Gastbeitrag
Tore zur Welt

Das Pfingstfest ist der Gang hin zur Bewegung, zum Aufbruch in die Weite, hin zur Begegnung über alle Kulturen und Sprachgrenzen hinweg. Ein Gastbeitrag von Theologe Jürgen Bucher.

Jürgen Bucher*
Jürgen Bucher*
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Abflughalle am Flughafen Zürich.

Abflughalle am Flughafen Zürich.

Bild: Key

Wohl nie war die Sehnsucht grösser und drängender, eingespurte Wege zu verlassen, um andere Kulturen, Länder und Sitten wieder neu zu entdecken und zu erleben, als in diesen Zeiten. Nie war der Reisestau in mir so lang und ausgedehnt, was mein Verlangen und meine Ungeduld in unbekannte Sphären treibt.

Endlich wieder Türen öffnen, sich hinauswagen, ausgetretene Pfade und Spazierwege verlassen, hin zu neuen Ufern, egal wohin – Hauptsache mal weg und aus dem Alltag raus. Endlich wieder die voluminösen Koffer packen, fremde Sprachen hören und selbst stammeln. Endlich Freunden und Verwandten im Ausland wieder direkt in die Augen schauen, sie ohne Angst in die Arme nehmen.

So ergriffen von der Sehnsucht spüre ich in mir eine grosse Vorfreude auf das Kommende. Die Sehnsucht selbst ist wie ein Tor zur erwünschten Wirklichkeit.

Die Hallen der Welt

Wer durch dieses Tor schreitet, wer sich auf Reisen begibt, findet sich am Beginn einer Reise nicht selten zunächst stehend oder flanierend in grossen Hallen wieder. In der marmorsteinglänzenden Halle des Flughafens Zürich-Kloten, wo der Duft und die Weite des Raumes die Augen und Sinne erregen, herrscht in «normalen Zeiten» ein buntes Treiben. Dieser belebte Ort ist Kreuzungspunkt, wo mannigfaltige Sprachen zu hören, eine Vielfalt an Gesichtern und Personen zu sehen, Modestile aktueller und vergangener Zeiten zu entdecken sind.

Jürgen Bucher, katholischer Theologe und Seelsorger in Sulgen.

Jürgen Bucher, katholischer Theologe und Seelsorger in Sulgen.

Donato Caspari

Die Halle selbst, ein Tempel moderner Architektur, ist ein Repräsentationsort einer fortschrittlichen Gesellschaft, vor allem aber ein Tor zur weiten Welt. Eine bunte Pluralität menschlicher Kulturen kommt dort an einem Ort zusammen. Internationales Flair sind an Orten wie Flughäfen oder auch Bahnhöfen essenziell erlebbar.

Die Bahnhofshallen imponieren durch ihre lichtdurchfluteten Rundbogenfenster, hohen Eisenkonstruktionen und mit einer grossen Empfangshalle, welche einen scheinbar in frühere Zeiten versetzen. Jeden Tag geht der Weg von Millionen von Menschen durch solche Hallen. Dicht gedrängt warten sie am Perron auf ihren Zug und fährt dieser dann ein, sind sie plötzlich alle verschwunden. Meist sind es Menschen aus derselben Region, dem gleichen Land, manchmal Touristen oder Personen aus anderssprachigen Ländern.

Eingangshalle zu Gott

Das Pfingstfest ist für uns Christinnen und Christen wie eine grosse Eingangshalle, wie das Tor zu Gott. Es ist das Heraustreten aus der Erstarrung, der Enge, der Lähmung, dem Statischen, dem Reglementierten, der Angst. Es ist der Gang hin zur Bewegung, zum Aufbruch in die Weite, hin zur Begegnung über alle Kulturen und Sprachgrenzen hinweg.

Pfingsten ist das bewusste Nach-draussen-Gehen durch das Tor des Lebens, hin zur angstfreien und geistesgegenwärtigen Erneuerung. Es ist das von innerer Freude und Kraft erfüllte und von Gott gestärkte Gefühl.

Darum ist Pfingsten für mich persönlich das grosse kirchliche Fest der Freude und der Begegnung, weil die Offenheit für die Vielfalt der Völker, Sprachen und Kulturen zentral ist, weil es die Gegenwart für das Wirken von Gottes Geist in unserer Welt ausdrückt. Pfingsten ermutigt miteinander, nach den Zeichen der Zeit zu fragen, bei Musik und Rhythmen, die begeistern, in Gemeinschaft und lebendiger Spiritualität vereint.

*Jürgen Bucher ist katholischer Theologe und Seelsorger in Sulgen.