Generalstreik vor hundert Jahren: «Wer zur Arbeit erscheint, ist ein Verräter»

Als im November 1918 Thurgauer Soldaten in Zürich einmarschierten, geriet die Schweiz in ihre bislang tiefste innenpolitische Krise. Der Landesstreik begann. Wegen Hunger, Not und dem Militäraufgebot streikten auch im Thurgau Tausende.

Jonas Komposch*
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Defilee der Ordnungstruppen vor General Ulrich Wille und Oberstdivisionaer Emil Sonderegger am Mythenquai in Zürich, November 1918. (Bild: Keystone)

Defilee der Ordnungstruppen vor General Ulrich Wille und Oberstdivisionaer Emil Sonderegger am Mythenquai in Zürich, November 1918. (Bild: Keystone)

Am Freitagnachmittag des 8. Novembers 1918 traf bei der Arboner Arbeiterunion ein Expressbrief ein. Die Post kam aus Bern und der Absender war niemand Geringeres als das Oltener Aktionskomitee, der Führungsstab der schweizerischen Gewerkschaftsbewegung und der Sozialdemokratischen Partei. Von den Arboner Genossen verlangte das Komitee etwas Unglaubliches, etwas, das es im Thurgau nie zuvor gegeben hatte: einen totalen, die ganze Stadt lahmlegenden Streik. Schon am nächsten Tag sollte in Arbon – und in achtzehn weiteren Schweizer Städten – jegliche Arbeit ruhen.

Mit dieser Forderung rannte man in der Industriestadt am Bodensee offene Türen ein. In aller Eile druckten Aktivisten ein Flugblatt und verteilten es in den Fabriken und Mietskasernen. «Wer morgen zur Arbeit erscheint, ist ein Verräter. Hoch der Generalstreik! Hoch die Solidarität!», hiess es darin. Der Appell zeigte Wirkung. Zufrieden telegrafierten die Arboner nach Bern: «In keinem, auch nicht dem kleinsten Betrieb wird gearbeitet. Die Arbeiter, die von auswärts kommen, sind heute nicht mit den Zügen erschienen.»

Stattdessen strömten zweieinhalbtausend Frauen und Männer, ein Viertel der Einwohnerschaft, an das Seeufer. Eine euphorische, aber zugleich angespannte Streikversammlung war dort im Gang.

Loyale Thurgauer gegen Zürcher Revoluzzer

Vor drei Tagen noch, am Mittwochmorgen, schien alles normal. Doch dann war plötzlich Alarm. Von Diessenhofen bis Arbon, von Fischingen bis Kreuzlingen – im ganzen Kanton läuteten die Kirchenglocken Sturm. Der Bundesrat hatte beschlossen, Thurgauer Infanterie, Kavallerie und Mitrailleure unter die Waffen zu rufen. Sofort hatten sich die Militärpflichtigen in der Frauenfelder Kaserne zu sammeln. Viele Bauern ritten mit ihren Ackerpferden direkt von der Feldarbeit ein, andere Aufgebotene kamen per Eisenbahn oder marschierten zu Fuss in die Hauptstadt. Die Hektik war gross. Was los war, wussten nur wenige. Denn das Militärkommando hielt den Bestimmungsort der Truppen geheim. Klarheit gab es erst am Donnerstag, als die «Thurgauer Zeitung» mit höchst alarmierenden Schlagzeilen aufwartete:

«Schwere Meuterei der Flottenmannschaften in Kiel», «Unruhen in Wien», «Massenversammlung in München» und – unfassbar – «Putschgefahr in Zürich»!

In der hungergeplagten und pointiert linken Arbeiterschaft der grössten Schweizer Stadt sahen viele Bürgerliche eine permanente Gefahr. Nun, im ausgehenden Ersten Weltkrieg, formierten sich in ganz Europa Protestbewegungen; Revolten beschleunigten das Ende des grausamen Völkerschlachtens und der Monarchien. Unter diesem Eindruck glaubten hohe Militärs auch in der Schweiz an einen kurz bevorstehenden Revolutionsversuch. General Ulrich Wille schickte daher vorsorglich Thurgauer und Luzerner Truppen nach Zürich. Diese mehrheitlich bäuerlichen Soldaten galten als besonders loyal.

Historischer Rundgang durch Frauenfeld

Vom 12.–14. November 1918 legte in der ganzen Schweiz eine Viertelmillion Lohnabhängige ihre Arbeit nieder. Auch bis zu 20 000 Thurgauerinnen und Thurgauer streikten damals. Historiker Jonas Komposch führt hundert Jahre danach, am Samstag, 24. November 2018, ab 14 Uhr an die Frauenfelder Schauplätze des Streikgeschehens. Er erzählt, wo und warum die Thurgauer streikten, was die Soldaten über ihren Einsatz dachten und welche Auswirkungen die damaligen Geschehnisse für die Nachwelt hatten. Der Rundgang startet beim Otto-Hermann-Saal an der Gaswerkstrasse 9. (red)

Heute ist erwiesen, dass damals kaum jemand ernsthafte Putschpläne hegte. Die sozialen Spannungen und politischen Konflikte hatten gegenüber dem Sommer sogar merklich abgenommen. Und dies, obwohl noch jeder sechste Schweizer verarmt und von behördlicher Unterstützung abhängig war. Dass nun aber Schweizer Soldaten in Stahlhelmen, mit Maschinengewehren und Bajonetten der eigenen Bevölkerung gegenüberstanden, empfanden Tausende als ungeheuerliche Provokation.

Frauenfeld streikt zu früh

Der samstägliche Proteststreik sollte den Bundesrat zum Abzug des Militärs zwingen. Doch der Plan schlug fehl. Bald war fast die gesamte Armee mobilisiert und auch in Städten wie Arbon präsent. Die Gewerkschaften des Kantons Zürich beschlossen daher, am Montag den «Kampf auf ganzer Linie» weiterzuführen – gegen den Willen des Oltener Aktionskomitees. Das hatte auch für den Thurgau unmittelbare Folgen. Zwischen Winterthur und Frauenfeld fuhr seit Montagmorgen kein Zug mehr. Thurgauer Metallarbeiter, die zur Arbeit in die Nachbarstadt wollten, stauten sich am Frauenfelder Bahnhof. Sie interpretierten den Stillstand fälschlicherweise als Signal zum allgemeinen landesweiten Generalstreik. «Ohne irgendwelchen Befehl war der Ausstand perfekt», erinnerte sich später ein spontaner Streikteilnehmer.

  Während des Generalstreiks von 1918 besorgen die aufgebotenen Truppen die Postbeförderung. (Bild: Keystone)

Während des Generalstreiks von 1918 besorgen die aufgebotenen Truppen die Postbeförderung. (Bild: Keystone)

Erst im Verlauf des Tages erfuhren die Frauenfelder, dass sie einen Tag zu früh begannen. Das Oltener Aktionskomitee wünschte den Beginn des Landesstreiks erst auf Dienstag. Trotzdem blieben die meisten Betriebe geschlossen, und selbst die freisinnige «Thurgauer Zeitung» konnte nicht erscheinen, da ihre Drucker streikten.

Bürgerwehren mit Wasserspritzen

Am Dienstag schlossen sich schweizweit 250000 Frauen und Männer der Bewegung an, im Thurgau waren es über 10000. An den Industriestandorten Steckborn, Romanshorn, Kreuzlingen, Frauenfeld und Arbon stand alles still. Militär patrouillierte. Auch in Amriswil, Bürglen und Weinfelden «feierten» die Belegschaften etlicher Betriebe. In der Stadt Arbon sorgte eine mobile «Arbeiterwache» für die Einhaltung des Streiks, für seinen friedlichen Verlauf und für die Beachtung des Alkoholausschankverbots.

Enttäuscht berichtete die linke «Thurgauer Arbeiterzeitung» indes aus Bischofszell, dem «reaktionärsten Städtchen des reaktionären Thurgaus». Kein Streik, sondern eine Hysterie habe dort geherrscht, weshalb Ladenbesitzer und Fabrikanten zusammen mit der Feuerwehr eine Wasserspritze installiert hätten. Diese sollte der Abwehr angreifender «Arboner Sozialisten» dienen. Derweil gründeten Streikgegner im Frauenfelder Restaurant Falken eine bewaffnete Bürgerwehr und baten das Militärdepartement um Munition. Zu blutigen Konfrontationen kam es im Thurgau indes nicht – im Unterschied etwa zu Grenchen, wo Rekruten drei junge Arbeiter erschossen.

Nach drei Tagen kapitulierte das Oltener Aktionskomitee und befahl Streikabbruch. Als die Thurgauer Werktätigen am Freitag ihre Arbeit wieder aufnahmen, waren viele enttäuscht, manche erleichtert. Immerhin erfüllte sich schon 1919 ihre Forderung nach dem Proporzwahlsystem. Bis allerdings die geforderte AHV oder das Frauenstimmrecht in Kraft waren, sollten noch Jahrzehnte vergehen.

* Hinweis zum Autor
Jonas Komposch aus Herdern ist Historiker. In seiner Masterarbeit an der Universität Zürich befasste er sich mit dem Landesstreik 1918 im Kanton Thurgau.