Kommentar

Die nächsten Thurgauer Bundesrats-Ambitionen liegen in weiter Ferne

Karin Keller-Sutter ist die Ostschweizer Hoffnung auf einen Bundesratsitz. Doch was soll der Thurgau von der Wiler Kandidatin halten? Und welche Thurgauer könnten künftig Chancen auf einen Bundesratssitz haben?

Christian Kamm
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Christian Kamm, Leiter Ressort Kanton Thurgau. (Bild: Urs Jaudas)

Christian Kamm, Leiter Ressort Kanton Thurgau. (Bild: Urs Jaudas)

Die Ostschweiz will endlich zurück in den Bundesrat. Jetzt ist Daumendrücken angesagt. Die St. Galler Ständerätin Karin Keller-Sutter soll es richten. Damit unser Landesteil, der sich allzu oft im Vorzimmer der Macht stehen gelassen fühlt, auch wieder im Bundesratszimmer mitreden kann. Freue dich, Ostschweiz! Aber wie viel Thurgau steckt im Markenzeichen KKS?

Die Frage ist so abwegig, wie es die Erwartung wäre, dass eine Bundesrätin Karin Keller-Sutter etwa eine sanktgallisch imprägnierte Regierungspolitik machen könnte. Und dennoch: Die Befindlichkeit wird auch im Thurgau nach einer Wahl von KKS eine andere sein. Aufgrund des Bewusstseins, dass jetzt wieder eine Person am Tisch der Landesregierung sitzt, die Land und Leute jenseits von Winterthur bestens kennt. Und die den Kanton Thurgau kennt. Die ganz selbstverständlich auch auf Thurgauer Boden wandelt, wenn sie ihre Kreise um die Heimatstadt Wil zieht. Das schafft Nähe. Das schafft Vertrauen, auf jeden Fall aber ein offenes Ohr.

So schön die Aussicht ist, sich bei der Bundesratswahl vom 5. Dezember kräftig mitfreuen zu dürfen über die neue Ostschweizer Bundesrätin – «unsere» Bundesrätin wäre Karin Keller-Sutter trotzdem nicht. Kann sie nie sein. Nicht auszudenken nämlich, welch epochaler Ruck durch diesen Kanton gehen würde, falls nach einer Durststrecke von bereits 84 Jahren dereinst wieder einmal ein Thurgauer oder eine Thurgauerin in die Landesregierung einziehen würde. Das wäre wie Ecstasy fürs Thurgauer Selbstbewusstsein. Und es wäre, psychologisch betrachtet, das grösste Geschenk, das man diesem Kanton machen könnte. Einmal wieder mittendrin zu sein.

An Versuchen mangelte es nicht. Angefangen bei dem in Bern in den 90er Jahren hoch gehandelten SP-Ständerat Thomas Onken, der 1995 aber SP-intern an der Hausmacht des Zürchers Moritz Leuenberger scheiterte. 2000 wagte Regierungsrat Roland Eberle aus dem Stand den Schritt in den Bundesrat. Er wurde landesweit als offizieller SVP-Kandidat hofiert, dann aber schmählich von den eigenen Partei-«Freunden» im Stich gelassen. Wieder nichts, obwohl man sich in Eberles Wohnort Weinfelden wohl bereits auf eine Bundesratsfeier gefreut hatte.

Die hätte acht Jahre später dann fast in Wängi stattgefunden. So nah wie Hansjörg Walter kam in den letzten Jahrzehnten kein Thurgauer mehr einem Bundesratssitz. Nur eine Stimme fehlte dem Nationalrat und Bauernpräsidenten 2008 für den Einzug in die Landesregierung. Die für den Thurgau tragischste Bundesratskandidatur der jüngeren Geschichte ist aber eine, die es gar nie gegeben hat. Im Schlafwagen hätte das Bundesparlament den ehemaligen Thurgauer Nationalrat Peter Spuhler bei mehreren Gelegenheiten in die Landesregierung gewählt. Allein: Er wollte und will nicht.

Also müssen es, wenn sich die Chance eines Tages wieder bieten sollte, Jüngere richten. Wobei Prognosen angesichts der vielen Unwägbarkeiten bei Bundesratswahlen eigentlich unmöglich sind. Deshalb nur so viel: Aus heutiger Sicht liegen die nächsten denkbaren Thurgauer Bundesratsambitionen noch in weiter Ferne − und sie liegen alle in Frauenhänden. Für Regierungsrätin Carmen Haag (CVP) sprechen ihr politisches Talent, das Alter sowie eine günstige Konstellation in der Kantonalpartei. Wenn sie den richtigen Zeitpunkt für einen Wechsel ins Bundeshaus nicht verpasst, scheint im Fall von Haag dann vieles möglich.

Das gilt auch für Haags Regierungskollegin Monika Knill (SVP) – falls Knill, die den anstehenden Ständeratswahlkampf ausgeschlagen hat, eines Tages doch noch in die Bundespolitik will. Bereits in Bern angekommen ist die dritte Thurgauer Hoffnungsträgerin: Nationalrätin und Senkrechtstarterin Diana Gutjahr (SVP). Sie hat den mächtigen Gewerbeverband im Rücken, muss sich in den kommenden Jahren nun aber politisch bewähren. Mehr noch: Beweisen, dass sie auch Meinungen zusammenführen kann.

Alles pure Spekulation, schon klar. Aber weiter hoffen darf man ja.

Karin Keller-Sutter will in den Bundesrat

Die St. Galler FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter will Nachfolgerin von Johann Schneider-Ammann werden. Dies hat die 54-Jährige am Dienstag in Wil SG bekannt gegeben.