Früher U-Nationalspielerin, bald Gemeindepräsidentin: Die Münchwilerin Nadja Stricker ist eine «vergiftete Tschutterin»

Der Fussball begleitet Nadja Stricker schon fast ihr ganzes Leben. Nach acht Jahren als Juniorinnen-Koordinatorin des FC Münchwilen ist sie nun aber zurückgetreten. Im Juni beginnt für sie ein neues Kapitel

Daniela Huijser
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Die Münchwiler Gemeindepräsidentin Nadja Stricker ist eine begeisterte Fussballerin.

Die Münchwiler Gemeindepräsidentin Nadja Stricker ist eine begeisterte Fussballerin.

(Bild: Urs Bucher)

Bei Familie Stricker interessierte sich niemand für Fussball. Nicht zum Zuschauen und schon gar nicht zum selber Spielen. Bis die kleine Nadja so quasi aus dem Nichts heraus mit «tschutten» anfing. Da war sie gerade im Kindergarten und forderte die ganze Familie auf, mit ihr Fussball zu spielen. Doch weder die Eltern noch die Schwester oder Tanten und Onkel liessen sich darauf ein. Und so spielte das Mädchen eben mit den Buben aus der Nachbarschaft. Und das gar nicht schlecht. «Ich wurde jedenfalls nie als letzte gewählt, wenn es um die Teameinteilung ging», erinnert sich Nadja Stricker.

Die Begeisterung, die sie im Kindergarten zeigte, wurde in der Schule noch grösser. «Ich wollte unbedingt zum FC Münchwilen, also rief mein Vater dort an, um mich anzumelden. Doch damals waren Mädchen nicht willkommen.» Das änderte sich, als sie elf Jahre alt wurde. Der FC Münchwilen plante nun doch, ein Damenteam zu gründen.

Schülerin Nadja war sofort dabei und konnte fortan ihrer Leidenschaft in einem altersmässig sehr durchmischten Team frönen. «Unsere Spielerinnen waren zwischen elf und dreissig Jahren alt. Und so nahmen wir die unterste Liga in Angriff, super trainiert von René ‹Wämsi› Bosshart und seiner Frau Brigitte Grimm.»

«Meine Mutter verlangte, dass die Noten gut bleiben»

Nadja Stricker hatte Talent und einen enormen Willen; da Münchwilen über kein Nati-A-Team verfügte, wechselte sie während der Kantonsschule zum FC Schwerzenbach. Viermal pro Woche reiste sie abends zum Training Richtung Zürich und am Wochenende bestritt sie Matchs. Die Eltern hatten immer noch nichts mit Fussball am Hut. «Meine Mutter verlangte einfach, dass meine Noten weiterhin gut blieben», sagt die 47-Jährige und schmunzelt.

Damals spielte sie auch in der U21 und erlebte die eine oder andere Europareise. Lebhaft in Erinnerung geblieben ist ihr ein Match gegen Belgien. «Wir assen viel Fisch und spielten in einem riesigen Stadion, das praktisch leer war.» Doch sie spielte um des Spielens willen, nicht fürs Publikum. Vom Mittelfeld aus wirkte die junge Sportlerin als Regisseurin und trug manchmal auch die Kapitänsbinde. Doch dann war plötzlich Schluss mit Fussball.

«Mit 23 hatte ich die Nase einfach voll, war nicht mehr begeistert.»

Damals zog es sie weg von der Schweiz. Zwei Jahre arbeitete die Münchwilerin in der Karibik als Reiseleiterin. Fussball war dort kein Thema, eher Baseball. Nadja Strickers Fussballpause hielt an, bis sie mit 27 Jahren in den Thurgau zurückkehrte. Und sich wieder auf den grünen Rasen begab. Nur kurz pausierte sie später nochmals, als ihre Tochter Laura geboren wurde. Ansonsten sprintete sie unermüdlich für den FC Münchwilen übers Spielfeld. Blaue Flecken habe es viele gegeben, aber zum Glück nie eine ernsthafte Verletzung.

Mit zehn zeigte auch Tochter Laura Interesse am Fussballspiel. «Allerdings nicht meinetwegen», räumt Mutter Nadja ein. «Sie begann mit dem Training, weil eine Freundin mit Fussball anfing.» Und das sollte sich für Münchwilen als Glücksfall erweisen. Denn Laura wünschte bald einmal, mit Mädchen spielen zu können, nicht mit den Jungs. Ihre Mutter reagierte rasch und schrieb ein Schnuppertraining aus.

«Der Erfolg überrumpelte mich völlig – rund 50 Mädchen meldeten sich an.»

Sie war kurz überfordert, musste weitere Trainer aufbieten. «Doch schliesslich konnte ich die Mädchen in drei Teams aufteilen.» Eines davon trainierte Nadja Stricker selber und zwar jenes, in dem ihre Tochter spielte. Das sei für beide nicht immer einfach gewesen. Mittlerweile spielen die beiden schon seit längerem im gleichen Team und verstehen sich auch auf dem Rasen prima.

Einen riesen Erfolg gab’s im vergangenen Sommer zu feiern, als die Damenmannschaft den Aufstieg in die dritte Liga schaffte. «Damals schauten sogar meine Eltern zu und waren enorm stolz auf uns.» Und noch etwas freut Nadja Stricker: Obwohl ihr Vater mit Fussball nichts anfangen kann, sponserte er mit seinem Holzbaugeschäft viele Jahre lang die Trikots der Damen.

Nadja Strickers Begeisterung und Leidenschaft fürs Fussballspielen sind immer noch riesig. Trotzdem denkt sie über eine Zukunft ohne diesen Sport nach.

«Bis im Sommer bleibe ich aber auf jeden Fall noch dabei, dann schaue ich, wie es mir geht. Wie fit ich sein werde, wie viel Zeit ich habe.»

Denn im Juni tritt sie ihr Amt als Gemeindepräsidentin von Münchwilen an. Ein 100-Prozent-Job, der ihren ganzen Einsatz fordern wird. Einen Einblick in die Exekutive erhielt sie allerdings bereits in den vergangenen Jahren: Seit 2015 ist die FDP-Frau als Gemeinderätin zuständig für die Ressorts Finanzen und Gesundheit.

Der Rücktritt schmerzt sie nicht allzusehr

Schon Ende Monat nimmt sich Nadja Stricker etwas mehr Freizeit: Nach acht Jahren als Juniorinnen-Koordinatorin des FC Münchwilen ist sie an der GV vom 22. Februar zurückgetreten. Ein Rücktritt, der sie nicht allzu schmerzt, denn sie kann die Aufgabe ihrem Wunschnachfolger übergeben. «Bei Fabian Guntersweiler sind die Juniorinnen in guten Händen», sagt sie. Und relativiert dann gleich das mit der Freizeit: «Ich habe einen Kurs als Kinderschiedsrichter absolviert und werde in den unteren Ligen pfeifen können. Dann habe ich bald einmal alles gemacht, was es im Fussball zu tun gibt», sagt sie lachend.

Ein Leben ohne Fussball kann sie sich jetzt noch nicht vorstellen, obwohl sie auch Wandern, Krimis lesen, Tennis und Kochen als Hobbys nennt. «Aber beim Fussball, da denke ich 90 Minuten lang ausschliesslich an Fussball. Das ist für mich eine Riesenentspannung.» Kein Wunder, hält sie nichts von einem Training ab – weder Kälte noch Sturm noch Regen. «Mein Wille ist dafür zu gross. Und das war schon immer so: Ich spielte nie für den Trainer, sondern immer aus eigenem Antrieb.»

Münchwilen wählt Nadja Stricker zur Gemeindepräsidentin

Die amtierende Münchwiler Gemeinderätin Nadja Stricker (FDP) wird die erste Hinterthurgauer Gemeindepräsidentin. Die Münchwilerinnen und Münchwiler wählten sie als einzige Kandidatin bei einer tiefen Stimmbeteiligung von 29,4 Prozent mit 93 Prozent der Kandidatenstimmen.
Olaf Kühne