Frustriert im fremden Land: Linda Bergauer aus Schlatt arbeitet sei einem Jahr in Jerusalem, doch jetzt macht ihr die Coronakrise das Leben schwer

Die junge Frau aus dem Unterthurgau ist für das «Caritas Baby Hospital» in Bethlehem für die Kommunikation zuständig. Die aktuellen Ausgangsbeschränkungen machen ihr zu schaffen.

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Der Schminktisch der Vermieterin dient Linda Bergauer während der Krise als Arbeitsplatz.

Der Schminktisch der Vermieterin dient Linda Bergauer während der Krise als Arbeitsplatz.

(Bild: PD)

(red) Bisher war es kein Problem, in Bethlehem zu arbeiten und in Jerusalem zu leben. Doch über Nacht galten in Palästina und Israel strikte Ausgangsbeschränkungen, um die Ausbreitung der Coronapandemie zu verhindern. Selbst Berufspendlerinnen wie mir ist es untersagt, nach Bethlehem zu fahren. Seither erledige ich meine Arbeit aus dem Homeoffice.

Kinderhilfe unabhängig von Herkunft und Religion

Der Verein Kinderhilfe Bethlehem mit Sitz in Luzern finanziert und betreibt das «Caritas Baby Hospital» in Bethlehem im Westjordanland. 50'000 Kinder und Babys werden dort jährlich stationär oder ambulant betreut. Alle Kinder erhalten Hilfe, unabhängig von ihrer Herkunft und Religion. Das Behandlungskonzept bindet die Eltern eng in den Heilungsprozess ihrer Kinder ein, und das Spital verfügt über einen ausgebauten Sozialdienst. Mit 250 lokalen Mitarbeitenden ist das «Caritas Baby Hospital» ein wichtiger Arbeitgeber in der Region. Das Spital stärkt das palästinensische Gesundheitswesen und ist ausserdem führend bei der Ausbildung von Ärzten und Pflegenden in der Kindermedizin. Dank grosszügiger Spenden kann das «Caritas Baby Hospital» seine Aufgaben erfüllen und Kinderleben retten. (red)

Informationen über den Verein Kinderheim Bethlehem und seine Tätigkeiten gibt es im Internet unter
www.kinderhilfe-bethlehem.ch

Mein Arbeitszimmer ist lichtdurchflutet – was in den eng aneinander und übereinander errichteten Häusern der Altstadt von Jerusalem nicht selbstverständlich ist. Als Arbeitsplatz in der möblierten Wohnung dient der Schminktisch meiner Vermieterin.

Die instabile Internet- und Telefonverbindung in Ostjerusalem sorgt für zahlreiche Frustrationsmomente.
Linda Bergauer.

Linda Bergauer.

(Bild: PD)

Meine Kolleginnen im «Caritas Baby Hospital» des Vereins Kinderhilfe Bethlehem erreiche ich oft erst nach mehreren Versuchen. Alles braucht mehr Zeit als sonst. Gerade als Mitarbeiterin im Bereich Kommunikation fehlt es mir, am Puls des Geschehens im Spital zu sein und Informationen aus erster Hand liefern zu können.

Ausgestorben, wo sonst das Leben pulsiert

Wer jemals die Altstadt Jerusalems besucht hat, kennt das Gedränge in den Gassen, die intensiven Gerüche von Gewürzen, Gebäck und Kaffee, die lebendigen Farben sowie ein Meer aus Geräuschen – und die starke Präsenz des israelischen Militärs. Durch die Ausgangsbeschränkungen war Jerusalem wochenlang wie ausgestorben, die Gassen waren leergefegt. Mit Ausnahme einiger Anwohner, die nach essenziellen Einkäufen verstohlen nach Hause eilten.

Nur einmal verstiess ich gegen die Bestimmungen: An meinem Geburtstag traf ich hinter einem Lebensmittelgeschäft heimlich eine Freundin auf ein Eis.
Während der Pandemie in Jerusalem.

Während der Pandemie in Jerusalem.

(Bild: PD)

Vor kurzem wurden die Restriktionen in Jerusalem gelockert. Schrittweise öffneten verschiedene Geschäfte, sportliche Aktivitäten oder Spaziergänge dürfen nun in einem Radius von 500 Metern vom Haus entfernt stattfinden. Dafür ist das Tragen einer Maske zur Pflicht erklärt worden. Grössere Menschenansammlungen und die Wiedereröffnung von Cafés, Restaurants und Bars bleiben untersagt. Das mit dem islamischen Fastenmonat Ramadan verbundene abendliche Zusammenkommen zum Iftar (gemeinsames Abendessen) bleibt dieses Jahr aus. Normalität ist in Jerusalem mit Sicherheit noch nicht wieder eingekehrt, wenn auch einige Gründe zum vorsichtigen Aufatmen bestehen.

Viele Familien haben finanzielle Sorgen

Während der Pandemie in Jerusalem.

Während der Pandemie in Jerusalem.

(Bild: PD)

Der palästinensischen Bevölkerung Ostjerusalems und des Westjordanlandes bereiten die wirtschaftlichen Auswirkungen der Restriktionen grosse Sorgen. Vielen Familien mangelt es, insbesondere im Westjordanland, an finanziellen Rücklagen. Fast alle Arbeitsbereiche sind zum Erliegen gekommen, Ersparnisse haben die meisten nicht, eine Sozialversicherung gibt es keine. Verschiedene muslimische, christliche und säkulare Institutionen versuchen, die wirtschaftlichen und sozialen Folgen für benachteiligte Familien zu mildern. Auch die Sozialdienstabteilung des «Caritas Baby Hospital» greift nun einer grösseren Anzahl von Familien bei der Finanzierung der medizinischen Versorgung oder der Medikamente für ihre Kinder unter die Arme.

Wie das Leben der Bevölkerung sich hier in den kommenden Monaten verändern wird, lässt sich kaum vorhersagen.

Aber es ist beeindruckend, mitzuerleben, wie die palästinensische Gesellschaft in schwierigen Zeiten zusammenhält und Wert auf Solidarität unter Familien, Nachbarn und sogar Fremden – wie mir – legt.

Diese Reportage stammt von Linda Bergauer aus Schlatt, die in Jerusalem, Israel, arbeitet.

Während der Pandemie in Jerusalem.

Während der Pandemie in Jerusalem.

(Bild: PD)