Geologie
«Erkenntnisse über Gletscher der letzten 500'000 Jahre»: Warum die Uni Bern im Thurgau über Eiszeiten forscht

Beim Josenbuck in Basadingen-Schlattingen lässt die Uni Bern ein 250 Meter tiefes Loch bohren. Sie will herausfinden, wie Eiszeiten diese Gegend geologisch beeinflusst haben.

Dieter Ritter
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Marius Büchi und Sebastian Schaller, Geologen der Uni Bern, beim Bohrloch im Basadinger Wald.

Marius Büchi und Sebastian Schaller, Geologen der Uni Bern, beim Bohrloch im Basadinger Wald.

Bild: Dieter Ritter

Das Bohrgerät ist acht Meter hoch, das vor kurzem mit einem Lastwagen über den Josenbuckweg zur Bohrstelle im Wald Muedihaa, zwei Kilometer südlich von Basadingen-Schlattingen, transportiert worden ist. In der Unterthurgauer Gemeinde sind derzeit Geologen der Uni Bern damit beschäftigt, herauszufinden, wie sich die Eiszeiten auf den Untergrund dieser Gegend ausgewirkt haben.

Ein Presslufthammer treibt die hohle Bohrstange bis zu einer Tiefe von 250 Metern in die Erde. Auf ihrem Rückweg an die Oberfläche bringt sie jeweils Bohrkerne von einem Meter Länge ans Tageslicht. Sie werden in einem Plastikbehälter verstaut. Darauf steht die Tiefe, aus welcher der Kern stammt und in welcher Richtung er verlief.

Fachleute bedienen den acht Meter hohen Bohrturm im Basadinger Wald.

Fachleute bedienen den acht Meter hohen Bohrturm im Basadinger Wald.

Bild: Dieter Ritter

Sebastian Schaller, Geologe der Uni Bern, bringt die Kerne in ein Feldlabor im Josenbuck. Dort macht er eine erste Sichtung und protokolliert den Fortschritt der Bohrarbeiten. Weitere Untersuchungen folgen in den nächsten Jahren in verschiedenen Labors. Schaller sagt:

«Die Resultate stehen Teilnehmern eines Forschungsprogramms zur Verfügung, an dem Institute in 21 Ländern vertreten sind.»
Sebastian Schaller, Geologe der Uni Bern.

Sebastian Schaller, Geologe der Uni Bern.

Bild: Dieter Ritter

Bei früheren Forschungen haben die Geologen festgestellt, dass es unter dem Unterthurgauer Wald einen rund dreihundert Meter tiefen Felseinschnitt gibt. Er füllte sich im Lauf der Jahrtausende auf. Im September 2019 wurden seismische Untersuchungen gemacht. Die Geologen untersuchten Wellen, die aus einer Reihe von künstlich erzeugten Kleinsterdbeben entstanden. Verantwortlicher Projektleiter des Instituts für Geologie der Uni Bern ist Marius Büchi. Er sagt:

«Durch die Kleinsterdbeben konnten die Phasen der Auffüllung dieses Gebietes gelesen werden.»
Sebastian Schaller, Geologe der Uni Bern.

Sebastian Schaller, Geologe der Uni Bern.

Bild: Dieter Ritter

Diese Voruntersuchungen erlaubten es den Wissenschaftern, die ideale Position für die aktuelle Kernbohrung zu bestimmen.

Erkenntnisse über Gletscher vor 500'000 Jahren

Von der Analyse der jetzigen Bohrungen erhoffen sich die Geologen Aufschluss darüber, wie das Kommen und Gehen der Gletscher in den letzten 500'000 Jahren das Gebiet um Basadingen-Schlattingen geologisch beeinflusste. In dieser Zeitspanne gab es mehrere Eiszeiten.

Voraussichtlich Ende Juli sind die Arbeiten im Josenruck abgeschlossen. Dann wird der Bauherr das Bohrloch wieder auffüllen, zuoberst mit quellfähigen Pellets aus tonhaltigem Gestein versiegeln und das betroffene Waldstück in den Ausgangszustand zurückversetzen lassen.

Minimale Beeinträchtigung durch die Arbeiten

Die Bohrarbeiten und Transporte werden ausschliesslich an Werktagen und zur normalen Arbeitszeit durchgeführt. Die Baustelle ist nicht beleuchtet, nachtaktive Tiere werden deshalb nicht gestört. Zum Schutz des Waldbodens sind Bodenschutzmatten verlegt. Die Bauherrschaft garantiert, dass keine umweltgefährdenden Stoffe angewendet werden. Es kommen nur für Trinkwasser geeignete Bohrspülungen zum Einsatz. Die Bohrung findet nahe der Strasse statt.

Die Container und das Bohrkernlager werden neben einem bestehenden forstwirtschaftlichen Weg aufgestellt. Dort haben die Geologen auch ein Materialdepot eingerichtet. Die Waldstrasse bleibt offen. Im Baugesuch vom Dezember steht, dass voraussichtlich ein Baum geopfert werden muss. Revierförster Walter Ackermann liess ihn inzwischen fällen. Willi Itel von der Unterhaltskommission sagt: «Er wäre sowieso nicht zu retten gewesen. Es war eine kranke Esche.»