Geschichte
Thurgau als Hort des Philhellenismus: Was der Pfarrer von Frauenfeld-Kurzdorf mit dem griechischen Freiheitskampf von 1821 verbindet

Vor 200 Jahren: Die Revolution der Griechen gegen die türkische Herrschaft stiess im deutschsprachigen Raum auf viel Sympathie. Auch im jungen Kanton Thurgau wurde damals von einem Frauenfelder ein Griechenverein gegründet. Die Liebe zu Griechenland schlug sich auch in der Stundentafel der Kantonsschule nieder.

Markus Schär*
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Das Grabmal von Johann Melchior Sulzberger auf dem Kurzdorf-Friedhof in Frauenfeld.

Das Grabmal von Johann Melchior Sulzberger auf dem Kurzdorf-Friedhof in Frauenfeld.

Bild: Markus Schär

Aus dem nahen Elgg, wo sein Vater als Dorfarzt praktizierte, war dieser junge Mann nach Frauenfeld abgestiegen. Er ist Apotheker und wird hier den Kollegen aufgesucht haben. Nach dieser Zwischenstation verläuft sein Leben vorerst in Schuldenvermehrung, mit Neigung zur Hochstapelei und als Frauenheld. Nach einer medizinischen Grundausbildung bei seinem Vater nennt er sich Doktor Johann Jakob Meyer (1798–1826).

Am Anfang war die Griechische Revolution

Philhellenen (deutsch: «Freundschaft zum Griechentum») bezeichnet Personen, die sich für das Griechentum einsetzen oder sich geistig mit Griechenland verbunden fühlen. Am Anfang der neuhumanistischen Bewegung des Philhellenismus steht die Griechische Revolution (1821–1829), also der Kampf der Griechen gegen die Herrschaft durch das Osmanische Reich und für eine unabhängige Republik Griechenland. Ideengeschichtlich war der Philhellenismus wie die deutsche Polenschwärmerei eine Gegenbewegung zur Restauration. Bei den Philhellenen handelte es sich meist um junge Männer von aristokratischer Herkunft und klassischer Bildung, die sich als Bewahrer einer grossen antiken Zivilisation betrachteten. Viele von ihnen schlossen sich im Zuge der Griechischen Revolution sogar den Truppen an. (red)

Im Frühling 1821, also vor 200 Jahren, bricht in Griechenland der gegen die türkische Gewaltherrschaft geführte Freiheitskampf aus. Meyer schliesst sich den vielen Griechenfreunden aus halb Europa an und reist nach dem Kriegsschauplatz. Er lässt sich in der Hafenstadt Mesolongi nieder, heiratet eine Griechin, eröffnet mit deren Geld eine Apotheke und avanciert zum geachteten Bürger. Als Arzt, Journalist und Soldat organisiert er den Widerstand. Er publiziert mit der «Elleniká Chroniká» die erste freie Zeitung in Griechenland, finanziert vom englischen Aristokraten Lord Byron, den er sterbend betreut. Viele Berichte nach Europa über die Ereignisse gehen auf Meyer zurück. Beim Ausbruch aus der durch die Türken belagerten Stadt stirbt er am 10. April 1826. Wenige Stunden zuvor schreibt er:

«Mich macht der Gedanke stolz, dass das Blut eines Schweizers, eines Enkels von Wilhelm Tell, sich mit dem Blute der Helden Griechenlands mischen soll.»

Im Heldenpark von Mesolongi erinnern zwei Denkmale an ihn. Johann Jakob Meyers Bürgerort Schöfflisdorf lebt eine Partnerschaft mit der Stadt.

Ein Pfarrer an der Spitze des Griechenvereins

Johann Melchior Sulzberger.

Johann Melchior Sulzberger.

Bild: PD

An der Spitze des 1822 neu gegründeten «Griechenvereins» im Thurgau steht Antistes Johann Melchior Sulzberger (1761–1841), Pfarrer in Frauenfeld-Kurzdorf, der sagt:

«Alle Mitmenschen und Mitchristen des Kantons sind eingeladen, dem Beispiel der deutschen und der andern schweizerischen Vereine nachzueifern und dem versklavten Griechenvolk zur Freiheit zu verhelfen.»

Auf Sulzbergers Grabtafel an der Kirche ist zu lesen: «Ernst widmete er sein Leben der Kirche und dem Vaterlande.» Zu den Mitbegründern des Vereins gehört auch Johann Andreas Stähele, eigentlich Stähelin, (1794–1864) aus Sommeri TG. Er ist «hochgebildeter Katholik und rassiger Liberaler» (Herdi, Thurgau), Geschichtsprofessor in Bern und Lehrer bei Pestalozzi in Hofwil. Der Historiker und später nebst vielen andern Aktivitäten und Ämtern auch Redaktor der «Thurgauer Zeitung», hat 1821 aus humanistischer Überzeugung am Freiheitskampf der Griechen gegen die Osmanen teilgenommen. Als Aktuar des Philhellenenvereins fungiert der Frauenfelder Postdirektor und spätere Obergerichtspräsident J.J. Wüest.

Bundesrat Ludwig Forrer vergleicht Griechen mit Eidgenossen

Die Griechenfreundschaft im Thurgau findet ihren Nachhall. An der Promenadenstrasse 12 in Frauenfeld, wo heute die Kantonsbibliothek Thurgau steht, ist im Jahre 1850 die neue Kantonsschule fertiggestellt worden. Das Gymnasium tritt hier von Anfang an in altüberlieferter Gestalt auf. Latein und Griechisch sind mit sieben respektive sechs Wochenstunden die Hauptfächer. Die einzige moderne Fremdsprache ist Französisch. Erst 1871 wird das Griechische zu Gunsten von Mathematik und Naturkunde nur für künftige Mediziner in der 7. Klasse als fakultativ erklärt.

Bundesrat Ludwig Forrer.

Bundesrat Ludwig Forrer.

Bild: PD

Ludwig Forrer aus Islikon, der spätere Bundesrat, eilt im Jahre 1862 anlässlich der Stiftungsfeier der Kantonsschule nach Rektor Mann ans Rednerpult und vergleicht den Freiheitskampf der Griechen mit dem Werdegang der Eidgenossenschaft.

Ehemalige Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule berichten noch lange nach ihrer Schulzeit von der Besteigung des Olymps. In Frauenfelds Mittelschule geniessen jene hohes Ansehen, die den anforderungsreichen Griechischunterricht besuchen dürfen. Das akribisch betriebene Altgriechisch besitzt einen hohen Stellenwert. Zum Unterricht zugelassen sind noch in den 1950er-Jahren nur die Klassenbesten und die Universitätsaspiranten für Theologie.

* Der Autor ist ehemaliger Elgger Pfarrer und Lokalhistoriker.

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