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Ein Gast wird zum Gastgeber befördert im Kreuzlinger Flüchtlingscafé

Zum ersten Mal engagiert sich ein ehemaliger Flüchtling im Agathu-Vorstand. Der Iraker Usama Al Shahmani hält es für wichtig, dass Asylbewerber einen Ort finden, an dem sie nicht unter Beobachtung stehen.
Thomas Wunderlin
Im Flüchtlingscafé läuft momentan wenig: Vereinspräsident Karl Kohli, Vorstandsmitglied Usama Al Shahmani. (Bild: Andrea Stalder)

Im Flüchtlingscafé läuft momentan wenig: Vereinspräsident Karl Kohli, Vorstandsmitglied Usama Al Shahmani. (Bild: Andrea Stalder)

In der geräumigen Gaststube des Kreuzlinger Flüchtlingscafé Agathu sitzt ein Afrikaner auf einer Bank und beschäftigt sich mit seinem Handy. Sonst sind nur wenige Leute anwesend. Karl Kohli, Präsident des Trägervereins Agathu, Jahrgang 1939, führt den Besucher in einen Nebenraum, in dem Spielsachen herumliegen. Während des Gesprächs setzt ein Bub aus Plastikbausteinen ein Gewehr zusammen und richtet es auf den pensionierten Mathematiklehrer.

Im Spielzimmer sitzt auch der 47-jährige Iraker Usama Al Shahmani am Tisch. Seit diesem Frühjahr ist er Mitglied der neunköpfigen Führung des Vereins Aga­thu (Arbeitsgruppe für Asylsuchende Thurgau). Das Café hat er 2002 kennengelernt, als er sein Asylgesuch stellte. Heute lebt er mit Frau und Kindern in Frauenfeld.

Zum ersten Mal an einer Wahl teilgenommen

Vereinspräsident Kohli hält es für wichtig, dass ein Vorstandkollege das Los der Flüchtlinge aus eigener Erfahrung kennt: «Uns ist es oft zu wenig bewusst, wie stark sie durch ihre Flucht belastet sind.» Die Wahl in den Vorstand bedeute ihm viel, sagt Al Shahmani. Es sei überhaupt das erste Mal, dass er an einer Wahl teilnehme. Das Agathu-Café sei wichtig, da es «ein freier Raum ist, an dem sich Flüchtlinge nicht beobachtet fühlen, wo sie keine Aufmerksamkeit erregen».

Mit dem ehemaligen Asylbewerber setzt der Verein um, was er bei allen Projekten anstrebt: Flüchtlinge mit Einheimischen in Kontakt zu bringen. So auch beim Projekt Beat, das von der Eidgenössischen Migrationskommission und dem Migros-Kulturprozent dieses Jahr mit 13000 Franken unterstützt wird. Nebst Spiel- und Sportnachmittage gehört das International Dinner dazu: Einmal im Monat kochen Asylbewerber aus dem Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ Kreuzlingen) und aus den umliegenden Gemeinden Spezialitäten aus ihrem Heimatland.

Literaturwissenschaftler, Mensa-Mitarbeiter

Mit seiner eigenen Integration ist Al Shahmani weit vorangekommen. Seit 2012 verfügt er über Aufenthaltsbewilligung. Im Irak hatte er arabische Sprache und Literatur studiert und mehrere Bücher über arabische Literatur veröffentlicht. Nun unterhält er sich fliessend auf Deutsch und veröffentlicht im September im Limmat-Verlag sein zweites Buch auf Deutsch. Daneben ist er weiterhin auf eine 50-Prozent-Stelle als Mensa-Mitarbeiter angewiesen. Ausgelaufen ist eine befristete Stelle als Mitarbeiter der Kantonsbibliothek.

Das Asyl-Netzwerk Thurgau umfasst 16 Gruppen

Im Thurgau gibt es rund 16 Gruppen, die sich für die Integration der Flüchtlinge engagieren. Die grösste ist Agathu, da sie am Ort des EVZ aktiv ist. Laut Kohli hat der Verein 250 Mitglieder. Dazu kommen 150 Freiwillige, von denen viele zugleich Vereinsmitglieder sind.

Nach Kohlis Ansicht betreibt die EU «keine anständige Flüchtlingspolitik». Es sei «traurig, dass so viele Leute im Mittelmeer umkommen». Doch er sei kein Experte: «Wir machen hier an kleinem Ort, was wir können.»

Dass heute nur etwa zwanzig Besucher ins Café gekommen sind, hängt laut Kohli damit zusammen, dass im EVZ momentan nur 150 Asylbewerber einquartiert seien; Platz wäre für 300, mit Aussenstellen sogar für 600. «Das EVZ wird heute aus meiner Sicht vorbildlich geführt», sagt Kohli. Unter anderem biete es Beschäftigungsprogramme an, «was wir immer wieder gefordert haben».

Im Empfangszentrum wird weniger geschlagen als früher

Die Mitarbeiter hätten eine anspruchsvolle Aufgabe. Sie müssten in engen Verhältnissen für Ordnung sorgen und würden oft angelogen. Zwischen Bewachern und Bewohnern herrsche «ein gewaltiger Machtunterschied»; es sei eine Charakterfrage, die Würde der Bewohner dennoch zu respektieren: «Nicht alle sind der Aufgabe gewachsen.» Geschlagen würden die Asylsuchenden weniger als früher: «Wenn wir davon erfahren, melden wir es.»

Im Flüchtlingscafé wird Integration ab dem nächsten Jahr kaum noch ein Thema sein. Denn das EVZ wird in ein Ausreisezentrum umgewandelt. Was das für das Agathu bedeute, wisse er nicht, sagt Kohli. Die Besucher hätten dann keine Hoffnung mehr, da ihr Asylgesuch abgelehnt worden sei.

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