In der Frauenfelder Stadtgalerie Baliere sind die Innenwelten gefärbt

Laura Luessi zeigt in der Stadtgalerie Baliere filigrane Zeichnungen in Farbe und Schwarz-Weiss. Ein Ausdruck ihrer Schizophrenie. Am Donnerstag feiert die Ausstellung «Herzgespinste» Vernissage.

Mathias Frei
Drucken
Teilen
Künstlerin Laura Luessi und Rose Ehemann, Leiterin des Living Museum Wil, an einem Objekt namens «Der Kristall in mir». (Bild: Donato Caspari)

Künstlerin Laura Luessi und Rose Ehemann, Leiterin des Living Museum Wil, an einem Objekt namens «Der Kristall in mir». (Bild: Donato Caspari)

«Eigentlich bin ich unkreativ.» Laura Luessi steht in ihren ersten Ausstellungen. Die Zeichnungen an den Wänden bilden einen Schutzwall, den sie nun hinter sich lässt. Mit jeder Zeichnung, jedem Objekt hat sie diesen Schutzwall bereits überwunden. Am Donnerstag feiert die Ausstellung «Herzgespinste – Gedanken zur Stigmatisierung» Vernissage in der Baliere.

«Ich bin schizophren.»

Diesen Satz konnte die 31-Jährige, die in Frauenfeld aufgewachsen ist und nun in Arbon lebt, früher nicht aussprechen. Mit 24 kam der erste Schub. Klinikaufenthalte, Medikamente.

«Die Ideen kamen, wenn es mir schlecht ging.»

Es war für Luessi, die einen Bachelor in Pharmazie hat, ein diffuses Gefühl, eine Ahnung. Gezeichnet hat sie, wenn der Schub vorüber war. Entstanden sind Innenwelten ihres Körperbewusstsein. Ein Organ wie das Herz, ein Körperteil wie eine Hand, alles mit Bleistift. Und dann überall die Blumen, mit Farbstiften gezeichnet. Als sie das erste Mal in einer «Geschlossenen» war, eingeschlossen, wurden die Blumen auf der anderen Seite des Fensters zum Symbol für Freiheit.

Flüssige Farben sind zu unkontrolliert

Die feinen Bleistiftlinien und -schattierungen kontrastieren mit den bunten Blumensträussen. Sie zeichne, weil sie mit den Stiften exakt hantieren, genaue Linien ziehen kann. Die Stifte geben ihr Halt. Sie habe sich einmal mit Aquarell versucht. «Das war mir zu unkontrolliert.» Andere Arbeiten von Luessi sind mit Stempeldrucktechnik gefertigt. Die Blumen bleiben als Motiv. Die Rosen zum Beispiel habe sie mit Zwiebelstempel gemacht. Nebst Luessis Exponaten sind in der Baliere auch repräsentative Arbeiten aus dem Living Museum Wil zu sehen. «Von Keramik über Holz bis zu Zeichnungen und Malerei», kündigt Rose Ehemann an. Sie ist Leiterin des Living Museum Wil. Das ist eine Institution, die das kreative Potenzial nutzt von Menschen mit einer psychischen Krankheit. Luessi hat zwar nie bei Ehemann gearbeitet. «Aber Laura könnte eine unserer wunderbaren Künstlerinnen sein», meint die Living-Museum-Leiterin.

«Herzgespinste – Gedanken zur Stigmatisierung», Laura Luessi und Künstler aus den Ateliers – Living Museum Wil, Psychiatrie St. Gallen Nord sowie Tagesstätte von Heimstätten Wil. Vernissage: Do 4. Oktober, 18 Uhr. Bis 28. Oktober. Fr 17 bis 20 Uhr, Sa/So 12 bis 16 Uhr. Stadtgalerie Baliere.

FRAUENFELD: Besonders unspektakulär

Die innere Unruhe treibt diesen Mann, auch im Alter von 70 Jahren. Willi Oertigs Jubiläumsausstellung in der Stadtgalerie Baliere heisst denn auch «Unterwegs – on the road». Die realistische Ölmalerei des bekannten Thurgauer Künstlers ist ab heute zu sehen.
Mathias Frei

FRAUENFELD: Der Gesamtkunstwerker

Gianni Kuhn kennt Paris wie seinen Hosensack. Seine Fotografien scheinen aus der Zeit gefallen, wie sie die leise Melancholie der Stadt einfangen. In der Baliere ist aber noch mehr zu sehen – und zu hören.
Dieter Langhart