Generalprobe
Berührend, besinnlich und sauglatt: So ist das neue Frauenfelder Weihnachtsspiel mit einem Esel, der eine Zeitreise nach Bethlehem macht

Es ist kalt, und die Gesichtsmaske ist am Schluss komplett durchgefeuchtet. Aber mit der Adventsführung inklusive dem Frauenfelder Weihnachtsspiel «Ein Esel packt aus!» ist man wunderbar auf die Festtage eingestimmt. Am Montagabend an der Generalprobe.

Mathias Frei
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Überzeugender theatraler Abschluss im Naturmuseum-Innenhof: Herrn Fässler gelüstet es nach dem Weihnachtsstern. Hinten: Frau Wohlgensinger.

Überzeugender theatraler Abschluss im Naturmuseum-Innenhof: Herrn Fässler gelüstet es nach dem Weihnachtsstern. Hinten: Frau Wohlgensinger.

Bild: Donato Caspari

Ergriffen, das ist das Gefühl. Im Radio läuft das «Gloria». Herr Fässler ist ob der Strapazen erschöpft, in den Armen von Frau Wohlgensinger, seiner Betreuerin, schläft er friedlich ein.

«Den Rest der Geschichte erzählen wir dann morgen, aber sicher.»

Stille Nacht, heilige Nacht. Mit dieser schönen, eigentlich schon besinnlichen Szenerie geht das neue Frauenfelder Weihnachtsspiel «Ein Esel packt aus!» zu Ende. Das Publikum an der Generalprobe von Montagabend klatscht lange. Zu Recht. Und zusätzlich gibt das Klatschen in der Kälte warm. Das ist eine wahrlich gelungene Koproduktion des Vereins Regio Frauenfeld Freizeit & Tourismus mit der Theaterwerkstatt Gleis 5.

Stadtführerin Andrea Hofmann erklärt die Motive am Rathaus.

Stadtführerin Andrea Hofmann erklärt die Motive am Rathaus.

Bild: Donato Caspari

Trotz Corona ein Erfolg

Eigentlich hatte Regio Frauenfeld Freizeit & Tourismus mit Geschäftsführerin Caroline Schwar geplant, acht öffentliche Führungen mit dem Weihnachtsspiel «Ein Esel packt aus!» durchzuführen. Aufgrund der grossen Nachfrage sind vier weitere Anlässe terminiert. Von nun 360 Plätzen sind derzeit aber nur noch knapp 20 frei. Weiterhin möglich sind private Führungen. (ma)

Die Motive am Haus am Bahnhof.

Die Motive am Haus am Bahnhof.

Bild: Donato Caspari

Nach Maria in den Jahren 2016 und 2017 sowie danach zwei Jahre lang Josef steht nun im neuen Frauenfelder Weihnachtsspiel der Esel im Zentrum. Corona spielt heuer zwar auch mit. Aber der Esel tritt erst im Innenhof des Naturmuseums auf, weil er eine fixe Bühne braucht. Derweil in den Vorjahren die Führung entlang der Weihnachtsbeleuchtung «Geschichtenlichter» durchsetzt war von theatralen Intermezzi. Diesmal gibt es nur eine Bühne, ein paar Strohballen in fahlem Rot. Los geht es aber früher an diesem Abend: um 18.30 Uhr auf dem Bahnhofplatz. Stadtführerin Andrea Hofmann erzählt der Gruppe der zwei Dutzend vom gebrechlichen Esel namens Herr Fässler, der darum nicht mitspazieren kann.

Die Gruppe macht Halt vor der evangelischen Stadtkirche.

Die Gruppe macht Halt vor der evangelischen Stadtkirche.

Bild: Donato Caspari
Blick vom Balieresteg auf die Gerberei Kappeler.

Blick vom Balieresteg auf die Gerberei Kappeler.

Bild: Donato Caspari

Andrea Hofmann nimmt die Besucherinnen und Besucher mit ihrer empathisch-offenen Art auf den Königsweg mit – entlang von weniger bekannten Lichtbildern der Frauenfelder Weihnachtsbeleuchtung, die aber allesamt in Zusammenhang stehen mit den Drei Königen auf ihrer Reise dem Stern hinterher nach Bethlehem. Von Fassade zu Fassade. Vom Hotel Blumenstein über die Metzgerstrasse, wo die Könige bereits Wiedererkennungswert haben, und über den Balieresteg an der Gerbi vorbei, dann hoch Richtung Rathaus. Es scheint, als wüsste Hofmann alles und noch viel mehr über die aktuell 30 Lichtbildstandorte. Und vor allem ist sie zum grossen Fan geworden. Die Glocken der evangelischen Stadtkirche schlagen 19 Uhr.

«Mich faszinieren die Bilder immer wieder.»

Das meint Hofmann. Noch ein paar Schritte bis zum Innenhof des Naturmuseums. Die Maske ist mittlerweile komplett durchgefeuchtet.

Herr Fässler und Frau Wohlgensinger.

Herr Fässler und Frau Wohlgensinger.

Bild: Donato Caspari

Wer will, kann sich in eine Decke kuscheln. Hochkonzentriert dagegen ist Puppenspielerin Rahel Wohlgensinger. Sie wechselt ständig in Mimik, Gestik und Stimme zwischen der Esel-­Klappmaulpuppe namens Herr Fässler und dessen Betreuerin im Altersheim, Frau Wohlgensinger. Grosses Kino. Und dieser Herr Fässler ist ein etwas verschrobener, aber urlustiger Grauer, der sich in die Weihnachtsgeschichte hineinsteigert und so aus der Sicht von Josefs Esel Aaron erzählt: über die hormon-, aber nicht von Josef geschwängerte Maria, die Übergewicht hat, über die bekifften Drei Könige, die Kamele, welche die versautesten Witze zum ­Besten geben, und über den Ochsen George, der einfach bestialisch stinkt. Das ist frecher, nie böser Humor, ab dem man herzlich lachen kann. Und eigentlich hat Herr Fässler ja Lust auf einen Bissen Weihnachtsstern.

Die Lichtbilder am Hotel Blumenstein.

Die Lichtbilder am Hotel Blumenstein.

Bild: Donato Caspari