Verhandlung beginnen sollte. Mit Einverständnis ihres Anwalts beginnt die Präsidentin des Obergerichts mit der Befragung des Gutachters.

Dieser beschreibt die ehemalige Hilfspflegerin als Borderlinetyp, der kaum therapiefähig sei. Die Rückfallgefahr sei hoch, zumindest für die Nebendelikte wie Diebstahl, Beschimpfung und Brandstiftung. Eher unwahrscheinlich scheine es, dass sie jemanden absichtlich töten wolle.

Ihre Mutter hatte allerdings die Nacht auf den 20. Juni 2015 nur mit Glück überlebt. Sie war aus Holland zu Besuch in Arbon. Nach einer friedlich verlaufenen Ferienwoche kam die Tochter sternhagelvoll ins Schlafzimmer, wo ihre 70-jährige Mutter Wäsche zusammenlegte.

Die körperlich überlegene Tochter schrie die Mutter gemäss Anklageschrift lauthals an, dass sie «eine Schlampe sei und niemals eine Mutter gewesen sei». Sie warf ihr auch vor, sie habe sie früher an pädophile Männer vermietet – laut Anwalt findet sich in den Akten keinen weiteren Hinweis zu diesem Vorwurf.

Mit Handtüchern versucht sich die Mutter zu schützen

Die Tochter zog die Mutter an den Haaren in die Zimmerecke, schlug sie ins Gesicht, trat sie gegen Schienbeine und Knie. Sie zog die Mutter zum Bett zurück, schlug und trat sie weiter. Die Mutter kniete vor dem Bett und schützte ihren Kopf mit den Handtüchern, die sie zuvor zusammengelegt hatte.

Die Tochter packte die Mutter an den Armen und schlug sie gegen die Wand. Als die Tochter nach einigen Minuten hinausging, zog sich die Mutter wieder die Handtücher über den Kopf. Bald kam die Tochter zurück, riss der Mutter die Halskette ab, schubste sie gegen die Möbel. Die Tochter biss die Mutter sechs Mal; dabei riss sie ihr am linken wie auch am rechten Arm ein Stück Haut weg.

Mit einem Staubsaugerrohr schlug sie ihr drei Mal gegen den Kopf, worauf die Mutter stark zu bluten begann. Der Staatsanwalt schreibt:

«Die Attacken wiederholten sich die ganze Nacht.»

Das Martyrium endete erst morgens um sieben Uhr, als sich die Tochter auf der Couch schlafen legte. Zuvor befahl sie der Mutter, alles aufzuräumen, kein Blutspritzer solle an den Wänden zu sehen sein «und überhaupt alles picobello sauber ... capito!» Die Mutter, die noch tagelang unter Schock stand, tat wie geheissen. Einige Tage später wurde sie in Holland wegen fünf Rippenbrüchen operiert. Einen Monat später zeigte sie ihre Tochter an.

Das Bezirksgericht Arbon verurteilte diese am 28. Mai 2019 wegen versuchter schwerer Körperverletzung, Freiheitsberaubung, mehrfacher Nötigung und weiteren Delikten zu 30 Monaten Gefängnis. Für das Bezirksgericht war es «überhaupt nicht nachvollziehbar», weshalb die Tochter erst zwei Jahre nach der fatalen Nacht erstmals dazu befragt wurde. Die IV-Rentnerin kann sich gemäss Akten kaum daran erinnern und verlangt einen Freispruch.

Schwer erklärbarer Gewaltausbruch

Zum Gewaltausbruch finden sich kaum Erklärungen in Anklage und Urteil. Die Rede ist von einem Familienkonflikt. Die Tochter habe lange kaum Kontakt zu ihren Angehörigen gehabt. 2013 habe sie nach dem Ende einer Partnerschaft einen Selbstmordversuch unternommen. Danach sei wieder Kontakt zu Mutter und Bruder entstanden. Als die IV-Rentnerin um 15.30 Uhr nicht eingetroffen ist, vertagt das Obergericht die Verhandlung.