Für Probleme mit Behördensprache
«Die Leute sagen mir: ‹Gut, dass es das gibt›»: Alt Oberrichterin Elisabeth Thürer führt ihre Anlaufstelle in Frauenfeld weiter

Nach einer Versuchsphase überführt die Stadt Frauenfeld die Anlaufstelle für Probleme mit Behördensprache in den Regelbetrieb.

Mathias Frei
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Alt Oberrichterin Elisabeth Thürer.

Alt Oberrichterin Elisabeth Thürer.

Bild: Andrea Stalder

Das lösche einem doch ab, sagt Elisabeth Thürer. «Sieben Seiten, die man ausfüllen muss.» Dabei ging es nur um ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege, also einen Gratis-Rechtsanwalt. Diesen Fall hat alt Oberrichterin Thürer grad erst kürzlich bearbeitet – im Rahmen der von ihr initiierten und nun geführten Anlaufstelle für Probleme mit Behördensprache.

Seit Mitte August betreibt die 67-Jährige ehrenamtlich das kostenlose Beratungsangebot im Auftrag der Stadt Frauenfeld. Jeden Donnerstag von 16 bis 18 Uhr im Kufsteinzimmer im Rathaus.

Nun hat die Stadt beschlossen, die Anlaufstelle nach der Versuchsphase in einen Regelbetrieb zu überführen. Stadtpräsident Anders Stokholm lässt sich in einer Medienmitteilung wie folgt zitieren:

Anders Stokholm, Stadtpräsident Frauenfeld.

Anders Stokholm, Stadtpräsident Frauenfeld.

Bild: PD
«Die Anlaufstelle für Probleme mit Behördensprache ist eine wertvolle Dienstleistung, und wir danken Elisabeth Thürer für ihr ehrenamtliches Engagement»,

Die ersten drei Monate hätten gezeigt, dass dieses einzigartige Angebot sehr geschätzt werde und einem Bedürfnis entspreche. So konnten bisher rund 30 Personen in schwierigen persönlichen Situationen unterstützt und beraten werden.

Ein Projekt für die Zeit nach der Pensionierung

Das von Thürer ins Leben gerufenen Angebot ist schweizweit einzigartig. «Die Idee dafür hatte ich schon länger. Die Anlaufstelle ist mein Kind für die Zeit nach der Pensionierung.» Das sagte Thürer dieser Zeitung vergangenen Juli vor dem Start der Versuchsphase. Die damals erste vollamtliche Oberrichterin hatte dieses Amt 28 Jahre inne, lange Zeit auch als Vizepräsidentin des Thurgauer Obergerichts – bis sie Ende 2019 in Pension ging. In ihrer Zeit als Richterin habe sie sich bisweilen geschämt für die Sprache in amtlichen Dokumenten.

Thürer, die auch 20 Jahre lang für die FDP im Frauenfelder Gemeinderat politisierte und die Geschäftsprüfungskommission Finanzen und Administration präsidierte, sagt denn auch:

«Es ist kompliziert, Kompliziertes einfach zu formulieren.»

Die Arbeit mit den Menschen, die zu ihr kommen, bereite ihr viel Freude. «Und am Schluss sagen die Leute dann: ‹Gut, dass es Sie und Ihre Anlaufstelle gibt.›» Der Aufwand sei aber nicht zu unterschätzen, sagt Thürer.

Bedürfnis für Beratungen vorhanden

Zu Beginn rechnete sie mit 15 Minuten pro Beratung. Mittlerweile habe sich gezeigt, dass eine Beratung im Schnitt eine Stunde dauere – oder eben auch mal zwei Stunden, wie beim eingangs Artikel beschriebenen Fall. Das Bedürfnis nach einem derartigen Angebot sei auf jeden Fall vorhanden. Zum Glück habe sie noch nie jemanden allzu lange warten lassen müssen – obwohl eine Voranmeldung nicht notwendig ist.

In jedem zweiten Fall sei die Muttersprache der Hilfesuchenden nicht Deutsch, hat Thürer festgestellt. Und was für sie auch offensichtlich ist: «Der Vorteil ist, dass ich eine völlig neutrale Stelle bin.» Sonst würde es eben wieder kompliziert werden.

Die Anlaufstelle für Probleme mit Behördensprache ist jeden Donnerstag von 16 bis 18 Uhr im Rathaus (Kufsteinzimmer im Erdgeschoss) geöffnet.