Fünf Thurgauer sind über 104 Jahre – genauere Angaben hält der Kanton geheim

Die Kantonsstatistikerin weiss, wie alt der älteste Mensch im Thurgau ist. Sie darf es aber nicht verraten. Der kantonale Datenschützer gibt ihr recht, obwohl er das öffentliche Interesse als gegeben ansieht.

Thomas Wunderlin
Drucken
Teilen
Die 108-jährige Hedwig Fröhlich ist mit Sicherheit einer der fünf ältesten Menschen im Thurgau.

Die 108-jährige Hedwig Fröhlich ist mit Sicherheit einer der fünf ältesten Menschen im Thurgau.

Bild: PD
  • Theoretisch könnte der älteste Thurgauer über 122 Jahre alt sein.
  • Der Kantonsstatistikerin fehlt die gesetzliche Grundlage für eine Veröffentlichung.
  • Diese könnte das neue Statistikgesetz enthalten.

Im Thurgau leben heute fünf Leute, die mindesten 104 Jahre alt sind. Genauere Angaben macht die kantonale Dienststelle für Statistik nicht. Eine der fünf ist Hedwig Fröhlich, die am 21. Januar 2019 in Weinfelden ihren 108. Geburtstag beging. Die «Thurgauer Zeitung» fragte vergeblich nach, ob sie der älteste Mensch im Kanton ist.

Die Leiterin der Dienststelle, Ulrike Baldenweg, kann auch nicht sagen, wie alt denn der älteste Mensch im Thurgau ist: «Man darf nicht auf einzelne Personen zurückschliessen können.» Der Datenschutz müsse gewahrt werden: «Sonst würde die Bereitschaft sinken, uns Daten zur Verfügung zu stellen.» Theoretisch könnte also ein Thurgauer über 122 sein; so alt wurde der älteste bekannte Mensch, dessen Alter wissenschaftlich verifiziert wurde.

Die Thurgauer Kantonsstatistikerin Ulrike Baldenweg-Bölle.

Die Thurgauer Kantonsstatistikerin Ulrike Baldenweg-Bölle.

Donato Caspari

Persönliche Daten nur gruppenweise offenlegen

Für persönliche Angaben könne sie nur Gruppen bilden, bei denen keine Rückschlüsse auf Einzelne möglich seien, erklärt Baldenweg. Würde sie das Alter des ältesten Einwohners des Kantons bekannt geben, könnte man seine Identität möglicherweise durch Kombination mit andern Daten herausfinden.

Ein Beispiel dafür gibt der kantonale Datenschützer, Fritz Tanner. Wenn man beispielsweise wüsste, dass der älteste Thurgauer 116 Jahre alt ist und in einer bestimmten Gemeinde ein 116-jähriger bekannt sei, könne man mit geringem Insiderwissen folgern, dass es sich um diese Person handeln müsse. Der Dienststelle für Statistik fehle deshalb die rechtliche Grundlage für eine Veröffentlichung.

Dem Datenschützer ist es ein Anliegen, auf die zunehmenden Möglichkeiten durch die Verknüpfung von Daten hinzuweisen: «Die Algorithmen zur Auswertung von grossen Datenmengen werden rasant leistungsfähiger.» Heute sei noch nicht abschätzbar, was in wenigen Jahren mit zukünftiger Technik und bereits heute veröffentlichen Daten alles gemacht werden könne.

Ueli Fisch engagiert sich für Transparenz in öffentlichen Bereichen.

Ueli Fisch engagiert sich für Transparenz in öffentlichen Bereichen.

Reto Martin

GLP-Regierungsratskandidat Ueli Fisch bezeichnet es als «penibel», dass das Alter des ältesten Thurgauers nicht bekannt gemacht wird:

«Der gesunde Menschenverstand müsste beim Amt Vorrang haben.»

Fisch hat als Präsident des Initiativkomitees dem Öffentlichkeitsprinzip zum Durchbruch verholfen. Damit habe die Bekanntgabe des höchsten Alters aber nichts zu tun, sagt Fisch. Im Abstimmungskampf habe das Komitee immer betont, dass persönliche Daten geschützt seien.

Datenschützer Tanner teilt die Ansicht, dass das Alter des ältesten Thurgauers von öffentlichem Interesse ist. Um es veröffentlichen zu können, gäbe es laut Tanner zwei Wege.

Der Thurgauer Datenschützer Fritz Tanner.

Der Thurgauer Datenschützer Fritz Tanner.

Reto Martin

Der Regierungsrat könnte in der Datenschutzverordnung den Jahrgang als weiteren Teil der Adressdaten erwähnen, die für Adressbücher und ähnliche Nachschlagewerke an Private herausgegeben werden dürfen. Bereits jetzt darf der Jahrgang von Behördenmitgliedern im Staatskalender genannt werden. Eine flächendeckende Bekanntmachung könnte allerdings auf Widerstand stossen.

Die elegante Variante: Das neue Statistikgesetz

Der Grosse Rat hätte die elegante Möglichkeit, im neuen Statistikgesetz, das derzeit erarbeitet wird, die Dienststelle für Statistik zu ermächtigen, das jeweils höchste Alter eines im Kanton lebenden Menschen zu veröffentlichen.