Gemeindefusion
Aus zwei mach eins: Die FDP Wilen-Rickenbach gründet ein Komitee, das sich für die Fusion der beiden Gemeinden einsetzt

Der Wilener Gemeindepräsident Kurt Enderli tritt nächstes Jahr zurück. Das will die lokale FDP zum Anlass nehmen, um die Diskussion über einen Gemeindezusammenschluss zu lancieren – obwohl sich die Bevölkerung in der Vergangenheit zweimal dagegen ausgesprochen hat.

Lara Wüest
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Der Gemeindepräsident von Rickenbach, Ivan Knobel, wird in wenigen Jahren pensioniert. Unter anderem deshalb will die FDP Rickenbach-Wilen die Diskussion über eine Fusion mit Wilen lancieren.

Der Gemeindepräsident von Rickenbach, Ivan Knobel, wird in wenigen Jahren pensioniert. Unter anderem deshalb will die FDP Rickenbach-Wilen die Diskussion über eine Fusion mit Wilen lancieren.

Bild: Nana Do Carmo

Der Gemeindepräsident von Wilen, Kurt Enderli, tritt im Frühling des nächsten Jahres zurück. Ivan Knobel, Gemeindepräsident der Nachbargemeinde Rickenbach, wird in wenigen Jahren pensioniert und dann sein Amt abgeben. Die FDP Rickenbach-Wilen will das zum Anlass nehmen, um eine alte Diskussion neu anzustossen: jene der Fusion der beiden Gemeinden.

Schon zweimal hat sich die Bevölkerung in der Vergangenheit gegen einen solchen Zusammenschluss ausgesprochen. Doch nun, glauben die Mitglieder des lokalen Freisinns, ist einiges anders.

An einem Freitagnachmittag sitzt Harry Stehrenberger am Stubentisch im Wohnzimmer seiner Wohnung in Rickenbach und erzählt, wie es die FDP schaffen will, die Bevölkerung diesmal zu überzeugen. Stehrenberger ist Mitglied im Parteivorstand der FDP Rickenbach-Wilen und übernimmt bei der Fusionsfrage die Kommunikation nach aussen. Er sagt: «Viele zukunftsweisende Entscheidungen betreffen beide Gemeinden gleichsam. Ein Zusammenschluss der politischen Gemeinden ist ein logischer Schritt.»

Harry Stehrenberger: «Eine integrierte Verwaltung kann mehr Kompetenz aufbauen und die Fachthemen auf mehr Schultern verteilen.»

Harry Stehrenberger: «Eine integrierte Verwaltung kann mehr Kompetenz aufbauen und die Fachthemen auf mehr Schultern verteilen.»

Bild: Lara Wüest

Hoffnung: Mehr Gewicht als grössere Gemeinde

Gemeinsame, zukunftsweisende Themen, das sind zum Beispiel die Projekte Wil West, das Agglomerationsprogramm, die Verkehrsplanung und der Hochwasserschutz. Alles sind gemeindeübergreifende Themen. Manche, wie das Agglomerationsprogramm und Wil West, betreffen die gesamte Region Wil. Stehrenberger sagt:

«Eine grössere Gemeinde hat in regionalen Diskussionen mehr Gewicht und kann im Kanton mit einer Stimme sprechen.»

Und auch die Verwaltung, ist Stehrenberger sicher, würde vom Zusammenschluss profitieren: «Die Verwaltungsaufgaben werden immer komplexer. Eine integrierte Verwaltung kann mehr Kompetenz aufbauen und die Fachthemen auf mehr Schultern verteilen.»

Derzeit beschäftigt jede Gemeinde in jeder Abteilung eine Person. Durch den Zusammenschluss kämen, wenn es nach den Plänen der FDP geht, zwei Personen auf eine Abteilung. Stehrenberger sagt: «So wären auch Stellvertretungen gewährleistet.»

Vom Bürgerkomitee zur Abstimmung

Als erster Schritt wird die FDP Rickenbach-Wilen ein Bürgerkomitee bilden, welches die Idee der Bevölkerung näherbringen soll. An den nächsten Gemeindeversammlungen soll der Souverän dann den Behörden den Auftrag erteilen, ein Projektteam zu bilden, welches einen Fusionsvorschlag ausarbeitet. Über diesen sollen dann beide Gemeinden abstimmen.

Schon zweimal Nein gesagt

Bereits jetzt teilen sich Rickenbach und Wilen verschiedene Vereine. So gibt es etwa den Männerturnverein Rickenbach-Wilen, die Faustballgemeinschaft RiWi oder die Schützen Wilen-Rickenbach (siehe Zweittext). Ob die Bevölkerung aber eine Fusion der politischen Gemeinden befürwortet, kann Stehrenberger nur schwer abschätzen. Er sagt:

«Es braucht sicher noch Überzeugungsarbeit.»

Schon zweimal hat sich das Volk gegen Fusionspläne gewehrt. Das erste Mal im Jahr 1979. Damals sollten Rickenbach, Wilen und Busswil, das heute zu Sirnach gehört, fusionieren. Die Rickenbacher aber sagten Nein, vor allem, weil ihnen die Steuern in Wilen zu hoch waren.

Das zweite Mal 1998, als sich die Munizipalgemeinde Rickenbach bei Wil auflöste. Die Munizipalgemeinde bestand aus den beiden Ortsgemeinden Rickenbach bei Wil und Wilen bei Wil. Und zum Zeitpunkt der Auflösung gab es Stimmen, welche die Munizipalgemeinde zur politischen Gemeinde Rickenbach-Wilen umwandeln wollten. Doch erneut sagten die Rickenbacher Nein. Wiederum waren die höheren Steuern bei Nachbar Wilen ein wichtiger Faktor.

Warum sollten die Bürgerinnen und Bürger dieses Mal Ja sagen? Harry Stehrenberger sagt: «Damals waren die Dörfer viel eigenständiger als heute.» Und die Steuerfüsse, die seien jetzt nahezu gleich.

«Die Bevölkerung würde ein drittes Mal Nein sagen»

Wilen und Rickenbach teilen sich bereits jetzt ein Gemeindehaus.

Wilen und Rickenbach teilen sich bereits jetzt ein Gemeindehaus.

Nana Do Carmo

Schon jetzt haben Wilen und Rickenbach manches gemeinsam. Zum Beispiel das Gemeindehaus. Dieses steht direkt auf der Gemeindegrenze, Eingang gibt es bloss einen – auf der Wilener Seite. Der Rickenbacher Gemeindepräsident Ivan Knobel überquert also stets Wilener Boden, wenn er in sein Büro geht. Der Wilener Gemeindepräsident Kurt Enderli dagegen muss in einer anderen Gemeinde aufs stille Örtchen.

Gemeinsam haben die Gemeinden auch noch anderes: In der Vergangenheit haben schon mehrere Vereine fusioniert. Der Schützenverein Wilen-Rickenbach bereits vor 14 Jahren. Der Grund war, dass dem Verein in Rickenbach vor dem Aus stand, weil ihm die Mitglieder fehlten.

Die Befürworter …

Beat Wiederkehr, ehemaliger Präsident des früheren Schützenvereins Wilen.

Beat Wiederkehr, ehemaliger Präsident des früheren Schützenvereins Wilen.

Bild: PD

Einer, der sich noch gut daran erinnert, ist Beat Wiederkehr. Er war damals Präsident des Wilener Schützenvereins. Er sagt: «Wir sind ohne Probleme in den neuen Verein gestartet. Und auch funktioniert die Zusammenarbeit gut.» Auch wenn der Verein womöglich etwas stärker von den Mitgliedern aus Wilen gesteuert werde. Doch das liege daran, dass nach wie vor mehr Mitglieder aus Wilen stammten. Einen Zusammenschluss der politischen Gemeinden ist für Wiederkehr durchaus denkbar. Er sagt:

«Eine Fusion sollte man jetzt prüfen.»
Ivan Knobel, Gemeindepräsident Rickenbach.

Ivan Knobel, Gemeindepräsident Rickenbach.

Bild: PD

Die Idee einer Gemeindefusion findet noch andere Befürworter: zum Beispiel im Gemeindepräsidenten von Rickenbach, Ivan Knobel. Auch er ist im Vorstand der lokalen FDP. Doch wenn er für die Fusion argumentiert, dann tut er das auch wegen seiner Erfahrungen als Gemeindepräsident. Er sagt:

«Ich finde es gut, dass man die Diskussion jetzt aufgreift.»

Schon jetzt, sagt er, würden die Behörden in manchen Bereichen zusammenarbeiten. Und er vermutet: «Diese Zusammenarbeit wird künftig noch enger.»

Was sein Pendant in der Nachbargemeinde dazu sagt, bleibt vorerst offen. Kurt Enderli will sich zur Fusion in dieser Zeitung nicht äussern.

Leo Haas, Präsident Primarschulgemeinde Rickenbach.

Leo Haas, Präsident Primarschulgemeinde Rickenbach.

Bild: PD

Einer, der die Idee ebenfalls gut findet, ist Leo Haas. Er ist Präsident der Primarschulgemeinde Rickenbach. Zwar würde eine Fusion der politischen Gemeinden für die drei Schulgemeinden – die Primarschule Rickenbach, die Primarschule Wilen und die Sekundarschule Rickenbach-Wilen – nichts ändern. Die Schulbehörden sind von den politischen Behörden getrennt.

Trotzdem fände Haas die Fusion gut. Denn das, sagt er, wäre eine gute Vorarbeit für die Diskussion über einen Zusammenschluss der Schulgemeinden. Haas weiss, dass diese Fusion in der Bevölkerung einen schweren Stand hätte. Dafür sind die Bevölkerungsstrukturen in den Gemeinden zu unterschiedlich. Trotzdem findet er das Vorhaben prüfenswert. Er sagt: «Es würde einiges vereinfachen.» So etwa die Besetzung der Schulbehörden, für die sich manchmal kaum Leute finden.

… und ein Gegner

Mit sachlichen Argumenten will die FDP die Bevölkerung überzeugen. Eine Gemeindefusion ist allerdings nicht bloss ein sachliches Thema. Es geht auch um Identität. Darum, wo man sich zu Hause fühlt. Und das ist eben auch mit Emotionen verbunden. Ivan Knobel sagt:

«Die Idee der Gemeindefusion kann auch Ängste auslösen. Darauf muss man Rücksicht nehmen.»

Die Angst etwa, dass doppelt vorhandene Einrichtungen zusammengelegt würden. Die Angst zum Beispiel, dass es danach nur noch einen Friedhof gäbe.

Und so gibt es eben auch jene Stimmen in der Bevölkerung, die einer Fusion kritisch gegenüberstehen. Eine dieser Stimmen ist Martin Giger. Er war der erste Gemeindeammann von Wilen. Vor 24 Jahren war das. Er sagt:

«Die Bevölkerung wird auch ein drittes Mal Nein sagen.»

Wilen und Rickenbach seien zu unterschiedlich. Wilen sei dörflich, das Zusammengehörigkeitsgefühl gross. In Rickenbach sei das anders.