Führungsloses Bauamt
«Die Stadt wollte nicht, dass ich für Lösungsansätze Hand bieten»: Der neue Bauverwalter muss Steckborn nach wenigen Monaten wieder verlassen

Der Chefposten in der Bauverwaltung in Steckborn ist nach wenigen Wochen wieder unbesetzt. Die Stadt beendet das Arbeitsverhältnis mit René Clausen, dem Nachfolger des langjährigen Egon Eggmann, nach der Probezeit. Über die Gründe gibt es verschiedene Meinungen.

Samuel Koch
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Das Steckborner Stadthaus an der Seestrasse 123.

Das Steckborner Stadthaus an der Seestrasse 123.

Bild: Reto Martin (Steckborn,
28. Mai 2020)

Kaum hat er angefangen, ist er schon wieder weg. Am 1. November trat René Clausen die Stelle als neuer Leiter Bauverwaltung in Steckborn an. Nun haben der Stadtrat und Clausen vereinbart, die Zusammenarbeit nach Ablauf der Probezeit per Ende Januar wieder zu beenden, wie im offiziellen Mitteilungsorgan «Bote vom Untersee und Rhein» zu lesen ist.

Man habe sich nicht gefunden während der kurzen Probezeit, sagt René Clausen. Er war auf Egon Eggmann gefolgt, der sich Ende Jahr nach über 30 Jahren in den frühzeitigen Ruhestand verabschiedete. Zu den Gründen für die rasche Trennung sagt Clausen:

René Clausen, Leiter Bauverwaltung Steckborn, vom 1. November 2020 bis 31. Januar 2021.

René Clausen, Leiter Bauverwaltung Steckborn, vom 1. November 2020 bis 31. Januar 2021.

Bild: PD
«Es ist wohl eine Kombination aus menschlichen und inhaltlichen Gründen.»

Nach seinem Start begleitete den 57-Jährigen zunächst ein guter Eindruck, «mit einer breit gefächerten Aufgabenstruktur». Je länger je mehr habe er jedoch gemerkt, dass die Angliederung des Werkhofs aufgrund des bevorstehenden Abgangs von dessen Leiter Franz Weibel sowie die Verwaltung von stadteigenen Liegenschaften von den Zuständigkeiten her geklärt werden müssten. Clausen, der als ehemaliger Gemeindepräsident der schaffhausischen Kleinstgemeinde Bibern vertraut ist mit verwaltungsinternen Abläufen, sagt:

«Als ich neu reinkam, war ich überrascht über die vielen offenen Punkte in der Verwaltung.»

Zur Erinnerung: Ein fürs Projekt «Steckborn plus» zu Rate gezogener Experte bezeichnete die Verwaltungsorganisation im vergangenen Sommer als «mittelalterlich». Mittlerweile ist das Programm zur Aufarbeitung bestehender Defizite vom Stadtrat jedoch sistiert.

Komplexe Fälle wie Scheitingen und neue Gesetzeslage

Zum Jahresbeginn suchte René Clausen das Gespräch mit seinen Vorgesetzten. «Ich wollte Hand bieten und für Lösungsansätze bereitstehen», sagt er. Die nun beendete Zusammenarbeit zeigt für ihn, «dass die Stadt das nicht wollte».

Zusätzlich erschwert habe seinen Start in Steckborn, dass Egon Eggmann nicht wie angekündigt kurz vor Weihnachten, sondern bereits «Knall auf Fall» Mitte November gegangen sei. Clausen sagt: «Es war schlicht nicht möglich, seine langjährige Arbeit innert drei Monaten weiterzuführen.» Die differenzierten Geschäfte wie die komplexe Causa Scheitingerwiese benötigten einiges an Hintergrundwissen, nebst dem Tagesgeschäft.

Und als Externer aus einem anderen Kanton hat Clausen fürs Einarbeiten in die Thurgauer Gesetzgebungen mehr Zeit benötigt als ursprünglich gedacht. Ausserdem bemängelt der bald arbeitslose Clausen den Umgang mit dem Personal und relativiert postwendend: «Das ist aber eine subjektive Wahrnehmung.»

Und was sagt der Stadtrat dazu? «Wir stellten fest, dass wir unterschiedliche Erwartungen hatten», antwortet Stadtpräsident Roman Pulfer lediglich auf schriftlichem Weg. Der Leiter der Bauverwaltung habe in Steckborn einen sehr breiten Aufgabenbereich. Einerseits gebe es den eher strategischen Teil mit der Beratungsfunktion für die Baukommission und den Stadtrat sowie der Leitung von Projekten wie beispielsweise der Ortsplanungsrevision. Anderseits mache aber auch das operative Tagesgeschäft mit dem Verfassen von Baubewilligungen einen grossen Teil der Arbeit aus.

Stadtpräsident Pulfer: «Keinerlei menschliche Differenzen»

Roman Pulfer, Stadtpräsident Steckborn.

Roman Pulfer, Stadtpräsident Steckborn.

Bild: Reto Martin

Aufgrund der unterschiedlichen Erwartungen zwischen Clausen und dem Stadtrat habe sich Letzterer dazu entschieden, die Zusammenarbeit über die Probezeit hinaus nicht fortzusetzen. Pulfer meint:

«Die Probezeit ist dazu da, um herauszufinden, ob die Stelle und der Stellenbewerber zusammenpassen.»

Und warum konnte man die Differenzen im Auswahlverfahren nicht in Erfahrung bringen und bereinigen? In Vorstellungsgesprächen diskutiere man vieles, meint Pulfer. Es sei aber unmöglich, alles abzudecken und zu klären. «Es gab keinerlei menschliche Differenzen mit Herrn Clausen. Die Zusammenarbeit mit ihm war jederzeit angenehm.»

In der offiziellen Mitteilung dankt der Stadtrat René Clausen für seinen Einsatz in der Stadtverwaltung. Die vakante Stelle werde nun zur Neubesetzung wiederum ausgeschrieben. Bis eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger gefunden sei, übernehme die bisherige Stellvertreterin Corinne Frei interimistisch die Abteilungsleitung.