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Gefuchtelt und geschossen: Wie sich zwei Rheintaler nach dem Rauswurf aus einem Club in Bürglen an den Türstehern rächen wollten

Nach ihrem Rauswurf aus einem Club in Bürglen besorgten sich zwei junge Männer aus dem Rheintal einen Revolver. Damit wollten sie den Türstehern Angst machen. Jetzt stehen sie wegen versuchter eventualvorsätzlicher Tötung in Weinfelden vor Gericht.
Ida Sandl
Von einem Taxifahrer liessen sich die Beschuldigten nach Uzwil fahren, um eine Waffe zu besorgen. (Bild: Max Eichenberger (9. Januar 2018))

Von einem Taxifahrer liessen sich die Beschuldigten nach Uzwil fahren, um eine Waffe zu besorgen. (Bild: Max Eichenberger (9. Januar 2018))

Er wollte den Türstehern Angst einjagen, aber niemanden töten, beteuert der Hauptbeschuldigte. Die Staatsanwältin sieht das anders. Er und sein Kollege hätten in Kauf genommen, dass jemand stirbt, als sie mit geladenem Revolver herumgefuchtelt und sogar geschossen hätten. Donnerstag und Freitag verhandelt das Bezirksgericht Weinfelden über einen Vorfall, der besser in einen TV-Krimi als nach Bürglen passen würde.

Ein Rauswurf und viele Fragen

Doch hier spielten sich die wilden Szenen ab – am 30. April 2017, nachts um 2.30 Uhr. Im Club Wunderlampe in Bürglen ist eine Goa-Party in Gang. Die beiden Rheintaler sind angetrunken, der 28-jährige Hauptbeschuldigte konsumiert im Laufe des Abends ein oder zwei Linien Kokain. Es kommt zu einer Schlägerei, schliesslich zum Rauswurf. Grundlos, aus Sicht der Beschuldigten. Die Security-Männer sagen aus, die beiden hätten Gäste angepöbelt. Er habe sich mit einer Frau unterhalten, sie habe ihm ihre Nummer gegeben, schildert der Hauptbeschuldigte, da seien die Sicherheitsleute auf ihn los.

Er sei «abgeschlagen und gewürgt» worden. Enttäuscht sei er gewesen und «verruckt». In hellblauem Hemd und schwarzer Hose erscheint der Hauptbeschuldigte vor Gericht. Er wirkt seriös, hat einen festen Job und eine fast sechsjährige Tochter; keine Vorstrafen:

«Ich war damals karriereorientiert,
kein Schläger.»

Sein Freund, 27 Jahre, kleiner und schmal, kann sich vor Gericht nicht mehr an viel erinnern. Er er sei schon betrunken gewesen, als sie den Club betreten hätten. Der gelernte Maurer gerät immer mal wieder in Schlägereien; auch wegen Betäubungsmitteln stand er schon vor Gericht. Er kaut an den Fingernägeln, zieht immer wieder seine dicke Jacke über.

Für die beiden Männer geht es um viel: Die Staatsanwältin beantragt hohe Freiheitsstrafen von 8 und 4,5 Jahren. Sie beschuldigt die Männer der versuchten eventualvorsätzlichen Tötung.

Plötzlich lief alles aus dem Ruder

Klar ist einzig: Die Ereignisse in jener Nacht sind gehörig aus dem Ruder gelaufen. Die Beschuldigten wollen sich an den Türstehern für das vermeintliche Unrecht rächen. Sie lassen sich von einem Taxi nach Uzwil zu einem Kollegen fahren. Hier holen sie einen geladenen Revolver und Kokain. Der Kollege ist ebenfalls angeklagt, wegen Gehilfenschaft. 30 Monate soll er hinter Gitter.

Der Taxifahrer muss sie zurück zum Club bringen. Im Taxi soll der Jüngere bereits mit der geladenen Waffe herumgefuchtelt haben, hält sie dem Taxifahrer an den Bauch und an den Hals. Die Dashcam im Taxi zeichnet Gespräche auf, in denen sich die Männer unterhalten, wer den Revolver nehmen soll und ob sie den Türstehern etwa ins Knie schiessen. Das sei nicht ernst gemeint gewesen, sagt der Hauptbeschuldigte vor Gericht:

«Wir wollten uns aufspielen.»

Zurück im Club kommt es zur bizarren Verfolgungsjagd. Der Hauptbeschuldigte rennt mit dem Revolver in der Hand hinter den Türstehern her. Es fällt ein Schuss. Der Fundort des Projektils deute daraufhin, dass der Schuss in Richtung eines Türstehers abgegeben worden ist, erklärt die Staatsanwältin. «Das alles hätte tödlich enden können.»

«Es war ein Warnschuss», sagt der Beschuldigte. Er habe gegen eine Wand geschossen, wo niemand gewesen sei, da er niemanden habe verletzten wollen. Ironie des Schicksals: Der Security-Mann, den er verfolgt hat, war gar nicht am Rauswurf beteiligt. Immerhin: Es wird tatsächlich niemand verletzt in dieser Nacht.

Verteidiger kritisieren Staatsanwaltschaft

Die Verteidiger üben harte Kritik an der Anklage. Der Tatbestand der versuchten eventualvorsätzlichen Tötung sei zu keiner Zeit erfüllt gewesen. Sie beantragen Geldstrafen für ihre Mandanten, für den Hauptbeschuldigten und den Besitzer des Revolvers bedingt mit mehrjährigen Probezeiten. Unbedingt für den jüngeren Beschuldigten aufgrund der Vorstrafen.

Die Staatsanwaltschaft hat sich verrannt, sagt der Verteidiger des Hauptbeschuldigten. Die Aussagen der Security-Männer seien widersprüchlich. Der Rauswurf aus dem Club sei unnötig gewesen. «Das war der Auslöser für die weitere Eskalation.» Sein Mandant habe nie jemanden ernsthaft gefährdet. Er sei nicht vorbestraft und habe nach längerer Arbeitslosigkeit wieder Tritt gefasst, nehme keine Drogen mehr.

«Er ist kein Krimineller im eigentlichen Sinne.»

Einfache Körperverletzung, Verstoss gegen das Betäubungsmittel- und das Waffengesetz, lässt der Verteidiger gelten. In allen anderen Punkten sei sein Mandant freizusprechen. «Er steht sicher das erste, das einzige und das letzte Mal vor Gericht.»

Verteidiger: «Mein Mandant war stockbetrunken».

Der Verteidiger des jüngeren Beschuldigten kritisiert die Anklageschrift. Sie gleiche mehr einem Hollywood-Drehbuch, als den sachlichen Sachverhalt festzuhalten. Die Türsteher hätten den Hauptangeklagten windelweich geprügelt, und seinem Mandanten Pfefferspray ins Gesicht gesprüht. Sein Mandant sei stockbetrunken gewesen und habe die meiste Zeit gar nicht realisiert, was los gewesen sei. «Er ist kein Mittäter.»

Schon während der Einvernahme habe er sich beim Taxifahrer entschuldigt. Es tue ihm leid, wenn er ihm Angst gemacht habe. Er sei bereit, ihm eine Genugtuung von 1000 Franken zu zahlen.

«Nötigungsnotstand» macht der Anwalt des dritten Beschuldigten geltend. Das schliesse eine Schuld aus. Sein Mandant habe den Revolver unter Schock und Panik herausgegeben. Der Hauptbeschuldigte sei sehr betrunken und aggressiv gewesen und immer aufbrausender geworden. Es sei ein Nötigungsnotstand gegeben, das schliesse eine Schuld aus.

Opfer leiden noch unter den Vorfällen

Zuvor hatten die Anwälte des Taxifahrers und der beiden Türsteher, die der Hauptbeschuldigte mit dem Revolver verfolgt hat, Genugtuung und Schadensersatz für ihre Klienten gefordert. Diese würden noch immer unter den Vorfällen leiden. Sie hätten schlaflose Nächte und fühlten sich oft verfolgt. Besonders tragisch: Der Türsteher, der nicht am Rauswurf beteiligt war, hat als Kind Gewalt und Tod in Syrien erlebt.

Die Verhandlung wird am Freitag mit den zweiten Vorträgen der Anwälte fortgesetzt.

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