Gemeinde Wagenhausen warnt vor möglicher Trinkwasserverschmutzung durch Pflanzenschutzmittel

Die öffentliche Wasserversorgung in der Thurgauer Gemeinde am Hochrhein ist allenfalls mit dem Pflanzenschutzmittel Chlorothalonil verunreinigt, welches der Bund als möglicherweise gesundheitsgefährdend einstuft. Der Wagenhauser Gemeinderat ruft zur Ruhe auf und will zuerst die Proben durchs kantonale Labor abwarten.

Samuel Koch
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Von Leitungswasser geht in der Schweiz in der Regel keine Gefahr aus. (Bild: Getty)

Von Leitungswasser geht in der Schweiz in der Regel keine Gefahr aus. (Bild: Getty)

Entspannte Sommerferienstimmung tönt anders. «Bis wir die Resultate der Proben erhalten haben, kann weder von einer Gefährdung noch von einer Entwarnung ausgegangen werden.» Das teilt die Gemeinde Wagenhausen am Donnerstag mit. Demnach hat eine Meldung über die durch das Pflanzenschutzmittel Chlorothalonil verschmutzte Wasserversorgung hohe Wellen geschlagen.

Chlorothalonil ist ein Wirkstoff, der vom Bund seit den 70er-Jahren gegen Pilzbefall als sogenanntes Fungizid zugelassen ist und im Getreide-, Gemüse-, Wein- und Zierpflanzenbau eingesetzt wird. Übers Grundwasser gelangt die Substanz ins Trinkwasser. Gemäss Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen kann eine «Gesundheitsgefährdung von Chlorothalonil-haltigen Pflanzenschutzmitteln nicht ausgeschlossen werden».

Wo ist Wagenhausen?

Zufällige Grosskontrolle des kantonalen Labors

Samuel Etzweiler, Gemeinderat Wagenhausen, Ressort Hochbau und Werke. (Bild: PD)

Samuel Etzweiler, Gemeinderat Wagenhausen, Ressort Hochbau und Werke. (Bild: PD)

Samuel Etzweiler, im Gemeinderat Wagenhausen zuständig für Hochbau Werke, will die Lage nicht dramatisieren und bittet die Bevölkerung, Ruhe zu bewahren. «Wir warten jetzt die Proben des kantonalen Labors Thurgau ab», meint er. 

Rein zufällig hat vergangene Woche eine Grosskontrolle des Trinkwassers stattgefunden, die sonst nur alle vier bis fünf Jahre stattfindet.

«Deshalb habe ich mit dem zuständigen Kontrolleur abgemacht, dass wir in all unseren Wasserquellen und Pumpwerken vorsorglich Proben entnehmen und diese explizit auf Chlorothalonil untersuchen.»

Etzweiler hat bereits mehrere Anrufe besorgter Einwohnerinnen und Einwohner erhalten. Sobald die Resultate der Grosskontrolle vorliegen, werde der Gemeinderat die Bevölkerung informieren. Etzweiler will festhalten, dass bei den zahlreichen Proben in der Vergangenheit keine Verunreinigungen festgestellt worden sind. «Ich wünsche Ihnen nicht allzu ‹heisse› Tage und eine schöne Sommerzeit», schliesst die Mitteilung der Gemeinde Wagenhausen ab. 

Seit Anfang Juli gelten strengere Höchstwerte

Kurt Seiler, Chemiker am Interkantonalen Labor Schaffhausen. (Bild: PD)

Kurt Seiler, Chemiker am Interkantonalen Labor Schaffhausen. (Bild: PD)

Der aktuelle Aufruhr in Wagenhausen gründet auf einer Information des Stadtrates von Stein am Rhein, welche auf Proben des Interkantonalen Labors Schaffhausen fusst. Demnach werde «in einem Ortsteil von Stein am Rhein die Höchstkonzentration im Trinkwasser deutlich überschritten». Kurt Seiler vom Interkantonalen Labor Schaffhausen relativiert, denn das Labor hat bereits vor rund einem Jahr die Öffentlichkeit über dieses Abbauprodukt von Chlorothanolil informiert. Seiler meint:

«Es handelt sich hier nicht um eine lebensbedrohliche Lage. Trinkwasser kann weiter konsumiert werden.» 

Die Toxikologie entwickle sich wie jede Wissenschaft auch. «Weil das besagte Abbauprodukt des Pflanzenschutzmittels neuerdings als relevant eingestuft worden ist, kommt zum Schutz der menschlichen Gesundheit erst seit anfangs Juli 2019 ein Höchstwert zum Tragen», meint Seiler. Bei der strengeren Regelung handelt es sich lediglich «um eine Vorsichtsmassnahme». «Solange die Ungefährlichkeit dieser Stoffe nicht erwiesen ist, geht man davon aus, dass sie gefährlich sind», sagt er. Sicher aus der Verantwortung ziehen will er die Landwirtschaft: «Die Bauern können nicht für Stoffe verantwortlich gemacht werden, die vom Bund zugelassen sind.» 

Trinkwasser im Reservoir zur Sicherheit verdünnen

Wegen «der fehlenden akuten, gesundheitsbedrohlichen Situation» verzichtete der Stadtrat von Stein am Rhein gemäss eigener Mitteilung auf eine Information an die Bevölkerung. Die Unsicherheit in der Region um Stein am Rhein gestiegen ist auch durch einen Beitrag der SRF-Sendung «Tagesschau» von vergangener Woche.

Unabhängig davon hat das schaffhausische Rheinstädtchen sofort Massnahmen getroffen. So sei etwa das Trinkwasser aus dem eigenen und unabhängigen Grundwasserpumpwerk im thurgauischen Etzwilen mit Wasser aus anderen Zuleitungen verdünnt worden, «um die Belastung zu reduzieren». Zudem würden laufend Proben genommen, um die Entwicklungen zu beobachten.

«Abschliessend gilt es festzuhalten», schreibt der Stadtrat von Stein am Rhein, «dass grundsätzlich keine akute Gesundheitsgefahr besteht und das Trinkwasser nicht abgekocht werden muss». Das will Samuel Etzweiler nicht kommentieren. Laut seinen Aussagen funktioniere die Wasserversorgung von Wagenhausen autark, losgelöst vom Pumpwerk Etzwilen. Samuel Etzweiler meint: «Die Netzwerke sind verbunden, aber der manuelle Schieber ist definitiv zu.»